Rot-Grün einigt sich auf Eckpunkte: Regelschulen auch für Kinder mit Behinderung
Rot-Grün hat sich am Dienstag (07.02.2012) auf Eckpunkte für ein inklusives Bildungssystem in NRW geeignet: Kinder mit Behinderung sollen ab 2013 einen Rechtsanspruch auf Unterricht an einer Regelschule bekommen. Obwohl ein Papier der CDU als Vorlage diente, forderte diese Nachbesserungen.

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Ob mit oder ohne Behinderung - Kinder sollen in Zukunft zusammen lernen
Kinder mit Behinderung sollen in Zukunft statt an Förderschulen hauptsächlich an Regelschulen unterricht werden. Dass die sogenannte Inklusion in NRW umgesetzt wird, ist bereits seit Dezember 2010 beschlossene Sache. Wie allerdings dafür Lehrerausbildung, Schulen und das Bildungssystem verändert werden sollen, ist bislang unklar gewesen.
Rechtsanspruch ab Schuljahr 2013
Am Dienstag (07.02.2012) hat sich Rot-Grün nun auf Eckpunkte für den Weg zur inklusiven Schule in NRW geeinigt. Das Papier, das dem WDR vorliegt, sieht ab dem Schuljahr 2013/14 einen Rechtsanspruch für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf einen Platz an einer Regelschule vor. Zudem sollen Vereinbarungen mit den Unis getroffen werden, mehr sonderpädagogische Lehrkräfte auszubilden. Der Bedarf an den besonders geschulten Lehrern soll auch über Zusatzqualifikationen und Schulungen abgedeckt werden. Die Schulen sollen zudem ein noch nicht näher beziffertes "Start-Budget" für eben diese Schulungen und eventuelle Umbaumaßnahmen erhalten.
Rot-Grün schreibt von CDU ab, die ist aber trotzdem nicht zufrieden
Beim Thema Inklusion soll die CDU als Mehrheitsbeschaffer für die Minderheitsregierung dienen, dazu hatte die Oppositionspartei auch schon ihre grundsätzliche Bereitschaft angekündigt. Deswegen ähnelt der rot-grüne Antrag auch sehr stark dem christdemokratischen Positionspapier zum Thema. Doch vorerst ist das politische Kalkül nicht aufgegangen: Die CDU meldet Nachbesserungsbedarf an. "Da sind Abschwächungen und Relativierungen drin", urteilt Klaus Kaiser über den rot-grünen Antrag. Der schulpolitische Sprecher der CDU fordert eine klarere Personalplanung, ausreichende Fortbildungsmaßnahmen und pocht auf eine "qualitativ hochwertige" Umsetzung der Inklusion. "Wir wollen nicht zu etwas 'Ja' sagen, das dann vor Ort nicht funktioniert", so Kaiser.

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Sören Link (SPD), Sigrid Beer (Grüne) und Klaus Kaiser (CDU) (v.l.n.r.)
Als schulpolitische Sprecherin der Grünen findet Sigrid Beer die rot-grünen Eckpunkte naturgemäß so gut, "dass die CDU dazu eigentlich nicht mit guten Gewissen Nein sagen kann." Geplant sei, dass die Fördermittel mit dem Kind "mitgehen", also dort verwendet werden dürfen, wo das Kind unterrichtet wird. Heißt: Mehr sonderpädagogische Fachkräfte an Regelschulen. Über das Stellenbudget werde allerdings noch beraten. Klar sei, Inklusion gebe es nicht zum Nulltarif. Und natürlich setze man bei der Umsetzung auf Qualität.
Alle wollen einen "ehrlichen Zeitplan"
Bei all der parteipolitischen Wortklauberei, an zwei sehr grundsätzlichen Punkten sind sich die drei Parteien schon jetzt einig: Die Eltern sollen weiterhin die Wahl haben, ob sie ihr Kind auf eine Förder- oder eine Regelschule schicken. Und: Die Inklusion soll schrittweise umgesetzt werden. So sollen nicht etwa alle 724 Förderschulen in NRW abgeschafft werden, sondern abhängig vom Bedarf erhalten bleiben.
Bleibt der Zeitplan: Der soll "ehrlich" sein, so steht es sowohl im rot-grünen wie auch im CDU-Papier; eilige Maßnahmen, die Qualitätsanforderungen und Ressourcenfragen außer Acht ließen, seien nicht verantwortbar. Und dennoch tritt Beer auf die Tube: Der Gesetzentwurf zur Inklusion soll vor den Sommerferien eingebracht und im Spätsommer verabschiedet werden. Mit den Stimmen der CDU? "Das bleibt weiterhin das Ziel." Statt abgeschrieben soll nun geredet werden.
