Webseite zum Auffinden von Missständen: Wutpunkte - wo sich Bürger aufregen
Drei Studenten aus Viersen wollen Bürger dazu bewegen, auf Missstände hinzuweisen: Auf einer Internetseite kann jeder Stellen markieren, die ihn stören. Sei es Fluglärm oder Parken in zweiter Reihe. Gleichgesinnte sollen sich zusammentun.

-
Bild 1 vergrößern
+
Magnus Schückes, Alexander Braden und Leon Hillebrandt (von links nach rechts)
Auch Straßen, auf denen gerast wird, können Nutzer anonym auf der Plattform wutpunkte.de eintragen und kommentieren. Die Macher der Seite geben die Strecken an die Polizei weiter, die am Mittwoch (24.10.2012) zu ihrem dritten Blitz-Marathon in Nordrhein-Westfalen ansetzt: Dabei werden landesweit Autofahrer, die zu schnell fahren, bei Tempo-Kontrollen geblitzt. Auch in Niedersachsen und in den Niederlanden wird kontrolliert.
Seite stand nach 24 Stunden

-
Bild 2 vergrößern
+
Täglich tragen Bürger neue Wutpunkte ein
Neben der Kategorie "Straßenverkehr" gibt es auf der Webseite die Ärgerpunkte "Müll" und "Lärm" – symbolisiert durch eine grüne Tonne und ein blaues Megafon. Gründer des virtuellen Ärger-Forums sind drei Studenten aus Viersen. Begonnen hat alles für sie Anfang Juli 2012 - kurz vor dem zweiten Blitz-Marathon in NRW. Magnus Schückes (20) erhielt einen Anruf von seinem Vater, der Polizeibeamter ist: "Magnus, schaust du mal bitte im Internet nach, was 'Wutpunkte' sind." Einige Leute hatten "Wutpunkte" bei der Polizei gemeldet, weil NRW-Innenminister Ralf Jäger Bürger dazu aufgerufen hatte, Vorschläge zu machen, wo Raser geblitzt werden sollen. Dabei eben sprach er von "Wutpunkten". "Eine klasse Idee, die Bürger da einzubinden. Das war neu und hat uns inspiriert. Die Wortneuschöpfung haben wir dann auch übernommen", erzählt Schückes, der mit Alexander Braden (20) das Konzept weiterentwickelte. "Wir dachten, es gibt bestimmt noch mehr als Raserei, das die Leute in ihren Wohngebieten aufregt." Innerhalb von 24 Stunden machte Leon Hillebrandt (19), der dritte im Bunde, den Internet-Auftritt fertig. Die Resonanz war ziemlich schnell gut, sodass das Trio von ihrem Erfolg überrascht wurde.
Wenig Vertrauen in das städtische Beschwerdemanagement
Inzwischen haben Internetnutzer fast 8.000 Wutpunkte (Stand 21.10.2012) auf der Landkarte in ganz Deutschland markiert - und täglich kommen neue hinzu. Damit die Auflistung nicht zu kleinteilig wird und selbst der kleinste Ärger für immer auf der Seite bleibt, werden künftig Wutpunkte von der Seite genommen, über die sich auch nach drei Wochen nur ein einziger Nutzer aufregt. Und sollte jemand auf schräge Ideen kommen, wie etwa dem ungeliebten Nachbarn Lärm oder Dreck anhängen zu wollen, dessen Namen und Adresse aufschreiben, würden die Studenten das löschen, erzählt Alexander Braden. Bei ihren regelmäßigen Kontrollen achteten sie darauf. Vorgekommen seien solch Anschwärz-Aktionen bisher allerdings nicht. "Wenn es hart auf hart käme, ließe sich das ohnehin zurückverfolgen, weil uns die IP-Adressen vorliegen."

