Gewerkschaftsbund stellt Rentenreport vor Altersarmut: DGB fordert höhere Rentenbeiträge

Von Rainer Kellers

Der DGB warnt vor steigender Altersarmut. Die Zahlen für NRW seien erschreckend, sagte am Montag (27.08.2012) NRW-DGB-Vorsitzender Andreas Meyer-Lauber. Jeder Dritte sei von Altersarmut bedroht. Meyer-Lauber forderte eine Erhöhung des Beitragssatzes auf 22 Prozent.

 Eine Rentnerin nimmt Münze aus einem Portemonnaie Video Jedem Dritten droht Altersarmut (00:50 Min.) WDR aktuell vom 27.08.2012

Jedem Dritten droht Altersarmut

Eine steigende Zahl von Arbeitnehmern habe keine Möglichkeit, einen auskömmlichen Rentenanspruch aufzubauen, warnt der DGB bei der Vorstellung seines ersten Rentereports für Nordrhein-Westfalen. Ein Viertel aller Arbeitnehmer im Land habe keinen unbefristeten Vollzeitjob, mehr als jeder Fünfte (22%) arbeite im Niedriglohnbereich. Diese Entwicklung habe schwerwiegende Auswirkungen auf die künftigen Renten. "Die Renten sinken stetig, und vor allem viele Frauen sind schon jetzt von Armut im Alter betroffen", sagt DGB-Chef Meyer Lauber.

Durchschnittlich 1.050 Euro Rente


Die durchschnittliche Altersrente bei Männern ist nach den Zahlen des Gewerkschaftsbundes von 1.050 Euro im Jahr 1996 auf 975 Euro 2011 gesunken. Bei Frauen sei die Rente im gleichen Zeitraum zwar leicht gestiegen (um 72 Euro), allerdings liege die Durchschnittsrente bei nur 491 Euro im Monat - deutlich unterhalb der Grundsicherung im Alter. Diese Zahlen hat der DGB auf Grundlage von Statistiken der Deutschen Rentenversicherung errechnet, sie entsprechen tendenziell den Entwicklungen im Bund.

Arbeitnehmer gehen zu früh in den Ruhestand


Essensausgabe an einer Tafel an Bedürftige.
Bild 1 vergrößern +

Massenphänomen Altersarmut?

Neben dem geringen Einkommen ist nach Angaben des DGB auch ein zu früher Renteneintritt Grund für die niedrige Rente. Heute gehen die Arbeitnehmer in NRW im Schnitt mit 60,4 Jahren in Rente - und müssen dafür hohe Abschläge hinnehmen, im Durchschnitt sind das 113 Euro im Monat. Nur eine Minderheit der Arbeitnehmer entscheidet im Alter selbst über ihren Rentenbeginn - lediglich gut jeder Fünfte (22%). Die übrigen 60- bis 65-Jährigen gingen wegen einer Entlassung in den Ruhestand (16%), aus gesundheitlichen Gründen (22%), nahmen Vorruhestandsregelungen an (19%) oder pflegten Angehörige (11%). Zehn Prozent aller Arbeitnehmer gingen aus anderen Gründen früher in Rente.

Die Situation werde sich wegen der Rente mit 67 Jahren noch verschärfen, warnt der DGB. Und angesichts der demografischen Entwicklung mit immer mehr Rentnern und immer weniger Jungen warnt der Gewerkschaftsbund vor einer "sozialen Katastrophe".

Mindestlohn und altersgerechte Arbeitsplätze

Um gegenzusteuern schlägt der DGB vier Maßnahmen vor. Erstens: Einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, um die prekären Arbeitsverhältnisse zurückzudrängen. Zweitens: Bessere Arbeitsbedingungen, damit weniger Arbeitnehmer krankheitsbedingt aus dem Job ausscheiden. Derzeit erhalten 16 Prozent aller Rentner eine Erwerbsminderungsrente, im Schnitt sind die Betroffenen lediglich 50 Jahre alt, wenn sie den Job aufgeben. Drittens: Mehr altersgerechte Arbeitsplätze. Und viertens: Einen höheren Beitragssatz zur Rentenversicherung.

Sichere Rente für 2,60 Euro mehr im Monat?

