Bahnchef warnt vor Zugausfällen: Wenn der Bahn der Strom ausgeht
30 Prozent weniger Züge in NRW, verzweifelte Pendler: Davor hat am Donnerstag (25.10.2012) Bahnchef Rüdiger Grube gewarnt. Weil Eon zum Jahresende seine alten Kraftwerksblöcke in Datteln schließen muss, habe die Bahn im Winter zu wenig Strom. Ein realistisches Szenario oder Panikmache?

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Kein Strom, leere Gleise
Der Streit, in den sich der Bahnchef am Donnerstag via WAZ-Interview eingemischt hat, schwelt seit längerer Zeit. Der Hintergrund: Die Bahn bezieht einen großen Teil ihres Strombedarfs aus den drei Eon-Kraftwerksblöcken in Datteln - rund 300 Megawatt, das sind etwa drei Viertel des Strombedarfs der Bahn im gesamten Ruhrgebiet. Die drei Kohlemeiler allerdings sind seit über 40 Jahren am Netz. Und eigentlich hätten sie längst modernisiert werden müssen, um die Anforderungen an den Emissionsschutz zu erfüllen. Im Jahr 2006 hat sich Betreiber Eon aber entschieden, die Kraftwerke nicht zu modernisieren, ihre Genehmigung Ende 2012 auslaufen zu lassen und als Ersatz ein neues, modernes Kraftwerk zu bauen: Datteln 4.
- Audio: Deutsche Bahn befürchtet Zugausfälle wegen Stromknappheit Heike Knispel / Stefan Lauscher, WDR 2 Zwischen Rhein und Weser
Stromlücke wegen des unvollendeten Kraftwerks Datteln 4

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Fast fertig, aber längst nicht am Netz: Datteln 4
Datteln 4 jedoch dürfte derzeit Deutschlands bekannteste Bauruine sein. Das 1.000-Megawatt-Kohlekraftwerk wurde wegen gravierender Planungsfehler kurz vor der Vollendung gerichtlich zum Teil gestoppt. Ob und wann es ans Netz geht, ist unklar. Eon hat daraufhin im Oktober 2010 erklärt, die alten Meiler in Datteln weiterlaufen lassen zu wollen. Das wurde dem Energieriesen jedoch vom Oberverwaltungsgericht in Münster untersagt. Die Betriebsgenehmigung, so das Gericht, laufe Ende Dezember 2012 ab - unabhängig davon, ob Datteln 4 bis dahin fertig ist oder nicht. Eon hat sich mit der Entscheidung nicht abgefunden und die nächsthöhere Instanz angerufen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt derzeit das Revisionsverfahren. Ein Urteil soll am 15. November fallen.
Bahnchef fordert Ausnahmegenehmigung
Gut drei Wochen vor dieser Entscheidung meldet sich also der Bahnchef zu Wort und zeichnet ein Horrorszenario von verzweifelten Bahnfahrern, die bei Eis und Schnee am Bahnsteig stehen und vergeblich auf Züge warten. Grube fordert die Landesregierung auf, eine Ausnahmegenehmigung für die drei Kraftwerksblöcke zu erteilen, eine Duldung des Weiterbetriebs über das Jahresende hinaus. Denn einen anderen Plan für den Fall, das Eon vor Gericht unterliegt, hat die Bahn nicht.
Die Tücken des Bahnstroms

