Faktencheck zu "Hart aber fair": Leben die Alten auf Kosten der Jungen?
Viele Alte genießen die Rente, ein paar Junge schuften dafür: Ist das Deutschlands graue Zukunft? Wer muss verzichten lernen, damit es gerecht zugeht? Im "Faktencheck" überprüfen einige Aussagen aus der Sendung vom Montag (24.09.2012).
Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen und Behauptungen von Experten überprüfen. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.
Michelle Müntefering über den Generationenkonflikt
Michelle Müntefering sieht das Problem der Generationen nicht so sehr als ein Problem zwischen jung und alt sondern als eines zwischen arm und reich. Ist der Generationenkonflikt tatsächlich eher ein Verteilungskampf?
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Video:
Michelle Muentefering mit Wolfgang Gründinger
(00:15 Min.)
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Michelle Muentefering mit Wolfgang Gründinger
Dr. Frank Berner und seine Mitarbeiter halten diese Aussage für richtig und wichtig. "Bei Diskussionen um einen vermeintlichen Gegensatz zwischen jung und alt wird häufig ausgeblendet, dass es weder in der Gruppe der jüngeren noch in der Gruppe der älteren Menschen allen gleich gut oder gleich schlecht geht", sagt Berner. So gebe es bei den älteren Menschen viele, die für das Alter finanziell gut oder sehr gut abgesichert sind. Die werde es auch in Zukunft geben. Berner gibt aber zu bedenken: "Es gibt aber auch viele Menschen - und diese Gruppe wird in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich anwachsen, die im Alter nur ein geringes Einkommen haben oder haben werden. Wie hoch oder niedrig die Rente ist, die eine Person im Alter bezieht, hängt in hohem Maße davon ab, wie hoch oder niedrig und wie kontinuierlich das Einkommen war, das diese Person während des Erwerblebens hatte." Denn die Rentenversicherung in Deutschland sei so konstruiert, dass Ungleichheiten während des Erwerbslebens in die Altersphase verlängert werden. "Das heißt, dass diejenigen, die gut verdienen und viele Jahre kontinuierlich arbeiten, auch eine hohe oder zumindest auskömmliche Rente bekommen", sagt der Soziologe. "Wer jedoch während des Erwerbslebens nur ein geringes Einkommen hat, Teilzeit arbeitet, wegen Arbeitslosigkeit, Erziehungs- oder Pflegeaufgaben zwischendurch gar nicht arbeitet, bekommt auch nur eine niedrige Rente." Wenn immer nur über die vermeintliche Ungleichheit zwischen jung und alt gesprochen werde, könne leicht übersehen werden, dass es sowohl zwischen jüngeren Menschen als auch zwischen älteren Menschen eine erhebliche Ungleichheit gibt, so der Experte für Alterssicherung. Er ist sicher: "Diese Ungleichheit zwischen besser gestellten und schlechter gestellten Menschen - egal, ob jung oder alt - hat mehr soziale Sprengkraft als ein vermuteter Konflikt zwischen den Generationen."
Wolfgang Gründinger über Renten und Generationenvertrag
Wolfgang Gründinger ist sicher, dass künftige Renten trotz jahrzehntelanger Arbeit deshalb so niedrig sein werden, weil der Generationenvertrag durch Rentenreformen wie Riester und private Vorsorgemechanismen zu einem Großteil ausgehöhlt wurde. Hat er recht?
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Wolfgang Gruendinger (re.) mit Leonhard Kuckart
(01:18 Min.)
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Wolfgang Gruendinger (re.) mit Leonhard Kuckart
"Nein, er hat nicht recht", sagt Frank Berner. Diese Behauptung sei übertrieben. "Auch in Zukunft wird die umlagefinanzierte gesetzliche Rente die Haupteinkommensquelle im Ruhestand sein. Allerdings wird in der Tat das Rentenniveau schrittweise absinken", meint Berner. Andererseits bewirkten die Reformen aber auch, dass der Beitragssatz und damit die Beitragslast der jüngeren Generation nicht übermäßig ansteigt. Darüber hinaus seien durch die Reformen die Möglichkeiten verbessert worden, Rentenanwartschaften auch während Erwerbsunterbrechungen und Arbeitszeitreduzierungen aufgrund von Kindererziehung zu erwerben, sagt Berner. "Dies kommt den jüngeren Generationen zugute. Und die staatliche Förderung der privaten Altersvorsorge erhalten die Generationen, die noch nicht im Ruhestand sind." Lediglich das Absicherungsversprechen im Generationenvertrag der Rentenversicherung habe sich für die Jüngeren geändert: "Die gesetzliche Rente allein wird nicht mehr die Aufrechterhaltung des Lebensstandards nach dem Übergang in den Ruhestand gewährleisten."
