Kommentar zu 100 Tagen Rot-Grün: Knirschen im rot-grünen Gebälk
Einhundert Tage ist es her, dass Hannelore Kraft zum zweiten Mal Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen wurde. Einen Tag später stand ihr Kabinett. Wie haben sich Regierungschefin und Minister des Kabinetts Kraft II geschlagen?

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Rainer Kellers
Ist die rot-grüne Regierung wirklich schon hundert Tage im Amt? Es kommt einem nicht so vor. Und wenn man es genau betrachtet, ist die Regierungsmannschaft auch erst knapp einen Monat so richtig auf Betriebstemperatur. Nach der Vereidigung am 20. Juni passierte nicht viel. Ein paar eilige Gesetze wurden beschlossen, dann verabschiedete sich das politische Düsseldorf erschöpft in die Sommerpause. Und die dauerte gefühlt bis Anfang September. Richtigen Elan versprüht das rot-grüne Regierungsteam bislang nicht.
Weitermachen wie bisher
Die angepackten Projekte sind zudem beinahe ausschließlich solche, die wegen der überraschenden Neuwahl liegen geblieben sind. Neue Themen, eine Vision für die kommenden fünf Jahre, eine Gesamtüberschrift über das Regierungshandeln - Fehlanzeige. Wenn überhaupt, hat Hannelore Kraft ihren Regierungsslogan aus der Zeit der Minderheitsregierung wieder aufgegriffen: Es soll weiter präventive Politik gemacht, Reparaturkosten in der Zukunft sollen vermieden werden. So konnte man ihre Regierungserklärung verstehen. Eine Lehre aus der Wahl, die nötig wurde, weil der Haushalt keine Mehrheit hatte, hat Kraft nicht gezogen. Es soll weitergehen wie bisher.
![Bildrechte: WDR, dapd [M] Bösel Die SPD-Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen, Ministerpraesidentin Hannelore Kraft](/themen/politik/kraft204_v-ARDAustauschformat.jpg)
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Daumen hoch für die ersten 100 Tage? Nicht unbedingt
Sicher, es ist nicht alles schlecht, was die Regierung während der zwei Jahre in der Minderheit angepackt hat. Im Gegenteil. Klammert man die Neuverschuldungspolitik aus, fällt die Bilanz doch ziemlich positiv aus. Der Schulkonsens wurde geschlossen, ein Umdenken bei den Städtefinanzen eingeleitet, die Bildung in den Mittelpunkt gestellt. Die Regierung Kraft Eins hat viel geschafft in den zwei Jahren. Jetzt, mit eigener Mehrheit, stottert sie sich durch die ersten 100 Tage.
Bei der Finanzpolitik fällt Rot-Grün nichts ein
Dabei gäbe es Themen genug, die ein energisches Zupacken verdienten. Zuallererst natürlich die Finanzen. Der zuständige Minister Norbert Walter-Borjans macht beinahe täglich Schlagzeilen als Rächer des ehrlichen Steuerzahlers im Kampf gegen die Schweiz. Als guter Haushälter ist er dagegen nicht in Erscheinung getreten. Während sechs der 13 Flächenbundesländer 2012 keine neuen Schulden mehr aufnehmen, leiht sich NRW 4,6 Milliarden Euro von den Banken - mit Abstand die höchste Summer aller Länder. Als Lösung fallen Walter-Borjans und Kraft vor allem neue Steuern ein. Das ist zu wenig.
Das Megathema Energiewende
Auch in anderen Bereichen läuft es nicht rund. Bei den Unis beispielsweise, die dem doppelten Abijahrgang entgegenzittern. Oder bei den Kitas, die 2013 absehbar nicht genügend U3-Plätze anbieten können. Die Inklusion wurde endlich auf den Weg gebracht, aber niemand weiß so recht, ob das gemeinsame Lernen wirklich funktioniert. Beim Rauchverbot und der Dichtheitsprüfung schließlich knirscht es ordentlich im rot-grünen Gebälk. Und dann ist da noch die Energiewende. Konkrete Lösungsvorschläge zum Megathema der nächsten Jahre hat man vom neuen Wirtschaftsminister Garrelt Duin in den ersten 100 Tagen nicht gehört. Auch nicht von Hannelore Kraft, die das Thema zur Chefinnensache gemacht hat. Duin erweckt immerhin den Anschein, die Energiewende wirklich angehen zu wollen. Darin unterscheidet er sich von seinem blassen Vorgänger Harry Kurt Voigtsberger.
Opposition mit sich selbst beschäftigt
Es ist also noch deutlich Luft nach oben bei Rot-Grün Teil zwei. Das gilt auch für die Oppositionsparteien. Die CDU hat die ersten hundert Tage nach der Konstituierung der Regierung vor allem damit verbracht, die eigene Pleite aufzuarbeiten und einen Kurs für die Zukunft zu finden. Letzteres ist längst noch nicht gelungen. Die FDP feiert vor allem ihren Vorsitzenden Christian Lindner. Und die Piraten irrlichtern immer noch orientierungslos durch den Landtag.
