Armutsbericht aus einer armen Stadt "Die von der Leyen macht doch nur Sprüche"

Von Martin Teigeler

Am Mittwoch (06.03.2013) hat die schwarz-gelbe Bundesregierung nach langem Streit den neuen Armutsbericht beschlossen. Doch was steckt hinter den Daten und Statistiken über Arbeitslose und sozial Schwache? Ein Armutsbericht aus einem Arbeitslosenzentrum in Oberhausen.


Ein Euro. Das Frühstück im Arbeitslosenzentrum von Oberhausen-Sterkrade ist preiswert. Gemeinsam mit anderen Erwerbslosen hat Karl Heidenreich Kaffee getrunken und Brötchen gegessen. "Ich komme fast jeden Tag hierher", sagt Heidenreich. Der 63-Jährige lebt gemeinsam mit seiner Frau von Hartz IV. "Zusammen haben wir etwa 1.000 Euro. Da muss man sich das Geld einteilen." 40 Jahre lang arbeitete Heidenreich als Maler und Anstreicher. Nach einer Herz-Operation wurde er vor über zehn Jahren arbeitslos. "Jetzt habe ich keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt", sagt Heidenreich.

13.500 Arbeitslose, 882 offene Stellen


Das "Arbeitslosenzentrum Kontakt" ist eine Anlaufstelle für Bedürftige. In Oberhausen, einer finanzschwachen Kommune mit hoher Armutsrate in der Bevölkerung, kommen jeden Tag 30 bis 40 Arbeitslose hierher. "In dieser Stadt gibt es Jobs ja fast nur noch in Callcentern, bei Zeitarbeitsfirmen oder im Einzelhandel", sagt der Sozialarbeiter Mike Laudon. Der Leiter des Zentrums sitzt am Schreibtisch in einem engen Büro. An den Wänden hängen Erinnerungsfotos von Aktionen des Zentrums. Laudon beschreibt die Lage der Arbeitslosen. "Sie haben kein Geld. Da ist es wichtig, einen Treffpunkt wie hier zu haben." In Oberhausen gab es im Februar 2013 offiziell fast 13.500 Arbeitslose. Dem standen 882 offene Stellen gegenüber.


Getragen wird die seit Mitte der 90er-Jahre bestehende Initiative von Spenden, staatlichen Fördergeldern und einem gemeinnützigen Verein. Im Zentrum bekommen Arbeitslose Hilfe, wenn sie Ärger mit Behörden haben. "1.000 Beratungen machen wir pro Jahr", sagt Laudon. Zwei Rechtsanwälte stünden den Hilfsempfänger in Streitfällen mit dem Jobcenter zur Seite. Neben dem 1-Euro-Frühstücksangebot gibt es einen Mittagstisch für zwei Euro. Dazu kommen gemeinsame Aktivitäten, Tagesausflüge, günstige Ferienfreizeiten für Kinder - und kostenloser Zugang zum Internet.

Mitgliedsbeitrag im Gesangsverein zu teuer


Karl Heidenreich sitzt im Computerraum des Arbeitslosenzentrums. Im Internet sucht er wie andere Arbeitslose nach Jobangeboten. Leise klicken die Mouse-Tasten. Ein Mittdreißiger, der seinen Namen nicht nennen will, schimpft über Politiker: "Uns werden große Lügen erzählt." Es gebe doch kaum Arbeitsplätze. Der Staat müsse mehr tun, um Erwerbslose gezielt zu fördern. Hinter vorgehaltener Hand beschweren sich die Erwerbslosen über die Behandlung in den Jobcentern. "Da gibt es immer nur Druck, keine Förderung." In den Schilderungen erscheint Hartz IV als seelenloser Verwaltungsakt. Wie Menschen von einem Regelsatz für Erwachsene in Höhe von derzeit 382 Euro pro Monat leben sollen, wird heiß diskutiert. Bei der Kleidung sparen viele. Beim Essen. Bei Freizeitaktivitäten. Vielen bleibt nur das Arbeitslosenzentrum als Treffpunkt. Ein Besuch im Café ist zu teuer.

40 Jahre lang Beiträge gezahlt

In die Politik hat Heidenreich kein Vertrauen mehr. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU)? "Die macht doch nur Sprüche." Die Ministerin wisse ja gar nicht, wie es sei, von Hartz IV leben zu müssen. Er habe sich zum Beispiel seinen Mitgliedsbeitrag im Gesangsverein nicht mehr leisten können. Durch die Solidarität seiner Sangesbrüder sei er weiter dabei. "Und weil ich so eine gute Stimme habe. Man nennt mich auch den Pavarotti von Sterkrade", scherzt Heidenreich. Er engagiert sich im Arbeitslosenzentrum. Er gibt Malkurse, packt mit an, wenn Handwerksarbeiten getan werden müssen. Er verliert nicht den Mut, lacht oft, macht Späße mit den anderen Arbeitslosen. "Das ist hier eine gute Gemeinschaft, die sich nicht unterkriegen lässt." Wenn er in gut einem Jahr in Rente gehen kann, wird Heidenreichs Altersversorgung wegen des jahrelangen Hartz-IV-Bezugs geschrumpft sein. "Und das, obwohl ich 40 Jahre lang Beiträge gezahlt habe", sagt er.