Stichworte
- Inklusion
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Inklusion bedeutet, dass Schulen und die Didaktik von vornherein auf die Unterschiedlichkeit der Schüler und eine individuelle Förderung ausgerichtet sind. So sollen auch Kinder mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung die Möglichkeit bekommen, eine allgemeinbildende Schule zu besuchen.
1994 wurde erstmals in der sogenannten Salamanca-Erklärung der Unesco-Konferenz Inklusion als wichtigstes Ziel der internationalen Bildungspolitik benannt. Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde die "inklusive Bildung" im Völkerrecht verankert. Mit Unterzeichnung verpflichtete sich auch Deutschland ein Bildungssystem zu errichten, in dem der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung der Regelfall ist. Alle Bundesländer stehen nun vor der Aufgabe, ihre Schulgesetze entsprechend der neuen gesetzlichen Grundlage weiter zu entwickeln.
NRW-weit wurden im Schuljahr 2010/11 16,7 Prozent der Kinder mit einem diagnostizierten sonderpädagogischem Förderbedarf in allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Damit liegt NRW unter dem Bundesdurchschnitt, der bei 20 Prozent liegt. Deutschlandweit wird an Grundschulen wesentlich öfter inklusiv unterrichtet als an Schulen der Sekundarstufe I.
Stand: 07.02.2012, 16.45 Uhr
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Kommentare zum Thema (15)
letzter Kommentar: 08.02.2012, 18:54 Uhr
- Günter schrieb am 08.02.2012, 18:54 Uhr:
- Die inklusiveren Schultypen sind sicher nicht der Weisheit letzter Schluß. Doch Deutschland scheint damit, im europäischem Vergleich hoffnungslos hinterher zu hinken. Viele andere europäische Länder haben damit schon eine menge Erfahrung gemacht. Sie denken offensichtlich überhaubtnicht daran sie wieder abzuschaffen. Ein wichtiger Punkt ist wohl dabei das es überhaupt nicht stimmt das gute Schüler dadurch ausgebremst werden. Das Leistungsniveau wird also gar nicht heruntergezogen wie von vielen Leuten einfach behauptet wird.
- Tanja schrieb am 08.02.2012, 14:30 Uhr:
- Dann hoffe ich mal das Sie und ihre Lieben alle gesund und munter bleiben...und lange der Gesellschaft mit IhrerLeistung dienen können..somit haben Sie natürlich auch das Recht-oder Unwissen-darüber zu urteilen wie behindert man sein darf und ab wann Ihre gesunden Kinder gefährdet sind-natürlich nur im Schulunterricht-den behindert sein...ist ja zum Glück nicht ansteckend!!!!
- andrea schrieb am 08.02.2012, 14:23 Uhr:
- Ich halte das für keine gute Idee! So bitter es sich anhört: Aber in der Schule, wo Grundlagen angelegt werden sollen, können m. E. geistig behinderte und nicht geistig behinderte Kinder nicht gemeinsam unterrichtet werden. Ich denke, bei derart unterschiedlichen Erfordernissen bzw. Anforderungen bleibt in jedem Fall im Grunde die ganze Klasse auf der Strecke. Und letztlich wird es im Berufsleben ja auch nicht gemeinsam gehandhabt: Behinderte werden doch nur eingestellt, weil die Firmen es müssen! Ich glaube nicht, daß ein gewinnorientiert denkender Firmeninhaber freiwillig einen Behinderten einstellt.
- schwarzer Martin schrieb am 08.02.2012, 12:52 Uhr:
- Ozzy-- Irrtum. Das Saarland hat der rote Oskar mit seinem Bergbausubventionen ruiniert. Peter Müller hat es nur nicht geschafft, Schulden abzubauen. Als der Linke Oskar das Saarland übernommen hat, war das Land noch vollkommen gesund. Einfach erst schlau machen, dann schreiben...
- JUKUK schrieb am 08.02.2012, 12:38 Uhr:
- Toll das Wort Inklusion. Da setzt man ein körperlich oder geistig behindertes Kind neben ein normales, oder eventuell ein hochintelligentes Kind, möglichst in Klassen größer 25 und der arme Lehrer soll das dann hinkriegen, daß alle was Ordentliches lernen. Das wird so nicht funktionieren. Nicht umsonst bestehen Förderschulen aus sehr kleinen Klassen mit besonders ausgebildeten Lehrern. Und der normale Lehrer kriegt dann einen Crash-Kurs. Wie blöd darf man im Landtag von NRW und seiner Regierung eigentlich sein? Deutschland schafft sich ab, wie wahr. Hanni und Nanni werden das schon richten. Mit Volldampf zurück in die Steinzeit ist die Devise der rot/grünen Regierung.
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