Die für nächste Woche geplanten Plenarsitzungen haben die Parlamentarier übrigens abgesagt. Es stehe nichts Dringendes an. Außerdem sind ja bald Herbstferien. Kaum zu glauben.
Stand: 27.09.2012, 15.45 Uhr
Kommentare zum Thema (38)
letzter Kommentar: 30.09.2012, 21:22 Uhr
- @Stürmer schrieb am 30.09.2012, 21:22 Uhr:
- Was haben sie eine obskure Vorstellung vom Kommunismus. Zum Kommunismus gehört ganz klar das jeder die Chance hat von seiner Hände Arbeit zu leben und nicht die Chance auf Kosten anderer. Bevor sie über die weiter herziehen die auf die Unterstützung der Allgemeinheit angewiesen sind sollte sie genau denen einfach mal Arbeit geben.
- Stürmer schrieb am 30.09.2012, 01:14 Uhr:
- @"Ist alles privatisiert muss es nachher...usw...", du bemängelst: "...Personalkosten fast so hoch wie Sozialkosten...". Hallo? In welcher Welt lebst du denn? Natürlich sind Personalkosten höher als Sozialkosten. Das "Personal" leistet Arbeit und bringt das Geld wieder ein. Das "Personal" hält diesen Staat auf höchstem Niveau am kacken. Die Leute die Sozialkosten verursachen bringen gar kein Geld ein. Die kosten Geld. Die kosten sogar doppelt Geld. Die zahlen nichts ein und werden noch bestens versorgt. Die kosten Geld für keine Gegenleistung. Die kosten u.a. mein Geld. Du bist der Melker, der immer mehr Geld von schaffenden Leuten fordern möchte um Leuten die nicht arbeiten oder Werte schaffen das Gleiche zu ermöglichen. Das was du möchtest ist Kommunismuss: Die Faulen, Schwachen und Dummen sollen das Gleiche haben wie die Schlauen, Starken und die Fleißigen. Mein Geld bekommst du nicht für faule Leute.
- Ist alles privatisiert muss es nachher wieder verstaatlicht schrieb am 29.09.2012, 10:39 Uhr:
- Auffallend in SPD-Regierungs-oder OB-Haushaltsreden sind immer die unterstrichenen Sozial-und Bildungskosten, aber bei den oftmals ähnlich hohen Personalkosten wird geschwiegen. Natürlich sind die Sozialkosten eplodiert nach Europapolitik dereinst von Kohl über Spätaussiedler(als potentielle CDU-Wähler) und SPD-Grüne "Oh kommet doch all-Gesänge" eines Fischer vor Untersuchungsausschuß zu gefälschten Visas in Umkreis der Botschaft in der Ukraine. Aber während Schroder 2000 die Lohnerhöhungen in vielen Branchen auf Stop oder gar Minus drückte, ging es im ÖD aber viel stärker noch speziell bei den Beamten weiter! Während also die milchgebende Kuh(Arbeitnehmer in freien Marktwirtschaft) auf Magerkost gesstzt wurde, forderte der "Melker" immer höheren "Fettanteil". So ist es z.b auch in Dortmund dem Haushalt 2013 zu entnehmen, Personalkosten fast so hoch wie Sozialkosten, aber debattiert wird nur Sozialkosten und Einnahmesituation. Da wo wirklich leicht zu sparen wäre wird nichts getan?
- Tschüss SPD schrieb am 29.09.2012, 08:20 Uhr:
- @Friedrich War die Aussage von Rüttgers nicht die ehrlichere und weniger kostspielige Aussage? Sind die Aussagen von Kraft nicht eher nebulös, den Menschen unbezahlbare und nicht durchführbare Hoffnungen machend? Mir ist das mit Frau Kraft alles zu viel Schischi, wenn ich schon die geschönten Fotos von ihr sehe und dann wieder realistische Abbildungen, dann assoziiere ich dazu passend ihre politischen Aussagen und Aktionen. Mir ist das alles zu viel heiße Luft - zuwenig Substanz. Aber bitte, die meisten Menschen hören lieber was Angenehmes, sehen auch lieber etwas Schönes.
- Stürmer schrieb am 29.09.2012, 00:20 Uhr:
- @Gabriel: Nö, da liegst du falsch. Da gibt es nichts zu verkraften. Hat sich doch nichts geändert. Es gibt ne menge Menschen die nicht Schwarz, Rot, Gelb oder Grün hinterherhecheln und deren Unfähigkeit (das ehemals reicheste Bundesland) in Kadavergehorsam gegenüber wachen Mitmenschen zu verteidigen möchten. Dem Bayer ist es eh egal wer NRW vor die Wand fährt, hauptsache er macht so weiter wie die NRW- Politik der letzten 60 Jahre.
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