Gerade der letzte Punkt dürfte Widerstand provozieren. Die Bundesregierung möchte im Gegenteil den Rentenbeitrag auf 19 Prozent absenken, denn im vergangenen Jahr hat die Rentenkasse einen Überschuss von fast fünf Milliarden Euro erzielt. Nach den Vorstellungen des DGB soll der Satz stattdessen von derzeit 19,6 Prozent schrittweise auf 22 Prozent bis 2025 erhöht werden. Zahlen sollten den erhöhten Satz Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Mit dem zusätzlichen Geld, so der DGB, könnte eine höhere Rente gezahlt, künftige Rentenkürzungen vermieden und die Rente mit 67 ausgesetzt werden. Kosten würde das die Arbeitnehmer lediglich durchschnittlich 2,60 Euro im Monat.

"Rentensystem soll nicht Armut verhindern"

Solche Zahlen seien unseriös, meint hingegen das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Eine Erhöhung des Beitragssatzes lehnt das Institut ab. Die derzeitigen Beitragszahler würden doppelt belastet, meint Rentenexperte Jochen Pimpertz. Sie müssten gleichzeitig höhere Beiträge zahlen und privat vorsorgen. Auch für die Konjunktur wäre es ein schlechtes Signal. "Die Rentenversicherung ist gut ausgestattet", meint Pimpertz, das derzeitige Niveau könne auch bei 19 Prozent drei bis vier Jahre gehalten werden. Im Übrigen sei die Altersarmut derzeit keineswegs ein Massenphänomen, sagt Pimpertz. Und ob es das in Zukunft werde, sei nicht sicher. Das deutsche Rentensystem sei zudem keine Einrichtung, um Armut zu verhindern, sondern garantiere lediglich eine Grundsicherung im Alter. "Wir haben bewusst eine Absenkung des Rentenniveaus in Kauf genommen und den Weg der privaten Vorsorge beschritten." Auf diesen Weg wollen sich die Gewerkschaften offensichtlich nicht verlassen.


Stand: 27.08.2012, 13.52 Uhr


Kommentare zum Thema (67)

letzter Kommentar: 30.08.2012, 07:11 Uhr

hajo schrieb am 30.08.2012, 07:11 Uhr:
Bevor Beitragserhöhungen für die Rentenversicherung gefordert wird, sollte diese Forderer mal nachdenken, was uns Rentnern bei Renten und Pensionen über ca. 1.000 € abgenommen wird und dadurch die Nettorente in die Altersarmut führen kann: Steuern, Krankenkasse, Pflegeversicherung. Wenn von dem, was dann noch übrig ist, die Miete und ihre Nebenkosten abgezogen werden, beudeutet das sparen und nochmals sparen. Die Eckrente beträgt 1.220 €. Dafür muss ein Durchschnittsverdiener 45 Jahre ohne Unterbrechung Beitrag gezahlt haben. Davon werden 64% besteuert, dafür werden 8,2% Krankenkassenbeitrag gezahlt. Es ist schon richtig, dass über das Thema Altersarmut diskutiert wird. Aber in dem Zusammenhang erst mal über das, was von der Rente alles abgezogen wird, bevor weitere Belastungen der Aktuell-Verdiener gefordert werden. Auch über das Wohngeld sollte gesprochen werden, ob es nicht vor dem Hintergrund der Altersarmut reformiert werden muss.
heinzb aus nrw schrieb am 29.08.2012, 21:56 Uhr:
Stoppt die Zuwanderungen in die Deutschen Rentensysteme und zahlt das wieder in die Rentenkassen, was ihr als Politiker den Rentenkassen entzogen habt, dann haben Rentner eine Überlebenschance.
Nicht zu fassen? schrieb am 28.08.2012, 19:05 Uhr:
@Otto Normal schrieb heute, 16:36 Uhr: Und immer wieder grüßt das Märchen vom fleißigen aber armen Beamten. O.Normalverbr. hat doch recht, ein Beamter erhält aus dem Nichts nach 5 Jahren Tätigkeit eine Mindestpension(wenn er Krank ausgemustert wird) die paar Euro höher ausfällt als die Eckrente vom Rentner der 40 Jahre bei Vollzeitbeschäftigung in die Rentenkasse einzahlte. Der Staat hat nicht beamte bestohlen, sondern keine Rücklagn vom Gehalt abgezogen weil dann das Mißverhältnis von Kassenlage zur Summe der Pensionsauszahlungen schon in den 60er offensichtlich geworden wäre und spätsesten 1970 mit den hohen Pensionen Schluss gewesen wäre? Man stelle sich mal vor, die Richter bekämen keine beamtengleiche Alimentation sondern eine Rente wie der Eckrentner und dann käme die Klage vom Eckrentner auf Behandlungsgleichheit mit Beamtenpension? Käme es dann zu umgekehrten Sprüchen: Man erinnert sich noch an Beamten der auf Besteuerung der Renten klagte, was jetzt auf Kleinrente schon er....
Rentner schrieb am 28.08.2012, 17:43 Uhr:
Alles, was noch preiswert ist, wird uns unter Hinweis darauf, dass es entweder mit Pestiziden besprüht wurde, dass die Tiere leiden müssen, dass der Boden leidet, dass die Luft leidet, kurz, alles leidet darunter, dass wir noch leben, verleidet, oder? Wir müssen demnach Jahrzehnte lang wie die Schweine gehaust und gefressen haben. Macht doch endlich alles unbezahlbar teuer. Mal sehen, wer von uns selbständigen Alten noch überlebt - natürliche Auslese bei den alleinstehenden Altersrentnern, die noch nicht in Heimen untergebracht sind. :-)
@Otto Normal schrieb am 28.08.2012, 16:36 Uhr:
Das alte Maerchen von den Beamten die "nichts"fuer ihre Pension zahlen-wie langweilig.Leider nur haben die Politiker das einbehaltene Geld nicht zurueckgelegt ,sondern gestohlen und Fremd verwendet=ab in den allgemeinen Haushalt.Gerne doch heatte ich eine Pension aus deinem Maerchenbuch:Eckrente/Standardrente West ab 1.7.2011 1.236 EUx2.5=3.090.Leider aber schaffe ich dies noch nicht einmal zusammen mit der Witwerrente von meiner Frau.(Gerade mal etwas ueber die Haelfte davon)Nicht immer die Politischen Staats Sekraetaere mit dem normalen,durschnittlichem Beamten verwechseln.Die Masse der Beamten sind Einfacher und Mittlerer Dienst.Hatte waehrend meiener aktiven Zeit durchaus Kollegen die via HartzIV aufstocken mussten! Zu den Politikern kann ich mich nicht aeussern,aber da scheint mir tatsaechlich einiges im Argen zu liegen.Mir reichten 3 Bundeslaender und in Berlin 20% der jetzigen Zahl von Abgeordneten :)

