Interview zur "InnovationCity Ruhr" Energiewende - die "Blaupause" aus Bottrop

Städte und die Energiewende - darüber spricht der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler auf der Energie-Messe "E-world" in Essen, die am Dienstag (05.02.13) beginnt. Ein Interview mit Tischler zu Fußgängern, Blaupausen und der Energiewende von unten.

Die Folgen des Klimawandels sind überall zu spüren: "Wenn Straßen und Keller volllaufen, entstehen immense Kosten. Daher müssen wir vor Ort etwas tun", sagt der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler. Ein Ziel des Projektes "InnovationCity Ruhr" ist es, Energie effizienter zu nutzen. Dafür wird ein Bottroper Stadtquartier mit 70.000 Einwohnern bis 2020 so umgebaut und modernisiert, dass 50 Prozent der CO2-Emmissionen im Vergleich zu 2010 eingespart werden.

Bernd Tischler
Oberbürgermeister von Bottrop, Bernd Tischler

Bernd Tischler ist Oberbürgermeister der Stadt Bottrop und begeistert vom Projekt "InnovationCity Ruhr". 2010 wurde die Stadt Bottrop zum Sieger des Wettbewerbs des Initiativkreises Ruhr gekürt. Der Wettbewerb hat auch Tischlers eigenes Verhalten beeinflusst: "Ich bin immer schon viel zu Fuß gegangen und mit dem Rad gefahren. Mein Haus ist energetisch saniert und ich habe eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Aber das Projekt ist auch Ansporn, immer noch ein Stückchen besser zu werden", erzählt er.

WDR.de: Herr Tischler, was geschieht derzeit in der "InnovationCity Ruhr"?


Zukunftshaus in Bottrop
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Sieht aus wie ein normales Haus - und wird zum Zukunftshaus umgebaut

Bernd Tischler: Wir bauen beispielsweise gerade drei Zukunftshäuser: Ein Einfamilienhaus, das nach der Modernisierung mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Durch optimale Dämmung, Photovoltaik und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Das machen wir auch mit einem Mehrfamilienhaus sowie mit einem Geschäftshaus in der Bottroper Innenstadt.


Zum Thema Mobilität haben wir etwa eine ganze Reihe von Elektro-Tankstellen im Stadtgebiet eingerichtet und erste Konzepte, dass Mieter von Wohnungsgesellschaften sich ein Elektromobil leihen können, also eine neue Form des Carsharing. Ein weiteres Beispiel: Wir bauen unser Klärwerk um zu einer Art Kraftwerk. Aus dem Klärschlamm erzeugen wir Energie, Wärme, aber auch Wasserstoff. Damit zeigen wir in Bottrop als Blaupause, wie so ein energetischer Umbau in der Stadt funktionieren kann - und das ist auch übertragbar auf andere Städte.

WDR.de: Wie groß ist die Akzeptanz des Projektes? Immerhin sind 70.000 der 120.000 Einwohner von Bottrop betroffen.


Tischler: Im Vorfeld des Wettbewerbs haben wir 20.000 Unterschriften gesammelt von Bottropern, die sich für das Projekt ausgesprochen haben. Natürlich gibt es Leute, die skeptisch sind. Aber ich werde nicht müde, die Vorteile zu beschreiben. Es geht ja auch um mehr Lebensqualität, um Arbeitsplätze. Und ich würde schon sagen, dass man in der Stadt eine Art Aufbruchstimmung spüren kann.

WDR.de: Was kostet das Ganze?

Tischler: Der Initiativkreis Ruhr, also die Industrie, unterstützt uns mit Personal, er hilft bei der Übernahme von Eigenanteilen bei Fördergeldern. In den letzten 2 1/2 Jahren sind in Bottrop rund 300 Millionen Euro investiert worden - seitens der Industrie, der Privatleute und der öffentlichen Hand. Wir arbeiten da also sehr eng mit der Industrie und der Wirtschaft zusammen, das ist auch eine Besonderheit des Projekts "InnovationCity Ruhr".

