Faktencheck zu "Hart aber fair" Papa, Papa, Kind: Homo-Ehe ohne Grenzen?

Absolute Gleichheit für schwule Paare: Die CDU gönnt sich ein Streitthema und trifft für viele den Nerv. Ist Ehe wirklich gleich Ehe - inklusive Steuervorteil und Recht auf Adoption? Oder ist Familie nur da, wo Mann und Frau sind? Im Faktencheck bewerten Experten einige Aussagen aus der Sendung vom 03.12.2012.

In eigener Sache: Der Faktencheck zur vergangenen "Hart aber fair" - Sendung ist auf besonders großes Interesse gestoßen. Die zahlreichen Anregungen zu dem sensiblen Thema hat die Redaktion zum Anlass genommen, den Bewertungen der Gästeaussagen auch aus familienwissenschaftlicher und sexualmedizinischer Sicht Raum zu geben.

Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen und Behauptungen von Experten überprüfen. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.

Martin Lohmann über Homosexuelle und Sexualität

Der Theologe und Journalist Martin Lohmann zieht Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie heran. Demnach sei Sexualität "etwas Kostbares, das gestaltet und entfaltet" werden müsse. Sich mit diesem Gedanken zu identifizieren, falle manchen Homosexuellen jedoch schwer. Hat er Recht?

Martin Lohmann Video Martin Lohmann mit Birgit Kelle (00:23 Min.)

Martin Lohmann mit Birgit Kelle

"Nein, er hat nicht Recht", sagt der Sexualmediziner Volkmar Sigusch. Im Gegenteil: "Bisher sind nach allen Studien der letzten Jahrzehnte Homosexuelle sogar behutsamer mit erotischen und sexuellen Reizen und Erregungen umgegangen als Heterosexuelle, weil sie ahnten oder wussten, dass die Kostbarkeit in Gefahr ist, verboten oder vernichtet zu werden." Trotz der neosexuellen Revolution mit neuen Rechten für gleichgeschlechtlich Liebende wird dies nach Ansicht von Sigusch auch noch lange so bleiben, "weil für Heranwachsende das homosexuelle oder lesbische Empfinden immer noch etwas Verpöntes ist - wie wir auf den Schulhöfen leider heute noch hören können."

“Der Bezugspunkt für die Aussage von Martin Lohmann ist eine PR – Aktion zur Selbstdarstellung der Gruppe der Homosexuellen“, sagt Notker Klann. “Sexualität ist immer eine Gabe und Aufgabe, die gestaltet werden muss und mit einer hohen Formbarkeit verbunden ist.“ Wie dies geschehe, ist von sehr vielen Faktoren abhängig, so Klann. Die Auswahl dieser Faktoren bzw. das Einlassen auf diese seien von persönlichen Entscheidungen abhängig. “Einschränkungen, in der beschriebenen Weise, die sich aus der Entwicklungspsychologie ableiten lassen, sind so nicht bekannt.“

Birgit Kelle über die Methodik einer Studie der Uni Bamberg

Eine Studie der Uni Bamberg kommt zu dem Ergebnis, dass es kaum Unterschiede zwischen den Entwicklungen von Kindern aus gleichgeschlechtlichen und Kindern aus heterosexuellen Partnerschaften gibt. Die Journalistin Birgit Kelle zweifelt jedoch an der Methodik der Studie. Sie sei lediglich eine "Befragung und Selbsteinschätzung dieser Mütter." Darüber hinaus hält sie sie für nicht repräsentativ, weil fast nur lesbische Mütter befragt worden seien. Sind ihre Zweifel an der Methodik berechtigt?

Birgit Kelle Video Birgit Kelle (li.) mit Lucy Diakovska und Stefan Kaufmann (00:53 Min.)

Birgit Kelle (li.) mit Lucy Diakovska und Stefan Kaufmann


"Die Studie wurde im Auftrag des Bundesministerium der Justiz durchgeführt. Der Auftraggeber legte fest, dass es eine Querschnittsstudie - keine Langzeitstudie - werden soll", sagt Dr. Notker Klann, der selbst im wissenschaftlichen Beirat zur Studie saß. "Die Tatsache, dass Frauen den größten Teil der untersuchten Personen ausmachen, ist in der Realität begründet, was für die Repräsentativität der Stichprobe spricht." Die Untersuchung sei als "Totalerhebung" – der Erfassung aller Paare, die als eingetragene Lebensgemeinschaft in Deutschland leben - geplant gewesen, so der Psychologe. Allerdings hätten datenschutzrechtliche Vorbehalte, unter anderem einiger Bundesländer, dazu geführt, dass die Untersuchungsgruppe zur Stichprobe wurde. Klann: "Dieser Einflussfaktor kann im Sinne des Studienzieles, nicht als ergebnisverfälschend angenommen werden." Dennoch seien zur Absicherung und Vertiefung der Befunde weitere Studien nötig, um auf der Grundlage von statistischen Kriterien eine Prognose über die Entwicklung von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften formulieren zu können.

