FDP-Politiker Baum wird 80 "Ein zorniger alter Mann"

Er gilt als das sozialliberale Gewissen der FDP und bezeichnet sich selbst im Interview mit WDR.de als so etwas wie einen zornigen alten Mann. Am Sonntag (28.10.2012) wird der in Köln lebende Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum 80 Jahre alt. Ein Gespräch über sein Lebenselixier und die Fehler der FDP.


Gerhart Rudolf Baum sitzt am Schreibtisch in seinem Büro
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Der damalige Bundesinnenminister Baum 1978 in seinem Bonner Büro

Seit 1954 ist Gerhart Rudolf Baum Mitglied der FDP. Ab 1972 gehörte der Jurist und Wahl-Kölner 22 Jahre lang dem Bundestag an. Von 1978 bis 1982 war Baum Bundesinnenminister. Neben und nach seiner Karriere als Berufspolitiker engagierte er sich unter anderem für Menschenrechte, als Kulturförderer sowie als Anwalt für Opfer der Duisburger Loveparade-Katastrophe.

WDR.de: Herr Baum, zum 80. Geburtstag haben Sie eine Autobiografie mit dem Titel "Meine Wut ist jung" vorgelegt. Kann es sein, dass einige in der FDP Sie eher als zornigen alten Mann sehen?

Gerhart Baum: Na und? Warum nicht? Ich bin in bestimmten Situationen ja auch so etwas wie ein zorniger alter Mann. Ich habe mehrere Jahrzehnte politische Ämter in der FDP gehabt. Ich nehme mir jetzt das Recht heraus, die FDP zu fordern, eine wirklich liberale Partei zu sein. Die Bundes-FDP steckt leider nach wie vor in einer Existenzkrise.

WDR.de: Und die FDP in Nordrhein-Westfalen?

Baum: Christian Lindner hat Glaubwürdigkeit zurückgewonnen. Im Bund macht die FDP wieder den Fehler, sich auf wenige wirtschaftspolitische Themen wie Inflationsbekämpfung, Wachstum und Haushaltskonsolidierung zu reduzieren. Ich wehre mich entschieden gegen die erneute Verengung des liberalen Themenspektrums durch Parteichef Philipp Rösler und Generalsekretär Patrick Döring. Die FDP muss eine Vision für Europa entwickeln, den Kampf gegen die Gefährdung der Privatheit führen und Vorstellungen einer künftigen Wissensgesellschaft erarbeiten.

WDR.de: Was müsste eigentlich passieren, dass Sie nach knapp 60 Jahren Mitgliedschaft aus der FDP austreten?

Baum: Wenn die FDP sich von Europa abwenden und in nationalstaatliches Denken zurückfallen würde, dann wäre der Punkt gekommen. Entscheidende Kräfte wie der Außenminister setzen aber in der Tradition von Genscher auf Europa.

WDR.de: Sie haben bittere Niederlagen hinnehmen müssen. Gegen Ihren Willen wechselten die Liberalen 1982 die Koalition von sozialliberal hin zum CDU-Mann Helmut Kohl. Die Verschärfung des Asylrechts konnten Sie auch nicht verhindern. Warum machten Sie trotzdem weiter?

Baum: Niederlagen sind nicht erfreulich. Aber wir haben immer wieder gekämpft, gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Lord Dahrendorf, Werner Maihofer und Karl-Hermann Flach. Niederlagen haben uns immer stärker gemacht. Man kann in einer Partei auch weiter kommen, indem man sie im Streit zu verändern sucht, statt sich anzupassen.

WDR.de: In den letzten Jahren haben Sie immer wieder mit juristischen Klagen für Freiheitsrechte gekämpft. 2008 stoppte das Bundesverfassungsgericht zum Beispiel das Gesetz ihres Parteikollegen, des damaligen NRW-Innenministers Ingo Wolf, zur Online-Durchsuchung von privaten Computern. Haben Sie mit ihm mal darüber geredet?


Gerhart Baum

Gerhart Baum klagt auch gegen FDP-Politiker

Baum: Nein, eigentlich nicht. Ich habe mit meinem Freund Burkhard Hirsch eine Reihe von Fehlentwicklungen in der Politik der inneren Sicherheit aufgegriffen. Das NRW-Gesetz wurde komplett aufgehoben. Wir kämpfen gegen die ausufernde Sammlung von Daten.

