Nach Plagiat-Skandalen Was zählt der Doktorgrad noch?

Von Susanne Schnabel

"Frau Dr. Schavan" heißt vielleicht bald nur noch "Frau Schavan". Das Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades der Bundesbildungsministerin wurde Dienstagabend (22.01.2013) eingeleitet. Viel Wirbel um zwei Buchstaben. Welchen Stellenwert hat der akademische Grad überhaupt noch?

"Ich frage mich, warum ich mir das eigentlich drei Jahre im Labor ohne nennenswertes Privatleben angetan habe. Schließlich sitze ich auf der Straße, aber all diese sogenannten Promis haben sich mit ihren Titeln in die höchsten Gehaltsklassen gehievt", schreibt ein User in einem Forum für Doktoranden. Dort tauscht man sich rege über die neuesten Plagiatsaffären aus. Viele sind verunsichert, ob es sich überhaupt lohnt, einen Doktorgrad anzustreben.

Ghostwriter haben viel zu tun


Mann tippt am Laptop an einer Dissertation (Symbolbild)
Bild 1 vergrößern +

Gekaufte Dissertationen kosten zwischen 10.000 und 20.000 Euro

Der Doktorgrad ist bei Studenten nach wie vor begehrt: Etwa 25.000 Promovenden schließen laut Statistischem Bundesamt in Deutschland jährlich ihre Dissertation erfolgreich ab. Das entspricht etwa drei Prozent eines Jahrganges. Der Zusatz auf der Visitenkarte gilt als Karrieresprungbrett Nummer eins. Doch ein ehrlich erworbener Doktorgrad erfordert viel Zeit und Arbeit. Zu verführerisch ist es für manche, einfach Urkunden zu fälschen, Inhalte anderer zu kopieren oder bei einer der zahlreichen Text-Agenturen eine Dissertation in Auftrag zu geben. In einschlägigen Internetforen sprechen die Teilnehmer von Preisen zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Disseration.

Christoph Steven hat eine Textagentur in Duisburg. Er kann sich auch nach der Guttenberg-Affäre nicht über mangelnde Aufträge beklagen. Im Gegenteil, seine rund 100 freien Mitarbeiter schreiben mehr denn je für andere, sagt er. Studenten, die sich an Steven wenden, hätten unterschiedliche Motive: "Wir betreuen viele, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Andere sind bereits im Berufsleben, denen fehlt die Zeit oder sie haben nie gelernt, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben", so Steven.

"Doktorgrad verwässert"


Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) am 28.01.2011 im Bundestag

Doktorgrad aberkannt: Karl-Theodor zu Guttenberg

Dass sich manche seiner Kommilitonen ihre Dissertation von anderen haben schreiben lassen, ärgert Dr. Jürgen Kranz, Rechtsanwalt und Steuerberater. "Es ist kein Geheimnis, dass sich faule Studenten wohlhabender Eltern ihre Arbeit kaufen. Der Stellenwert des Doktortitels verwässert langsam, was natürlich auch mit der Aufdeckung der Plagiat-Skandale um Guttenberg, Schavan und Co. zu tun hat", sagt der 43-Jährige, der im Raum Aachen tätig ist und dadurch viele Kontakte in die Niederlande pflegt. "Dort ignoriert man bewusst meinen Doktortitel, der zählt da gar nichts. Bei meinen deutschen Mandanten macht er meist Eindruck. Ich spüre einen gewissen Vertrauensbonus", so der Jurist.

Doktorgrad schafft künstliche Distanz

Auf sein Gehalt wirke sich sein akademischer Grad nicht aus. Dies sei abhängig davon, wie effizient man für das Unternehmen arbeite, so Kranz, der überzeugt ist, "dass ein Doktortitel nichts mit der Qualität der Arbeit zu tun hat. Wer promoviert hat, beweist allerdings, dass er eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag legt und sich wissenschaftlich mit einem Thema auseinandersetzen kann." Privat will er nicht mit "Herr Doktor" angesprochen werden. Im Gegenteil, dies schaffe nur eine künstliche Distanz. Kranz ist amüsiert, dass er von Unternehmen Hochglanzprospekte und kleine Geschenke im Briefkasten findet. "Agenturen suchen wahrscheinlich nach Doktoren im Adressbuch mit der Annahme, dass jeder Doktor wohlhabend ist."