Martin Lohmann über eingetragene Lebenspartnerschaften

Martin Lohmann kann bei Betrachtung der Zahlen den "Hype" um die Diskussion über die Gleichstellung von homosexuellen Paaren nicht verstehen. Er sagt, gerade einmal 0,058 Prozent der Gesamtbevölkerung leben in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Panel "Hart aber fair" Video Panel "Hart aber fair" (00:25 Min.)

Panel "Hart aber fair"


Verlässliches Zahlenmaterial zur Anzahl homosexueller Männer und Frauen in Deutschland gibt es nicht. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland schätzt, dass zwischen 1,1 und 2,7 Prozent der Männer schwul und zwischen 0,4 und 1,1 Prozent der Frauen lesbisch sind. Nimmt man an, dass insgesamt zwei Prozent der Menschen homosexuell sind, so trifft die Größenordnung, die Lohmann nennt, zu. Bei einer Bevölkerung von 81,8 Millionen wären demnach rund 1,64 Millionen Menschen homosexuell. Laut Statistischem Bundesamt leben 54.000 Menschen in 27.000 eingetragenen Lebenspartnerschaften. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen machen sie einen Anteil von rund 0,06 Prozent aus.

Lucy Diakovska über Eltern und Kindeswohl

Lucy Diakovska ist sicher, dass sich ein lesbisches Paar vor dem Entschluss ein Kind zu bekommen, viel mehr Gedanken über das Kindeswohl macht als dies bei vielen verschiedengeschlechtlichen Paaren der Fall ist. Hier mache man sich diese Gedanken oftmals erst, wenn das Kind da ist. Darüber hinaus stehe es häufig auch nur an zweiter oder dritter Stelle. Stimmt ihre Einschätzung?

Lucy Diakovska Video Lucy Diakovska mit Ralph Morgenstern (01:20 Min.)

Lucy Diakovska mit Ralph Morgenstern

"Intuitiv ist die Aussage von Frau Diakovska plausibel", meint Prof. Jörg Althammer. Aber auch hier lasse sich diese Überlegung nicht auf empirische Befunde stützen. "Generell legen Eltern heute mehr Gewicht auf Fragen des Kindeswohls und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als dies noch in den fünfziger und sechziger Jahren der Fall war", sagt der Familienforscher. Von allen Elternpaaren werde dies heute stärker thematisiert. Auch hier könne man nicht ohne weiteres homosexuelle Paare mit heterosexuellen vergleichen. In den allermeisten Fällen gleichgeschlechtlicher Beziehungen werde das Kind aus einer früheren Beziehung eingebracht, sagt Althammer. "Eine empirische Aussage über eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Kindeswohl bei gleichgeschlechtlichen Paaren, lässt sich aufgrund der geringen Fallzahlen nicht machen."

"Die Tatsache, dass sich gleichgeschlechtliche Lebenspartner quantitativ mehr Gedanken darüber machen, ob sie ein Kind in ihre Beziehung aufnehmen wollen und wie dann das Kindeswohl sichergestellt werden kann, ist u. a. durch die Lebenssituation begründet", meint Notker Klann. Diese Kinder könnten der Kategorie "Wunschkind" zugeordnet werden. “In vielen verschieden geschlechtlichen Paaren gibt es neben den ’Wunschkindern’ auch diese, die erst auf Grund ihrer Existenz angenommen und in die Beziehung, Familie, integriert werden", so Klann. Ob das Verhalten der gleichgeschlechtliche Lebenspartner jedoch immer ein "Mehrwert oder Zugewinn" für die Kinder darstellt, ist auch nach Ansicht von Notker Klann noch nicht genau bekannt.

Birgit Kelle über Kinder ohne Väter

Birgit Kelle behauptet, ein Kind, das ohne Vater aufwächst, habe eine stärkere Neigung zu Depressionen, Aggressivität und Drogenkonsum. Sie versteht nicht, warum Kinder durch eine potenzielle Adoption durch ein lesbisches Paar absichtlich einer Situation ausgesetzt werden, in der sie es eventuell schwerer haben. Sind ihre Befürchtungen berechtigt?

Martin Lohmann Video Birgit Kelle mit Martin Lohmann (00:23 Min.)

Birgit Kelle mit Martin Lohmann

“Zieht man die Befunde aus der Scheidungsforschung heran, so ist die Aussage von Birgit Kelle plausibel“, sagt Jörg Althammer. Allerdings müsse zwischen dem Nicht-Vorhandensein des Vaters und der Trennungserfahrung vom Vater unterschieden werden, so der Sozialwissenschaftler. “Die Literatur weist darauf hin, dass sich diese Effekte verlieren, wenn die Eltern mit Trennung oder Scheidung vernünftig umgehen und dem Kind weiter Zugang und Kontakt zum Vater ermöglichen.“ Für Kinder, die völlig ohne Vater aufwachsen, gebe es zu wenig belastbare empirische Untersuchungen, die dies bestätigen oder widerlegen könnten. Grundsätzlich aber sei es problematisch, empirische Befunde aus der Scheidungsforschung auf homosexuelle Partnerschaften zu übertragen, sagt Althammer.


Stand: 04.12.2012, 12.17 Uhr



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