Streit um Mediziner-Honorare Hausärzte fühlen sich benachteiligt

Von Lisa von Prondzinski

Im Honorarstreit mit den Kassen erhöhen die Ärzte den Druck. Manche machen ab Montag (10.09.2012) nur noch das Nötigste. Außerdem gibt es unter den Ärzten Streit über die Verteilung der Honorare untereinander. Manche sehen sich von ihren Kollegen übervorteilt.


Ein Mann im Arztkittel zählt Geldscheine
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Ärzte wollen mehr Geld - über die Verteilung herrscht ebenfalls Streit

Um 0,9 Prozent wollen die Krankenkassen die Honorare der Ärzte anheben. Doch selbst wenn die Honorare so steigen würden, könne er noch immer nicht einmal die Kosten der Löhne, Mieten und Strom decken, sagt der Hausarzt Peter Schumpich aus Bergkamen. "Und am Ende kommt bei uns Hausärzten noch weniger an." Denn wegen der ungleichen Verteilung im ärztlichen Vergütungssystem würden Kollegen anderer Fachgruppen letztlich mehr profitieren.

Dieser Meinung ist auch der Spitzenverband der Krankenkassen. Dass manche Mediziner über unangemessene Einkommen klagen, sei ein selbst gemachtes Problem der Ärzteschaft, argumentieren die Kassen. Statt immer mehr zu verlangen, sollten die Milliarden an Honoraren unter den einzelnen Fachgruppen besser verteilt werden, dann würden sich auch die Einkommensprobleme lösen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kontert: Wo nichts sei, könne auch nichts verteilt werden.

Gespräche werden pauschal abgerechnet

Hausarzt Peter Schumpich ist nicht der einzige, der innerhalb der Vertragsärzte Kritik an der Honorarverteilung übt. Auch der Landarzt Rüdiger Glase, der seit fast 30 Jahren in Reichshof Eckernhagen, in der Nähe von Gummersbach, eine Praxis hat, fühlt sich benachteiligt: "Leider haben die Krankenkassen recht, wenn sie auf die ungleiche Verteilung hinweisen. Es gibt eine eindeutige Schieflage zwischen uns Ärzten."

Dabei will Landarzt Glase sich gar nicht über seinen eigenen Verdienst beschweren: "Ich verdiene nicht schlecht - arbeite dafür aber exzessiv." Zwölf Stunden am Tag seien keine Seltenheit und es vergehe kein Wochenende ohne Arbeit, die er mit nach Hause nimmt. Für Hausbesuche bekommt der Landarzt in der Regel 21 Euro. Und für Gespräche mit seinen Patienten fließt auch nur eine Pauschale – egal wie lange diese dauern. "Heute hatte ich eine Krebspatientin, die brauchte Hilfe. Die würde ich ja nicht wegschicken, weil die Uhr abläuft. Dann arbeite ich ohne Gage weiter." Deshalb ärgert es ihn, dass zum Beispiel den Radiologen, die vor allem Geräte zur Diagnostik einsetzen, am Ende viel mehr vom Umsatz übrigbleibe.

Der Deutsche Hausärzteverband besteht ebenfalls auf eine gerechtere Verteilung.

Weniger für den Patienten als fürs Auto

"Der Verdienst eines niedergelassenen Arztes hängt unter anderem auch davon ab, wie viele Privatpatienten er hat", erklärt Rainer Riedel vom Institut für Medizinische Versorgungsforschung an der Rheinischen Fachhochschule in Köln. Denn für die Behandlung von Pivatpatienten erhielten Mediziner mehr Geld von den privaten Krankenkassenversicherungen. Bei den derzeitigen Honorar-Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Ärzten hält Riedel es für angebracht, wenigstens die Kostensteigerungen bei Personal- und Sachkosten auszugleichen. "Und dafür ist mindestens eine Honorarerhöhung von 1,5 Prozent nötig." Für Riedel ist klar, dass bei 200 unbesetzten Hausarzt-Praxen in Deutschland, die "Facharztrichtung Hausarzt" attraktiver gemacht werden muss, damit die bisher gute Versorgung gesichert bleibt.