Lohnt sich Dr. Phil.?


Doktortitel
Bild 2 vergrößern +

Für wen lohnt sich der Doktorhut?

Eine Promotion in geisteswissenschaftlichen Fächern wie Germanistik, Theologie oder Geschichte zahle sich nicht in barer Münze aus, meint Dr. Hans Engel, der 1986 seine Doktorarbeit zum Thema "Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum" veröffentlichte. Er arbeitet heute in Köln als Journalist und Komponist für Filmmusik. "Außer, dass mich der Pförtner mit 'Herr Doktor' begrüßt, sehe ich keinen Unterschied zu den Kollegen ohne Titel", so Engel. Er räumt jedoch ein, dass ihm die zwei Buchstaben Vorteile bringen: "Ob man einen Job oder eine Wohnung sucht, der Doktortitel verschafft einen gewissen Respekt. Wer sich einmal durch eine solche Arbeit gequält hat, der schafft alles."

Doktor = Arzt


Dr. Jens Egli
Bild 3 vergrößern +

Dr. Egli: Titel nicht so wichtig wie die Qualifikation

Bei 80 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums ist der Doktorgrad der übliche Abschluss. "Umgangssprachlich bedeutet für viele 'Arzt' gleich 'Doktor'", sagt Augenarzt Dr. Jens Egli aus Mönchengladbach. In seinem Praxisteam arbeiten promovierte und nichtpromovierte Ärzte gemeinsam. Egli: "Unsere Patienten nennen jeden von uns Doktor, manchmal sogar die Sprechstundenhilfen. Ich habe den Eindruck, dass ihnen der akademische Grad nicht wichtig ist, sondern nur die Qualifikation des Arztes."

Schmuck für den Vorstand


Dr. Henning Krolle
Bild 4 vergrößern +

Dr. Krolle: In der Medizin gehört der Doktortitel dazu

Etwas andere Erfahrungen hat der Orthopäde Dr. Henning Krolle gemacht. "Manche Patienten flüstern mir zu: Mein Hausarzt hat noch nicht mal einen Doktor. Der Titel wird hier doch gerne gesehen. In der Medizin gehört eine Doktorarbeit zum guten Ton", sagt der Mönchengladbacher Arzt, dessen Brüder ebenfalls eine Doktorarbeit geschrieben haben, allerdings in anderen Bereichen. Einer ist kürzlich zum Leiter einer großen Schule befördert worden. "Er ist sich sicher, ohne den Titel hätte er die Stelle nicht bekommen. Mein anderer Bruder ist Maschinenbauer. Er hat durch den Titel bessere Verdienstmöglichkeiten. In der Wirtschaft schmücken sich die Vorstandsgremien mit Doktoren."

Zittern...
Susanne Schnabel

Diejenigen, die bei ihrer Doktorarbeit wie auch immer gepfuscht haben, müssen bis an ihr Lebensende zittern. Kommt der Betrug raus? Schande und Aberkennung des Doktorgrades wären die Folge. Das kann ein akademischer Grad nicht Wert sein.


Stand: 23.01.2013, 08.00 Uhr


Kommentare zum Thema (49)