Michelle Müntefering über Niedriglohn und fehlende Ausbildung
Michelle Müntefering sorgt sich um die Einkommen. So arbeiteten in Deutschland sechs Millionen Menschen für einen Niedriglohn. Gleichzeitig gebe es zwei Millionen Menschen unter 34 Jahre, die keine Berufsausbildung haben.
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Michelle Müntefering mit Wolfgang Gründinger (li.) und Hans-Joachim Fuchsberger
(00:50 Min.)
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Michelle Müntefering mit Wolfgang Gründinger (li.) und Hans-Joachim Fuchsberger
Absolute Zahlen der Arbeitnehmer, die für einen Niedriglohn arbeiten, kann auch das Statistische Bundesamt in seinen aktuellen Zahlen zum Niedriglohnsektor nicht nennen. Dafür gibt es nach Angaben der Statistiker zu viele Arbeitnehmergruppen, die zur bürokratischen Entlastung nicht in die Verdiensterhebungen eingebunden werden. Unter anderem Arbeitnehmer, die in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten arbeiten. Dennoch dürfte die Größenordnung, die Michelle Müntefering angibt, stimmen. Nach Angaben des Statistikamtes stieg die Quote derer, die weniger als 10,36 Euro Bruttostundenlohn erhalten, von 18,7 Prozent im Jahr 2006 auf 20,6 Prozent im Jahr 2010. Bei insgesamt 30,9 Millionen Arbeitnehmern entspräche dies einer Zahl von 6,3 Millionen Menschen, die für einen Niedriglohn arbeiten. Die Zahl dürfte aber durchaus höher liegen, wenn auch die Arbeitnehmergruppen berücksichtigt würden, die nicht in die Erhebungen einfließen.
Auch die Zahlen zu den Berufsabschlüssen stimmen. In einem aktuellen Gutachten beklagt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) insgesamt 2,21 Millionen Menschen unter 34 Jahre ohne Berufsausbildung. Damit stehen ca. 15 Prozent der Menschen dieser Altersgruppe ohne Berufsausbildung da.
Wolfgang Gründinger über Arbeitszeit und Rente
Wolfgang Gründinger sagt, im Jahr 2030 muss ein Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich 37 Jahre lang eingezahlt haben, um eine Rente zu erhalten, die gerade einmal auf dem Niveau der Grundsicherung liegt. Stimmt das?
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Video:
Wolfgang Gruendinger mit Leonhard Kuckart, Michelle Müntefering und Hans-Joachim Fuchsberger
(00:54 Min.)
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Wolfgang Gruendinger mit Leonhard Kuckart, Michelle Müntefering und Hans-Joachim Fuchsberger
"Die Zahl von 37 Beitragsjahren beruht auf einer Berechnung des Ökonomen Prof. Dr. Winfried Schmähl aus dem Jahre 2006", bestätigt Frank Berner. "Danach muss ein durchschnittlich verdienender Arbeitnehmer bei einem Rentenbeginn mit 65 Jahren im Jahr 2030 37 Jahre lang Beiträge zur Gesetzlichen Rentenversicherung bezahlt haben, um eine Rente in Höhe der armutsvermeidenden bedarfsorientierten Grundsicherung zu erhalten." Für diese Berechnung seien aber bestimmte Annahmen getroffen worden. Unter anderen Annahmen könne die genaue Zahl der Versicherungsjahre variieren, sagt der Sozialexperte. "Prinzipiell ist aber davon auszugehen, dass bei Beibehaltung der beschlossenen Rentenreformen zukünftig mehr Beitragsjahre notwendig sein werden, um eine individuelle gesetzliche Rente zu erhalten, die oberhalb des Grundsicherungsniveaus liegt." Um ein Gesamtbild des Armutsrisikos im Alter zu erhalten, müssten darüber hinaus auch die Entwicklungen der Betriebsrenten und der privaten Altersvorsorge (z.B. Riester-Renten) berücksichtigt werden, so Berner.
Stand: 25.09.2012, 13.27 Uhr
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