Faktencheck zu "Hart aber fair": Sind wir doch blöd? Warum Geiz sehr ungeil sein kann!
Sonderangebote im Elektromarkt wirken auf die Deutschen wie Freibier für alle. Doch muss es immer das neueste Smartphone, die schickste Espressomaschine sein? Im "Hart-aber-fair-Faktencheck" bewertet unser Experte Alexander Hennig einige Aussagen aus der Sendung.
Eine Talkshow ist turbulent. Auch in 75 Minuten bleibt oft keine Zeit, Aussagen oder Einschätzungen der Gäste gründlich zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Aussagen und Behauptungen von Experten prüfen. Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung hier im Faktencheck.
Ranga Yogeshwar über Schnäppchen als Belohnung
Der ARD-Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sagt, bei Sonderangeboten setze bei den Konsumenten "der Verstand" aus. Es sei sogar erwiesen, dass sich bei Schnäppchen das Belohnungssystem im Gehirn einschaltet. Hat er Recht?
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Video:
Aussage von Ranga Yogeshwar
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Aussage von Ranga Yogeshwar
"Ja, er hat Recht", stimmt Alexander Hennig zu. "Mit Hilfe des Kernspintomographen konnten die Bonner Neuroökonomen Elger und Weber zeigen, was im Gehirn von Konsumenten passiert, wenn sie ein Rabattsymbol sehen. Im Gegensatz zu einfachen Preisangaben führten die zusätzlich präsentierten Rabattsymbole und roten Preisschilder zu einer intensiveren Durchblutung der Belohnungsregionen im Gehirn, die immer aktiv sind, wenn wir unbedingt etwas haben wollen." Schnäppchen rufen demnach im Gehirn die Erwartung einer Belohnung hervor, welche häufig die Kaufhandlung auslöst, sagt der Konsumforscher. "Außerdem konnte bei einem Teil der Versuchsteilnehmer eine verringerte Aktivität des Kontroll- und Verstandessystems festgestellt werden, so dass wir weniger darüber nachdenken, ob wir das Produkt wirklich benötigen."
Stefan Genth über Käufer und Nachhaltigkeit
Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland (HDE) sagt, zwar achteten die Deutschen immer noch mehr auf den Preis als Franzosen und Italiener dies tun. Dennoch will er eine Entwicklung erkannt haben, bei der die deutschen Kunden immer stärker auf Nachhaltigkeit und Qualität achten. Stimmt das?
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Aussage von Stefan Genth
(00:24)
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Aussage von Stefan Genth
"Ja, mit Einschränkungen", sagt Alexander Hennig. "Tatsächlich konnten Untersuchungen - zum Beispiel die Discounterstudie von GfK/Accenture aus dem Jahr 2008 - zeigen, dass die Qualität und ökologische Vorteilhaftigkeit der Produkte dem deutschen Verbraucher in den letzten Jahren wichtiger geworden ist." Und auch die Green Brands-Studie 2010 zeige, dass vier Fünftel der Verbraucher gleich viel oder mehr Geld für ökologisch vorteilhafte Produkte ausgeben wollen, so Hennig. "Bei Lebensmitteln, also dort, wo die Verbraucher einen unmittelbaren Nutzen der ökologischen Vorteile erkennen, verkaufen sich die 'grünen Produkte' am erfolgreichsten", meint Hennig und bezieht sich auf eine Studie der DLG: "So konnten Bio-Produkte und Fair-Trade-Artikel in den letzten Jahren kontinuierlich Marktanteile gewinnen. Bio-Supermärkte verzeichnen Umsatzsteigerungen." Dennoch sei das wichtigste Merkmal für eine Kaufentscheidung immer noch der Preis.
Cosima Dannoritzer über Verkürzung von Produkt-Haltbarkeit
Die Filmautorin Cosima Dannoritzer sagt, die Industrie – besonders Hersteller von Elektronikprodukten - verringerten oft künstlichdie Haltbarkeit von Produkten, obwohl für das gleiche Produkt auch eine längere Lebensdauer möglich sei. Stimmt das?
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Aussage von Cosima Dannoritzer
(01:30)
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Aussage von Cosima Dannoritzer
"Mit Blick auf die Fakten kann keine eindeutige Antwort gegeben werden", meint Alexander Hennig. "Einerseits gibt es durchaus Belege für einige Einzelfälle, in denen Unternehmen die so genannte geplante Obsoleszenz - also das eingebaute Veralten - einsetzen. Andererseits aber gibt es bei allen Indizien keine Untersuchung, die bislang hätte zeigen können, dass Unternehmen systematisch darauf setzen, die technische Lebensdauer ihrer Produkte künstlich zu verringern." Hennig sieht eine solche Strategie auch nicht ohne Risiko für die Unternehmen: "Manchen Konsumenten wäre die Lebensdauer zu kurz, so dass sie zu einem Wettbewerber wechseln würden." Dagegen sei unumstritten, dass die Unternehmen durch die Einführung neuer Produkte mit neuen Eigenschaften und neuem Design versuchen, bei den noch funktionsfähigen Vorgängerprodukten eine künstliche Veralterung zu erreichen. "Die Innovationszyklen, also die Zeit, die zwischen bei Produkteinführungen liegt, wird immer kürzer. Hier liegt es dann in der souveränen Kaufentscheidung des Kunden, ob er das neue Produkt haben möchte oder aber erkennt, dass das alte Produkt trotz des 'alten' Designs seinen Zweck weiterhin gut erfüllen kann."
Stefan Genth über den Umsatz im Einzelhandel
Stefan Genth kann keinen echten Kaufrausch bei den Deutschen entdecken. Er sagt, der Umsatz im Einzelhandel stagniere seit zehn Jahren bei rund 400 Milliarden Euro. Hat er Recht?
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Aussage von Stefan Genth
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Aussage von Stefan Genth
"Ja, er hat Recht", stimmt Alexander Hennig zu. "Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes schwankte der Umsatz im Einzelhandel in den Jahren 2002 bis 2011 immer zwischen 393 Milliarden und 414 Milliarden Euro. In den Jahren 2002, 2003 und 2009 sank der Umsatz sogar." Seit 2010 könne ein leicht positiver Trend festgestellt werden, weil der Umsatz im Einzelhandel jährlich um rund zwei Prozent gewachsen ist. Im Vergleich zum Wirtschaftswachstum sei dieser Anstieg aber immer noch unterdurchschnittlich. "Auch für 2012 prognostiziert der Einzelhandelsverband ein Wachstum von rund zwei Prozent", sagt Hennig. Von einem Kaufrausch könne bei diesen Wachstumsraten tatsächlich nicht gesprochen werden.
Ranga Yogeshwar über Werbemittel der Autobranche
Ranga Yogeshwar erinnert an die Macht der Werbung. Er sagt, alleine die Automobilbranche investiere zwei Milliarden Euro in Werbung. Das entspreche dem Doppelten des Budgets des Westdeutschen Rundfunks.
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Aussage von Ranga Yogeshwar
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Aussage von Ranga Yogeshwar
Das stimmt. Laut einer aktuellen Studie des Hamburger Marktforschungsinstituts Nielsen Research im Auftrag der Zeitschrift "Automobilwoche" gab die deutsche Automobilbranche im vergangenen Jahr 2,17 Milliarden Euro für klassische Werbung aus – ein Zuwachs von sieben Prozent im Vergleich zu 2010. Der WDR erhielt laut seinem Jahresabschlussbericht im Jahr 2010 rund 1,1 Milliarden Euro an Rundfunkgebühren.
Stand: 07.02.2012, 11.30 Uhr
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