Interview zum Bildungsbericht "Betreuungsgeld besser in Kitas stecken"

Der am Freitag (22.06.2012) veröffentlichte neue Bildungsbericht sieht nur bescheidene Verbesserungen bei Kitas und Schulen. Im Interview mit WDR.de analysiert der Essener Bildungsforscher Professor Klaus Klemm die Fortschritte der "Bildungsrepublik Deutschland".

In Deutschland gibt es trotz Fortschritten im Bildungssystem noch immer zahlreiche Bildungsverlierer. Dieses Fazit zieht der am Freitag (22.06.2012) in Berlin vorgestellte neue Bildungsbericht von Bund und Ländern. Einer großen Gruppe von Jugendlichen gelinge noch immer nicht der direkte Übergang in die Berufsausbildung. Angesichts der Probleme beim Krippenausbau zweifeln die mit dem Bericht beauftragten Experten zudem am Betreuungsgeld, das Eltern erhalten sollen, die ihre Kleinkinder zu Hause betreuen.

Klaus Klemm
Klaus Klemm

Der emeritierte Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen war bis Ende 2006 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der PISA-Studien sowie im Beirat für die deutsche Bildungsberichterstattung.

WDR.de: 2008 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel Deutschland zur "Bildungsrepublik" ausgerufen. Wie sieht seitdem die Bilanz aus?

Klaus Klemm: Es ist einiges besser geworden. Wir wissen heute, dass die kognitive Entwicklung von Kindern, also die Schulung des Erkennens und Erfassens, frühzeitig gefördert werden muss. Nach den schlechten Ergebnissen bei PISA- und anderen Studien ist immerhin der Ausbau des Ganztagsunterrichts angegangen worden.

WDR.de: Das läuft aber eher schleppend.

Klemm: Es müsste mehr geschehen, das stimmt. Aber vor 20 Jahren haben CDU-Politiker noch gegen Ganztagsschulen gewettert. Das ist erfreulicherweise vorbei. Kinder aus sozial schwachen Familien haben heute etwas bessere Bildungschancen als vor fünf oder zehn Jahren. Es gibt aber immer noch zu viele Bildungsverlierer.

WDR.de: Nun liegt ein neuer Bildungsbericht von Bund und Ländern vor, der nur wenig Verbesserungen sieht. Gleichzeitig will die Bundesregierung ein von nahezu allen Experten abgelehntes Betreuungsgeld durchsetzen. Davor wird im Bildungsbericht gewarnt.

Klemm: Das Betreuungsgeld ist ein absurder Vorschlag. Es wäre besser, die Bundesregierung würde die dafür eingeplanten 1,2 Milliarden Euro in den Ausbau der Krippenplätze stecken. In den Kitas können gerade Kinder aus sozial schwachen Familien besser gefördert werden. Laut Umfragen sehen das nicht nur Experten so, sondern auch 70 Prozent der Bevölkerung.

WDR.de: Wie erklären Sie sich, dass die Bundesregierung trotz der heftigen öffentlichen Kritik ihr Betreuungsgeld weiter durchziehen will?

Klemm: Die schwarz-gelbe Bundesregierung ist da nicht komplett Feuer und Flamme. Die CSU will ihren Vorschlag halt durchsetzen. Bei CDU und FDP sehe ich hingegen ein wachsendes Unbehagen. Vielleicht scheitert das Betreuungsgeld ja doch noch.

WDR.de: Beim Ausbau der Kita-Plätze für unter Dreijährige hat die Politik offenbar zu große Versprechungen gemacht.

Klemm: Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter dreijährige Kinder ab 2013 wird nicht erreicht. Bundesweit liegen wir bei einer Versorgungsquote von 25 Prozent, im Westen von nur 20 und im Osten immerhin bei 49 Prozent. Es fehlt an Bauinvestitionen und Kita-Personal.

WDR.de: Politiker raten den meist weiblichen 25.000 Beschäftigten der insolventen Drogerie-Kette Schlecker, sich für den Einsatz in Kitas umschulen zu lassen. Wäre das eine Lösung?

Klemm: Ich sage mal ganz vornehm, wir brauchen qualifiziertes Personal. Die Betreuung und Bildung im Kindergarten soll ja nicht nur ausgebaut, sondern auch besser werden.

WDR.de: Sehen Sie die Forderung nach Schlecker-Mitarbeiterinnen in die Kitas als Ausdruck einer mangelnden Wertschätzung für den Beruf des Erziehers und der Erzieherin?