letzter Kommentar: 28.01.2013, 09:03 Uhr

Dieter schrieb am 28.01.2013, 09:03 Uhr:
Was für eine Zeit und Geldverschwendung. Das zeigt doch nur das die Professoren damals, vor 30 Jahren, genauso wenig taugten wie heute! Und wenn diese elitären Gestalten es nicht schaffen Plagiate zu entlarven, dann müssen auch diese Damen und Herren mal zur Rechenschaft gezogen werden!
doktor? schrieb am 27.01.2013, 14:48 Uhr:
Ein falscher Doktor und du bist deine Organe los,kann aber auch so passieren,wenn die Kasse stimmt!
Bruno schrieb am 24.01.2013, 23:13 Uhr:
Also ich finde es interessant das es anscheinend leichter ist an einen Doktor Titel zu kommen als an einen Gesellenbrief. Wer ist denn jetzt die Elite?
Am Nachmittag schrieb am 24.01.2013, 16:58 Uhr:
JoGei schrieb heute, 15:55 Uhr: ,,Wie armseelig sind unsere Unis. Statt sich den heutigen Aufgaben zu stellen und unseren Studenten endlich einmal Wissen zu vermitteln, habe diese nichts Besseres zu tun, als 30 Jahre alte Doktorarbeiten zu durchforsten. Daran erkennt man, das die Professoren damals schon Nichts taugten.'' ... ... Was schreiben Sie denn hier von Wissen vermitteln und nichts besseres zu tun, als 30 Jahre, blabla. :-) Wogegen ich eigentlich kaum etwas einzuwenden hätte, wenn jemand der Jugend das Buch der Bücher eintrichtern will, aber wenn das ein Amt will, dann habe ich etwas dagegen. Das Amt hat Aufgaben für die deutsche Zukunft. Und hier scheint es mir so zu sein, wie es auch anderen Menschen nach dem Kriege zu gehen schien, dass sie Angst vor der Zukunft ihrer Kinder hatten; kein Wunder also, wer keine Kinder hat, hatte Anst vor der Zukunft oder zu großes Verantwortungsgefühl. Ich weiß es nicht genau, aber die Trennung von Glauben und Staat muss bewahrt bleiben.
JoGei schrieb am 24.01.2013, 15:55 Uhr:
Wie armseelig sind unsere Unis. Statt sich den heutigen Aufgaben zu stellen und unseren Studenten endlich einmal Wissen zu vermitteln, habe diese nichts Besseres zu tun, als 30 Jahre alte Doktorarbeiten zu durchforsten. Daran erkennt man, das die Professoren damals schon Nichts taugten. Und heute scheint man verdammt viel Zeit zu haben. Wie sieht es aber mit den Doktorarbeiten von z. B. B- oder C-Promis aus und nicht von Politikern, die in der ersten Reihe stehen.

Alle Kommentare anzeigen



tagesschau.de

  • Syrien: Viele Tote bei Armee-Offensive auf Al Kusair

    Die syrische Armee hat mit einer Offensive auf die strategisch wichtige Stadt Al Kusair im Nordwesten des Landes begonnen. Dabei sollen bereits mehr als 50 Menschen getötet worden sein. Unterstützt wird die Armee angeblich von Kämpfern der libanesischen Hisbollah.

  • Jordanien: Das Leid der syrischen Flüchtlinge

    Rund 190.000 Menschen aus Syrien leben im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari - vor allem Frauen und Kinder warten dort auf ein Ende des Bürgerkriegs. Viele haben Beine oder Arme verloren. Dazu kommt die Angst um die Angehörigen.

  • Salafisten-Proteste in Tunesien eskalieren

    Anhänger der Salafisten haben sich in Tunesien Straßenschlachten mit Sicherheitskräften geliefert. Die staatliche Nachrichtenagentur berichtet von einem Toten und mehreren Verletzten. Zuvor war ein Salafisten-Kongress verboten worden.

  • Drohnen-Debakel bringt de Maizière in Not

    Verteidigungsminister de Maizière gerät in der "Euro-Hawk"-Affäre zunehmend unter Druck. Interne Unterlagen belegen, wie das Ministerium Probleme vor dem Bundesrechnungshof vertuschen wollte. Informationen wurden gezielt verweigert.

  • NS-Verbrechen: Ex-KZ-Aufseher in 9515 Fällen angeklagt

    Beihilfe zum Mord in 9515 Fällen - das wirft die Staatsanwaltschaft Stuttgart dem mutmaßlichen früheren KZ-Wachmann Hans Lipschis einem Bericht der "Welt am Sonntag" zufolge vor. Der 93-Jährige sitzt seit knapp zwei Wochen in Untersuchungshaft.

  • Bayern: Sudetendeutsche ehren Seehofer mit Karls-Preis

    Für die Sudetendeutschen ist Bayerns Ministerpräsident Seehofer der "Wegbereiter der Verständigung mit Prag". Deshalb ehrten sie ihn nun mit ihrem Karls-Preis. Als Dank versprach er, ab 2014 einen Gedenktag für Heimatvertriebene einzuführen - in seinem Bundesland.

  • Pakistan: Khan beschuldigt politischen Gegner des Mordes

    Tödliche Schüsse kurz vor der Nachwahl in Karatschi - und für die Oppositionspartei von Ex-Cricketstar Khan stehen die Mörder fest: Das Attentat auf seine Parteifreundin geht auf das Konto der Konkurrenzpartei MQM. Deren Chef lebt in London.