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Dreckschleudern: die alten Meiler in Datteln
Strom aus anderen Quellen zu beziehen, ist für die Bahn nämlich gar nicht so einfach. Die Züge der Bahn fahren nicht mit herkömmlichem Haushalts- oder Industriestrom, sondern mit Bahnstrom, der eine niedrigere Frequenz aufweist und sich nicht über große Distanzen transportieren lässt. Technisch ist es möglich, herkömmlichen Strom in Bahnstrom umzuwandeln. Doch dafür benötigt man spezielle Anlagen, sogenannte Umrichter. Eine solche Anlage befindet sich derzeit in Datteln im Bau, aber sie wird erst 2014 fertig. Bis dahin hätte die Bahn ein Problem, wenn Eon keinen Bahnstrom aus Datteln mehr liefert.
Eine Duldung ist wahrscheinlich
Was macht nun die Landesregierung? Gibt sie dem Drängen des Bahnchefs nach einer Duldung der alten Meiler nach? Durchaus wahrscheinlich. Bereits Anfang des Jahres hatte die Regierung signalisiert, eine Duldung sei - zumindest für einige Monate und unter bestimmten Voraussetzungen - möglich. Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) wiederholte das am Donnerstag noch einmal. Er sei sich der Situation in Datteln bewusst und arbeite intensiv an einer Lösung.
Für den 5. November hat Duin alle Beteiligten zu einem Gespräch ins Wirtschaftsministerium eingeladen. Da das Gericht erst zehn Tage später sein Urteil fällt, dürfte dann aber noch keine Lösung präsentiert werden. Dem Vernehmen nach ärgert man sich auf Landesseite, dass weder die Bahn noch Eon rechtzeitig einen Plan B entwickelt haben, um dem drohenden Stromengpass zu begegnen. Schließlich sei es ihre Aufgabe, den Betrieb sicherzustellen, nicht die des Landes. Dass aber die Regierung letztlich den Strom verweigert und damit Tausende von Pendlern auf dem Bahnsteig stehen lässt - das ist wenig wahrscheinlich.
Stand: 25.10.2012, 16.29 Uhr
Kommentare zum Thema (47)
letzter Kommentar: 28.10.2012, 20:30 Uhr
- Grüner Strom schrieb am 28.10.2012, 20:30 Uhr:
- Die Bahn sollte auf den besonders preisgünstigen Solarstrom umstellen. Da qualmt nichts mehr in die Luft, nur in China bei der Herstellung (wahrscheinlich 10 X mehr als bei Datteln 4).
- der Eulenspiegel schrieb am 28.10.2012, 18:24 Uhr:
- Helga verstehe ich sie so richtig dass jeder Konzern selber darüber entscheiden soll welche Gesetze er einzuhalten er gewillt ist. Am besten die Konzerne machen die Gesetze selber und genehmigen ihre Industrieanlagen selbst. Und wenn ein Konzern Berge weise Gift in die Umwelt ablassen will dann ist das auch in Ordnung. Ich glaube das sollten sie noch mal überdenken.
- der Eulenspiegel schrieb am 28.10.2012, 18:14 Uhr:
- Also ich bin, genauso wie viele andere, auf die Bahn angewiesen und muss damit rechnen in diesem Winter arge Probleme zu bekommen. Und dass alles weil EON -Manager meinen sie müssten sich als Herren der Welt aufspielen und für sie gelten keine Gesetze.
- helga schrieb am 28.10.2012, 18:06 Uhr:
- Die Industriepolitik der SPD ist ja eine sehenswerte Lachnummer. Deindustriealisierung als Daseinszweck einer Arbeiterpartei. Jetzt mal ehrlich, liebe Anhänger in der SPD, Süddeutschland macht es arbeitsplatztechnisch besser, der Osten kriegt mehr Fördergelder und was bleibt für uns in NRW ---- Raucher-bashing, Fernsehauftritte der Landesmutter, weitere Verschuldung --- kennt einer noch weitere Highlights in der bisherigen Legislaturperiode. Die SPD ist die einzige Organisisation, die ihren Mitglieder die Geschäftsgrundlage (Arbeit) durch ihr Wirken entzieht. Wir brauchen mehr Arbeitsplätze in NRW - sorgt gefälligst dafür.
- helga schrieb am 28.10.2012, 17:50 Uhr:
- @der Eulenspiegel: Und, wie fahren Sie zur Arbeit.
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