"Wir sollten uns vor allem die Frage stellen: 'Welche Vergütung ist für diese umfangreiche ärztliche Patientenbetreuung angemessen?'" Von einem Hausarzt werde erwartet, dass er jederzeit, nachts und am Wochenende bei dem Patienten vor der Tür steht, um ihn zu behandeln. "Dafür bekommt ein Hausarzt aber weniger Geld als ein Mechaniker für eine Inspektion eines Autos", so Riedel. Das dürfe eigentlich nicht sein. Nach Angaben der KBV arbeitet ein Hausarzt durchschnittlich 53 Stunden pro Woche. Rainer Riedel moniert, dass Hausärzte weniger verdienen würden als kürzer arbeitende Oberärzte.

Warnstreiks und Praxisschließungen?

Die Krankenkassen wollen Praxisärzten bisher für das nächste Jahr lediglich eine Honorarerhöhung von 0,9 Prozent zugestehen. Die KBV fordert mit elf Prozent wesentlich mehr für die bundesweit rund 150.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten. Nun wollen die Praxisärzte zunächst kleine Aktionen starten. Etwa Anfragen von Krankenkassen nicht beantworten, neue Patienten wegschicken, andere direkt an Kliniken weiterleiten. Die Abstimmung über Warnstreiks und vorübergehende Praxisschließungen läuft noch bis Mittwoch (12.09.2012). Eine neue Verhandlungsrunde ist für Samstag (15.9.2012) geplant.

Von den Protestaktionen sind nicht alle Ärzte begeistert. Genauso wenig wie von einer vorübergehenden Schließung ihrer Praxis. Die einen, weil sie dann kein Geld verdienen, die anderen aus Rücksicht auf ihre Patienten. Der Landarzt Rüdiger Glase hält es für "töricht" durch Warnstreiks Patienten gegen Ärzte aufzubringen. "Schließlich sind das die einzigen, die nichts dafür können." Glase arbeitet jedenfalls wie gewohnt weiter.

Stichworte

Vergütungssystem für Kassenärzte

Das Vergütungssystem für Vertragsärzte ist kompliziert: Grob gesagt handeln die Vertreter der Krankenkassen und Ärzte ein Honorarbudget für alle Kassenärzte aus. Bei den aktuellen Verhandlungen ist das der Streitpunkt. Aus dem gemeinsamen Topf erhält jede der über 20 Facharztgruppen einen bestimmten Anteil. Außerdem wird der Wert jeder Leistung festgelegt– vom Blutdruckmessen bis zur Röntgenaufnahme - genau nach Punkten und festen Beträgen. Wegen regionaler Besonderheiten können die Umsätze stark auseinanderklaffen. In unterversorgten Gebieten gibt es Zuschläge. Ärzte, die über Jahre viele Patienten oder überdurchschnittlich viele kranke Menschen versorgen, bekommen auch mehr.

In NRW verteilen die Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe die Honorare weiter. In Nordrhein hat ein Hausarzt im Durchschnitt pro Quartal für einen Patienten ein Budget von 58 Euro. In Westfalen-Lippe bekommt der Hausarzt mit 51,35 Euro etwas weniger. Ein Hautarzt in Nordrhein erhält 30,32 Euro pro Quartal pro Patient, in Westfalen-Lippe sind es 32,30 Euro. Am Ende hat jeder einzelne Arzt in jedem Quartal ein bestimmtes Budget zu Verfügung, wenn er das überschreitet, arbeitet er quasi umsonst.

Die unterschiedliche Honorarvergütung spiegele die Kräfteverhältnisse der beteiligten Fachgruppen wider, sagen Kritiker. Andere wiederum sprechen von einem Systemfehler.