Klemm: Diese Forderung sehe ich eher als Ausdruck von Not.

Das Interview führte Martin Teigeler.

Kinder der AWO-Kindertagesstätte "Käthe Kollwitz" in Ilmenau machen spielerisch erste Erfahrungen mit Zahlen, aufgenommen am 14.07.2011 Video Licht und Schatten im neuen Bildungsbericht (01:33 Min.) WDR aktuell vom 22.06.2012

Licht und Schatten im neuen Bildungsbericht


Stand: 22.06.2012, 14.26 Uhr


Kommentare zum Thema (48)

letzter Kommentar: 27.06.2012, 20:58 Uhr

der Eulenspiegel schrieb am 27.06.2012, 20:58 Uhr:
Ja ich erlebe das jeden Tag in Bus und Bahn. Mütter die in der momentanen Situation nicht in der Lage sind auf ihre Kinder ein zu gehen. Die Kinder quengeln und nerven dann.Oft genügt dann ein Lächeln und Winken einer völlig fremden Person und man hat von jetzt auf gleich die bravsten und liebsten Kinder der Welt. Meist bin ich diese fremde Person. Ich mache den Kindern damit eine Freude und verschaffe den Müttern ein bisschen Luft.
der Eulenspiegel schrieb am 27.06.2012, 17:47 Uhr:
"Freiheit durch eine sichere Bindung." Das ist doch nichts neues. Diese Grunderkänntnis zieht sich durch die ganze Pädagogik. Und was bringt das für das Pro und Kontra für die Kita? Nichts. Das heißt auf jeden Fall das die Einführung in der Kita eine besonders sensible Phase ist. Da geht es um sehr viel Einfühlungsvermögen, Die Mutter muß so lange dabei bleiben bis eine neue zusätzliche Beziehung aufgebaut ist. Das man ein Kind nicht in der Kita abgibt wie ein Kiste sollte wohl jedem klar sein. Ich erlebe täglich in Bus und Bahn quengelnde Kinder in ihren Kinderwagen und genervte Mütter die sich mit ihren Handys statt mit ihren Kinder beschäftigen. Ob das alles so gut für die kindliche Endwicklung ist wage ich zu bezweifeln.
Sonja schrieb am 27.06.2012, 10:42 Uhr:
Heute veröffentlichte die "Kölnische Rundschau" einen ganzseitigen Bericht von Karsten Wolf - Psychater und Chefarzt einer Gummersbacher Klinik - unter dem Titel "Freiheit durch eine sichere Bindung." In seinem Bericht, der wohltuend ideologiefrei ist, beschreibt Wolf, das feste Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren Kinder zu glücklichen Erwachsene machen. Ich kann allen verantwortungsvollen Eltern diesen Bericht als Entscheidungshilfe, zu Pro und Kontra Kita, nur empfehlen, er wird wohl kaum von unseren linkslastigen Medien zu lesen oder zu hören sein.
Oseline schrieb am 26.06.2012, 07:44 Uhr:
@ der Eulenspiegel, das ist ein weites Feld. Ohne an die Miet- und Energie-Haie heranzugehen lässt sich da leider gar nichts machen, sonst gibt es bald nirgendwo mehr eine entlohnte Tätigkeit, aus der Ansprüche dieser Hai-Arten befriedigt werden können. Nicht anders als in der DDR gibt es Berufe und Tätigkeiten verschiedener Beschwernisse, Belastungen und beste Qualifizierungen voraussetzende edle Mitarbeiter-Beschäftigungen. Es gab in der DDR weder Gleichmacherei noch andere unterstellte Unmenschlichkeiten, wenn Löhne von ca. 1,20 bis 5 Mark gezahlt wurden. Wie mit diesen gestaffelten Einkünften gelebt wurde, leuchtet ein. Und wie wichtig also Krippen und Kindergärten für die zu fast einhundert Prozent arbeitende Bevölkerung waren, kann sich jeder vorstellen. - Einfache Lösungen, für die nur Unternehmer zuständig sein sollen, sind gesellschaftlich kontraproduktiv und dazu gesellt sich die höhere Lebenserwartung der Frauen, die bei weitem die der Männer überragt.
Stürmer schrieb am 25.06.2012, 23:52 Uhr:
@ Eulenspiegel: Wie wäre es das der Arbeitnehmer so viel auf dem Kasten hat das er spielend seine Bälger damit ernähren kann? Es gibt einen Haufen Arbeitnehmer die nur Scheiße bewerkstelligen können und möchten.

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