WDR.de: Als Bundesinnenminister haben Sie 1979 mit dem Ex-RAF-Terroristen Horst Mahler in einem "Spiegel"-Gespräch diskutiert. Zehn Jahre später haben Sie an einer Podiumsdiskussion mit dem rechten Republikaner-Chef Franz Schönhuber teilgenommen. Würden Sie Bundesinnenminister Friedrich heute auch empfehlen, zum Beispiel mit einem jungen Islamisten öffentlich zu streiten?

Baum: Ich würde es ihm empfehlen, wenn es sich um einen Ex-Islamisten handelt, der eingesehen hat, dass er mit Gewalt auf dem falschen Weg war. Mahler appellierte damals dafür, vom Terrorismus Abstand zu nehmen. Nur deshalb habe ich mit ihm diskutiert. Ich wollte das Feld der RAF-Sympathisanten erreichen.

WDR.de: In den 80er-Jahren waren Sie mal in der Top 3 der Vielredner im Bundestag. Auch heute sind Sie in Talkshows sehr präsent. Werden Sie mit 80 jetzt kürzertreten?

Baum: Mit einiger Eitelkeit muss ich gestehen, dass ich mich freue, wenn ich nach meiner Meinung gefragt werde. Dieses Neugierigbleiben, nach Lösungen suchen und sich Kontroversen zu stellen, ist für mich ein Lebenselixier.

Das Interview führte Martin Teigeler.


Stand: 28.10.2012, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (11)

letzter Kommentar: 31.10.2012, 12:59 Uhr

Hermann Schmidt schrieb am 31.10.2012, 12:59 Uhr:
Herr Baum ist der letzte Liberale in der heutigen Parteienwelt. In der derzeitigen CDU finden wir nur den Herrn Bosbach der mit Anstand seine Arbeit macht. Der Rest sind Warmduscher. Ich sehe persönlich nur die Gefahr, dass aus dieser Verdrossenheit ein radikaler Typ auf einmal das Sagen hat. Was haben wir doch schon alles gehabt? Einen Bundeskanzler mit einem Ehrenwort, welches über seinem Amtseid steht, einen Bundeskanzler der eine Pipeline durch die Ostsee befürwortet, und nach seiner Amtszeit sofort zu diesen Gaslieferanten wechselt. Einen vorbestraften Innenminister, einen Finanzminister mit Erinnerunglücken, sowie einen Bundespräsidenten der wegen persönlicher Vorteilsname einem Verfahren entgegensieht. Von den kleineren Vertretern dieser Gesellschaft ganz zu schweigen
hajo schrieb am 31.10.2012, 07:41 Uhr:
Es waren menschliche und politische Charaktere und Persönlichkeiten wie Gerhart Baum, die mich vor 30 Jahren zum Eintritt in die FDP veranlasst und viele Jahre aktiver Parteiarbeit veranlasst haben. Solche Charaktere gab es auch in der SPD und CDU. Meine aktive Zeit ist schon lange vorbei. Ich sage: Danke, Gerhart Baum. Bleiben Sie der FDP noch lange erhalten und bitte melden Sie sich oft zu Wort.
Pat(t) und Pa(t)achon schrieb am 29.10.2012, 09:55 Uhr:
Mir wäre eine FDP mit lauter(eren) Baums und Hirschs lieber als jetzige SPD, in der eine Kraft dafür plädiert, bis 2020 an Senkung der Renten auf 43% festzuhalten und alle in der mittlerweilen weltfremden (a)sozialen Partei bejubeln so etwas als tauglichen Kompromiss. Die Altparteien insgesamt sind in der Überalterungskrise ihrer Ideen und vergreisen vom Programm. Nicht das persönliche Alter der Politiker ist entscheidend, sondern die in die Jahre gekommenen Parteiführungen und deren Programmatik.
heinzb aus nrw schrieb am 28.10.2012, 20:13 Uhr:
Einer der sehr wenigen Politiker in Deutschland, die Respekt und Achtung sich verdient haben nicht auf Grund ihres Amtes, sondern auf Grund ihrer Leistung in diesem Amt.
Rhodan schrieb am 28.10.2012, 19:43 Uhr:
Er hat bis 82 sozialstaatliche und freiheitliche Werte vertreten. Die waren damals sehr modern. Als die FDP zur CDU umfiel, ist er schön in diesem Verein geblieben. Anstatt auszusteigen wie Hamm-Brücher, Dahrendorf und viele andere, hat er seine Karriere verteidigt. Nach 1982 verstimmte sein freiheitliches Gewissen. Zwanzig Jahre muckte er nicht rum. Nun ist sein Lebensabend gesichert und er spielt wieder risikolos den Kritiker. Charakter sieht anders aus.

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