WDR.de: Das Projekt läuft seit einiger Zeit, und es gab auch kritische Stimmen. Da war zum Beispiel von einem grandiosen Fehlstart die Rede...

Tischler: Wenn sie etwas Neues erfinden - es gibt eben bisher keinen Stadtumbau solcher Größe - dann ist das oft am Anfang schwierig. Bestehende Strukturen umzubauen ist deutlich schwieriger, als alles neu zu bauen. Für mich war klar, dass wir erstmal die entsprechenden Strukturen aufbauen müssen. Inzwischen sehen wir, dass das Projekt Fahrt aufgenommen hat. Ich bin mir sicher: Wir schreiben hier die Blaupause in Bottrop, für die Energiewende von unten. Wenn die Energiewende in Deutschland gelingen soll, dann spielen die Städte dabei eine ganz wichtige Rolle. Die Bundesregierung kümmert sich um Offshore-Windparks und die großen Stromleitungen für den Transport über weite Strecken, das ist die Energiewende von oben. Wir erzeugen Strom und Wärme in den Stadtteilen und bauen ein System auf, dass der dort erzeugte Strom und die dort erzeugte Wärme auch im Stadtteil verbraucht werden können. Das hört sich zwar banal an, ist aber technisch hoch anspruchsvoll.

WDR.de: Wie lässt sich das auf andere Städte und auf ländliche Gebiete übertragen?

Tischler: Das Interesse ist national wie international sehr groß. Und die Maßnahmen sind auf ländliche Räume durchaus übertragbar, da gibt es manchmal sogar noch mehr Potenzial zur Energieerzeugung, denken Sie mal an Biogas. Allerdings wird der Schwerpunkt der Energiewende auf den Städten liegen, das ist die Hauptherausforderung.

Die Fragen stellte Annika Franck.


Stand: 05.02.2013, 12.36 Uhr


Kommentare zum Thema (6)

letzter Kommentar: 07.02.2013, 20:49 Uhr

Nichts neues unter der Sonne schrieb am 07.02.2013, 20:49 Uhr:
Wieder mal ein rotgrünes Leuchturmprojekt *grins* und dafür brauchen die Genossen und ihr grüner Bettvorleger Muttis Kohle.. ne ne ne
Eine Nachbarin schrieb am 06.02.2013, 07:18 Uhr:
Ja ja, auf der einen Seite Umweltschutz und auf der Anderen eine neue Autobahn ( A52 ) die, wenn sich die Energiewende wirklich durchsetzen würde ja nicht mehr gebraucht wird. Wie passt das zusammen?
Lotte schrieb am 05.02.2013, 18:34 Uhr:
Ich glaube genau das ist es. Die Energiewende mit der Industrie und nicht gegen sie. Die Energiewende muss so gestaltet werden das auch die Industrie ihre Vorteile darin sehen kann. Umweltschutz muss nicht gegen die Industrie donnern mit der Industrie verwirklicht wird. Ganz praktisch können dabei eine menge neuer Arbeitsplätze entstehen.
Niedrigenergieparteien in bürgerlosen Bunkern schrieb am 05.02.2013, 17:39 Uhr:
Wann modernisieren wir die Parteienlandschaft? Hoffentlich sind die supergedämmten Energiesparhäuser besser durchlüftet als die Parteien, bei denen Funktionäre nicht mehr nach Einsetzen selbiger vom Sessel gehen und den Weg für gute Ideen/Luft versperren. Die von Bürgern tränengeschwängerte Luft in den schlecht belüfteten Einheiten lässt den Schimmel sprießen?
Welheimer schrieb am 05.02.2013, 16:23 Uhr:
Wenn auch in Bottrop wieder die SPD Genossen herumwerkeln, dann kann man schon jetzt sagen, dass die ganze Sache in die Hose geht. Sie werden sich aber zwischendurch die Taschen voll machen und am Ende waren sicher wieder die anderen Schuld.

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