Heidenreich bezeichnet sich als "alten SPD-Wähler". Doch große Hoffnungen setzt er nicht mehr in die Sozialdemokraten. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück findet er "zu kalt, eiskalt". Insgesamt ist er nicht gut zu sprechen auf die Politiker. Für den neuen Armutsbericht hat er nur ein Achselzucken übrig. Die Diskussionen in Berlin über eine angebliche Schönfärberei des Reports interessieren die Arbeitslosen in Oberhausen kaum. Zum Mittagessen geht Heidenreich nach Hause. Es gibt Graupensuppe, erzählt er. "Früher haben wir dazu frische Mettwürste gegessen. Jetzt gibt es noch Rindfleisch aus der Dose von Aldi."

Bei der Arbeit: Martin Teigeler
Martin Teigeler

Bitter ist, dass eine Hilfsinitiative wie das Arbeitslosenzentrum in Oberhausen hart um Spenden kämpfen muss. Arbeitslose bei ihrer Selbsthilfe zu unterstützen, ist offenbar nicht so beliebt wie die Spende für einen Umweltschutz- oder Tierschutzverein. Erstaunlich ist auch, dass das seit den 90er-Jahren geöffnete Zentrum noch von keinem namhaften Sozialpolitiker besucht wurde.

Stichworte

Armut

Als arm gilt, wer sich nicht angemessen mit lebensnotwendigen Dingen wie Essen und Kleidung versorgen kann. In der EU spricht man von "relativer Armut", wenn Menschen über so geringe Mittel verfügen, "dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist." So gilt ein Privathaushalt als arm, der weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Nettoeinkommens zur Verfügung hat. 2011 lag die so errechnete Armutsgefährdungsschwelle für Alleinstehende in Deutschland bei 848 Euro. Für Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag sie bei 1.781 Euro. Streit gibt es seit Monaten über den Armutsbericht der Bundesregierung. Die Opposition wirft Schwarz-Gelb vor, die Armut im Land darin beschönigen zu wollen. Ursprünglich war die Veröffentlichung des Armutsberichts für den 14. November 2012 geplant, danach für Ende Januar. Laut Bundesinnenministerium will das Kabinett den Bericht nun am 6. März 2013 beschließen.


Stand: 06.03.2013, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (96)

letzter Kommentar: 08.03.2013, 14.28 Uhr

Anonym schrieb am 08.03.2013, 14.28 Uhr:
Für Hartz 4 "entscheiden" ist schon heftig. Da setzen sie sich mal auf die Flure der Argen. Da findet man auch ehemalige -sogen. Schleckerfrauen- oder demnächst den einen oder anderen -Opelmann-.
Arbeitgeber schrieb am 08.03.2013, 12.45 Uhr:
Wenn ich das hier lese, lebe ich offensichtlich auf einem anderen Planeten. Es sind mehr Arbeitsplätze als Bewerber offen, und zwar viele. Ich suche händeringend Mitarbeiter. Die, die sich bewerben muss ich nicht mal einladen. Ich weiß auch nicht, was sich so mancher denkt. Zum Teil sind die Bewerbungen eine Unverschämtheit. Ich sehe das Problem in unserem Bildungsystem, wo die Maßstäbe an den schwächsten gelegt werden. Kinder können heute nicht mal mehr schreiben oder lesen. Eine Bewerbung mit mehr als fünf Rechtschreibfehlern schicke ich zurück. Dass sind manchmal 100%.
@Anonym schrieb am 07.03.2013 schrieb am 08.03.2013, 09.11 Uhr:
Arbeiten, guter Witz. Wo sollen die Arbeitsplätze denn so plötzlich herkommen? Arbeitsplätze die es heute nicht gibt, sollen morgen wundersam einfach mal da sein, einfach so weil Hartz-IV abgeschafft wird? Abrakadabra simsalabim Arbeitsplatz da?
Anonym schrieb am 07.03.2013, 20.02 Uhr:
Nur meine Erfahrung für die, die hier jammern und sich doch für die weiteren Jahrzehnte für Hartz 4 entscheiden: guckt doch mal hin, der mann hat mit 10 Jahren Hartz 4 -1000 € monatlich mehr rausgeholt, als er jemals reingezahlt hat. Bedient Euch---- nur ich hab meinen Töchtern gesagt, dass ehe Euch dieses Stigma Hartz 4 anhängt- ich kann so arm sein wie ich will - das Geld für eine Frittenbude hab ich immer in der Hinterhand. Es wird niemand arbeitslos!!Ehe Ihr im Ghetto lebt und kommt nicht mehr raus....
Anonym schrieb am 07.03.2013, 16.32 Uhr:
@ @gerd: Dritte Option: Arbeiten. @ stefan - Sie sollten sich mal die Politikerhistorie ansehen, wer was gemacht hat. Ein bisschen Objektivität würde helfen.

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