Alle Kommentare anzeigen



tagesschau.de

  • Amnesty fordert EU zur Aufnahme von Flüchtlingen auf

    In dem Jahresbericht 2013 erhebt Amnesty International schwere Vorwürfe gegen den diesjährigen Friedensnobelpreisträger: Die Abschottungspolitik der EU sei für den Tod zahlreicher Flüchtlinge verantwortlich.

  • London: Messerangriff schürt Terror-Angst

    Die britische Regierung sieht nach einem brutalen Mord auf offener Straße in London Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund. Ein mögliches Bekennervideo ist aufgetaucht. Premierminister Cameron berief das Nationale Sicherheitskabinett ein.

  • "Freunde Syriens" werben für politische Lösung

    In Jordanien haben sich internationale Gegner von Syriens Staatschef Assad getroffen. Sie wollen bei einer Friedenskonferenz die Konfliktparteien an einen Tisch kommen lassen. In ihrer Abschlusserklärung betonten sie, bei einem Scheitern die Opposition zu stärken.

  • Interview mit Egon Bahr: "Ein Leben ohne SPD? Unvorstellbar"

    Egon Bahr ist 91, die SPD 150. Sie haben viel zusammen erlebt: Eitelkeiten, Fehler und mutige Entscheidungen. Der enge Vertraute Willy Brandts wirft im Interview mit tagesschau.de einen ganz persönlichen Blick auf seine Partei. Ein Leben ohne SPD? Unvorstellbar.

  • Gipfel in Brüssel: EU will Bankgeheimnis abschaffen

    Bis Jahresende will die EU das Bankgeheimnis praktisch abschaffen. Das kündigte Ratspräsident Van Rompuy beim EU-Gipfel in Brüssel an. Kanzlerin Merkel sprach sich dafür aus, dass Konzerne in ihren Heimatländern mehr Steuern zahlen sollen.

  • "Smart TV": Der Spion im Wohnzimmer

    Wer einen internetfähigen Fernseher hat, könnte schon bald personalisierte Werbung erhalten. Zwei Forscher haben herausgefunden, dass einige Privatsender auswerten, was wie lange auf dem "Smart TV" geschaut wurde. Datenschützer schlagen Alarm.

  • Depardieu stellt seinen neuen Film in Grosny vor

    Menschenrechtsverstöße und Folter werfen Gegner dem tschetschenischen Machthaber Kadyrow vor. Dessen Freund Depardieu sieht das offenbar anders: "Uralte Sitten, lächelnde Frauen" - so beschreibt er das Land, in dem er seinen neuen Film vorgestellt hat.