Einkommen von Praxisärzten

Das durchschnittliche monatliche Einkommen aller niedergelassenen Ärzte liegt bei knapp 5.500 Euro netto. Die Zahlen der KBV zeigen, dass die Einkommensunterschiede zwischen den einzelnen Fachrichtungen groß sind. So verdienen Orthopäden im Durchschnitt 6.344 Euro, Allgemeinmediziner 5.018 Euro und Psychotherapeuten 2.658 Euro. Darin wurde berücksichtigt, was sie für gesetzlich Versicherte und Privatpatienten bekommen. Praxen, die in einer Gegend mit viel Privatpatienten sind, nehmen mehr ein, weil deren Behandlung besser bezahlt wird. Auch die so genannten Igel-Leistungen wie die Augeninnendruckmessung oder Ultraschall der Brust, die Patienten aus eigener Tasche zahlen müssen, fließen in die Netto-Verdienst-Berechnung der KBV ein. Manche Arztgruppen wie Gynäkologen und Augenärzte erwirtschaften mit den Extras einen prächtigen Zusatzverdienst.

Zu beachten ist aber auch, dass nicht alle Niedergelassenen gleich viel arbeiten. Die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit aller Ärzte liegt bei 52 Stunden. Orthopäden arbeiten im Schnitt 56 Stunden, Psychotherapeuten 47 Stunden und Hausärzte kommen auf 53 Stunden die Woche.


Stand: 10.09.2012, 14.39 Uhr


Kommentare zum Thema (36)

letzter Kommentar: 13.09.2012, 16:34 Uhr

Anonym schrieb am 13.09.2012, 16:34 Uhr:
So lange es Ärzte gibt die sagen" Mit 3 1/2 Tage Arbeit in der Woche hab ich genug" kann die Not bei ihnen nicht so groß sein. Von Kleinunternehmern hört man sonst immer " Wenn es die Situation erfordert muß ich auch deutlich mehr als 100 Stunden in der Woche arbeiten". Kleinunternehmer arbeiten im schnitt deutlich mehr wie 40 Stunden. Die große Ausnahme sind die Ärzte. Sie sind gewissermaßen die Beamten unter den Selbständigen.
Bin für Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte schrieb am 13.09.2012, 13:42 Uhr:
Ärztefunktionäre haben jegliches Augenmaß verloren, ein Montgomery war und ist wohl nicht das geeignete Signal dieses Verbandes? Eigentlich geht es um gerechten internen Honorarverteilungsmodus der Gesamtsumme an Ärztehnoraren von den Kassen. Da aber die KV dieses Eisen nicht schmiedet, lässt man immer schwarze Wolken der übelsten Stimmungsmache in die Menge der Kassenpatienten ab. Obendrein wollen sie eierlegende Wollmilchsau von GKV-Patienten durch die PK-Patienten ersetzen, die nur im Schadensfall gutes Geld bringen aber, eben das System nicht finanzieren! Es gibt aber noch gute Ärzte die diesen Verband im Schild führen dürfen sollten um gezielt von Patienten aufgesucht zu werden:Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte hat noch viele sympathische Züge!
Anonym schrieb am 12.09.2012, 15:22 Uhr:
Ich zitiere "Krankenversicherte zahlen immer mehr selbst Gesetzlich Krankenversicherte zahlen immer mehr für ihre Gesundheit aus eigener Tasche. Das belegt eine Studie, die die Continentale Krankenversicherung in Dortmund in Auftrag gegeben hatte."
mal so schrieb am 12.09.2012, 12:37 Uhr:
In schweden/Lappland werden 33 Allg. Mediziner gesucht. Der Arzt der gestern in der Reportage begleitet worden ist, meinte: es ist zwar ein schwieriger Schritt aber "weniger Arbeit für mehr Geld" und mal ehrlich, wer will das nicht... mehr für weniger?!? Also liebe Ärzte, schwedisch lernen und ab nach Lappland!
Anonym schrieb am 11.09.2012, 19:08 Uhr:
"Profit" von heute 11.9. 2012 Bericht über Urologen in Düsseldorf: sehr empfehlenswert!(ca am Ende gegen 18Uhr 20). Der Mann ist wenigstens direkt und holt die Diskussion aus der Heuchelecke.

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