Umstrittene Kampagne in Köln fortgesetzt Kritik an "Vermisst"-Aktion des Bundes

Bei ihrer Vorstellung war die "Vermisst"-Aktion des Bundesinnenministeriums gegen Islamisierung politisch umstritten, jetzt wird ihr auch Geschmacklosigkeit vorgeworfen: Ausgerechnet in einer Straße, in der Rechtsextremisten eine Bombe explodieren ließen, wurden die Karten verteilt.


Mit Plakaten wie diesen will das Bundesinnenministerium vor den Gefahren des islamischen Extremismus warnen. Die Plakate zeigen Bilder junger Menschen, darunter eine junge Frau mit Kopftuch, die als vermisst bezeichnet werden, weil sie laut einem Begleittext in Gefahr sind, an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen verloren zu gehen.
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Mit Plakaten wie diesen will das Bundesinnenministerium vor den Gefahren des islamischen Extremismus warnen

Die Karten seien kartonweise in der Keupstraße in Köln-Mülheim unter die Leute gebracht worden, sagte ein Sprecher der Stadt am Mittwoch (26.09.2012). In der überwiegend von Türken bewohnten Keupstraße war 2004 eine Nagelbombe explodiert und hatte 22 Menschen verletzt. Die Polizei glaubte jahrelang an eine Abrechnung unter türkischen Kriminellen. Doch dann stellte sich im vergangenen Jahr heraus, dass die rechtsextremistische Terrorgruppe NSU den Anschlag verübt hatte.

Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) kritisierte die Aktion in der Keupstraße als "in hohem Maße unsensibel". Die Grünen im Bundestag forderten eine Entschuldigung. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) verteidigte jedoch die Postkarten-Aktion und wies die Forderung der Grünen zurück: "Das Ministerium und ich werden uns nicht dafür entschuldigen, dass wir den radikalen Islamismus und Salafismus (...) bekämpfen", sagte Friedrich bei der Regierungsbefragung im Bundestag.

200.000 Karten in zehn Städten verteilt


Eine Sprecherin des Innenministeriums sagte in Berlin, in den vergangenen Tagen seien 200.000 solcher Karten in zehn deutschen Städten verteilt worden, darunter in Köln. Zu einzelnen Straßenzügen könne sie nichts sagen. Die Karten sollten in Verteilständern in Cafés und Kneipen kostenlos angeboten werden. Sie weisen auf eine Beratungsstelle beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hin, an die man sich wenden kann, wenn man bemerkt, dass sich jemand zum radikalen Islamisten wandelt. Die Form einer Vermisstenanzeige sei gewählt worden, weil man einen Menschen, der sich radikalisiere, nicht mehr wiedererkenne, sagte die Sprecherin.

SPD: "Missglückte Kampagne"

Der Grünen-Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag, Volker Beck, bezeichnete die Verteilaktion in Mülheim als "beispiellose Geschmacklosigkeit". Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, Sebastian Edathy (SPD), sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", die "missglückte Kampagne" auch in die Keupstraße zu tragen, sei "hochgradig unsensibel". Die Türkisch-Islamische Union (Ditib), der größte der islamischen Dachverbände in Deutschland, bat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem offenen Brief, "sich persönlich mit den Auswüchsen der ,Vermisst'-Aktion des Bundesinnenministeriums zu befassen". Die Aktion sei ein Affront.


Stand: 26.09.2012, 16.46 Uhr



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