-
Bild 3 vergrößern
+
Christian Keilhau ärgert sich über eine verengte Fahrbahn, die nur schlecht zu sehen ist
Bisher wurden die meisten Ärger-Symbole am Niederrhein gesetzt. Aber auch im Ruhrgebiet und vielen anderen Regionen gibt es jede Menge Aufreger. Einer der Wütenden ist Christian Keilhau aus Köln. Im Süden der Stadt wurde eine viel befahrene Straße erneuert. Um die Zebrastreifen herum ragt der Bordstein auf die Fahrbahn, sodass die Fahrspur verengt ist. Keilhau stört sich daran, dass die verengte Fahrbahn für Autofahrer nicht auffällig genug gekennzeichnet ist. "Wenn man hier angefahren kommt, sieht man diese Verbreiterung des Bordsteins nicht und läuft Gefahr dagegen zu fahren. Im schlimmsten Fall entsteht ein Fahrzeugschaden von zwei, drei Tausend Euro." Keilhau vermisst ein eindeutiges Warnschild. Die blau-weißen Röhren am Seitenrand reichten als Warnung nicht aus. Sich jedoch an die Stadt zu wenden, davon verspricht sich Keilhau wenig. "Bis man da an der richtigen Stelle ist, dauert es ewig. Und dann verläuft so eine Angelegenheit doch meistens im Sande."
Konzept noch nicht ausgereift
Noch ändert ein Eintrag auf der Wutseite allein nichts an der Realität. Kritik, darunter von Kommunalpolitikern, das Konzept sei nicht ausgereift, können die Gründer nachvollziehen. Schritt für Schritt wollen die Studenten es verbessern. So soll bald eine Community-Funktion fertig sein, damit sich Gleichgesinnte zusammentun können. In der Mache ist auch ein "Wutantrag", erzählt Leon Hillebrandt: "Wenn es zum Beispiel 20 Leute gibt, die sich über denselben Punkt aufregen, sollen sie die Möglichkeit bekommen, einen Wutantrag zu erstellen. Jeder kann den wie bei einer Online-Petition unterschreiben. Und der, der das Ganze in die Hand nimmt, druckt sich den Antrag aus und reicht ihn offiziell bei der Kommune ein." Dann wäre das erreicht, was den Studenten vorschwebt: Die Bürger sollen sich in die Politik einmischen.
Portal-Gründer suchen Partner bei Städten und Kommunen
Bei einigen Städten und Kommunen kommt das Ärger-Portal gut an. Mitarbeiter schauen immer wieder mal nach, ob und was in ihren Bezirken moniert wird. "Grundsätzlich ist die Plattform eine pfiffige Idee", meint Jeanette Kern, Sprecherin bei der Stadt Essen. Aber sie verweist auf das bestehende und in Essen "gut funktionierende Beschwerdesystem" der Stadt. "Wobei wir natürlich darauf angewiesen sind, was uns die Bürger melden." Die Studenten arbeiten daran, dass die eingetragenen Wutpunkte die Kommunen besser erreichen. Sie können sich vorstellen, dass irgendwann nicht nur aktive Bürger, sondern auch die Städte ihnen melden, welche Missstände beseitigt wurden, damit sie von der Seite heruntergenommen werden können. "Erste Kontakte zu Verantwortlichen sind geknüpft, spruchreif ist aber noch nichts", sagt Alexander Braden.
Mit mehr Bürgerbeteiligung eine echte Ergänzung zum städtischen Angebot werden – das haben sich die Wutpunkte-Gründer vorgenommen.
- Angemerkt
-
Worüber regt sich unsere Autorin Lisa von Prondzinski auf? Wenn jemand etwas achtlos auf die Straße schmeißt. Denjenigen darauf direkt anzusprechen, kostet Überwindung. Manchmal macht sie es - oft genug nicht.
Stand: 23.10.2012, 00.01 Uhr
Kommentare zum Thema (21)
letzter Kommentar: 26.10.2012, 22:18 Uhr
- Anonym schrieb am 26.10.2012, 22:18 Uhr:
- 24h? Ich fragte einen Programmierer der im Tauschring seine Dienste anbietet. Der tat so, als sei so etwas sehr aufwändig. Also doch nur keinen Bock. Warum sollte er nicht z.B. 6h am Stück programmieren, wenn andere 6 Stunden für ihn den Garte pflegen? Wenn das für die frei so leicht ist, bitte macht ein Kartenplugin dieser Art für Wordpress. Oder gibt es so ein Script schon irgendwo zum Download? Muss kiein WP-Plugin sein... Schließlich ist das eine "Killerfunktion", und wäre praktisch auf jeder Webseite irgendwie einsetzbar. Zu jedem Thema. Modellbauer markieren ihre Geschäfte und Flugplätze, Restaurantgänger die Restaurants, Wanderer und Fotographen die besten Plätze usw.. @Anti-Viersen "Etwas auf die Beine stellen"? Klingt nach Floskeln des Pöbel mit der "Malocher" ihre minderwertige Arbeit glorifizieren. Supermarktdrohne, Büroangestellter, Bäckerei/XYZ-Fachverkäufer, Bürobeamter, Knast-Bediensteter, Pommesrüttler usw.. JEDER der bei zig Mio Gewinn sein ...
- Tobias Claren schrieb am 26.10.2012, 22:08 Uhr:
- "Und sollte jemand auf schräge Ideen kommen, wie etwa dem ungeliebten Nachbarn Lärm oder Dreck anhängen zu wollen, dessen Namen und Adresse aufschreiben, würden die Studenten das löschen, erzählt Alexander Braden. Bei ihren regelmäßigen Kontrollen achteten sie darauf. Vorgekommen seien solch Anschwärz-Aktionen bisher allerdings nicht. "Wenn es hart auf hart käme, ließe sich das ohnehin zurückverfolgen, weil uns die IP-Adressen vorliegen."" Erstens: Das kann ein realer "Wutpunkt" sein, da gibt es nichts zu deuteln. Zweitens: Und, dann haben Sie eben die IP, was soll das bedeuten. Es ist entgegen der landläufigen Meinung NICHT automatisch eine Straftat seinen Nachbarn negativ inkl. Klarnamen nim Internet zu nennen. Wenn ich den Nachbarn beim durchwühlen der Tonnen filme oder knipse und das bei YouTube oder Flickr mit dessen Klarnamen hochlade, ist das legal.
- McWallfried schrieb am 23.10.2012, 21:10 Uhr:
- Merkt eigentlich einer meiner Vorredner, dass er/sie selbst die Vorteile des ach so schlimmen Internets nutzt und anonym seinen/ihren Dampf über diese Seite auslässt? Ihr steht der Seite im Nichts nach. Wer im Glashaus sitzt... Wenn - wie im Artikel beschrieben - die Studenten wirklich eine Verbindung zu den Städten hinkriegen, dann kann sich daraus sicherlich eine gute Möglichkeit für ein modernes Online-Beschwerdemanagement ergeben. Immerhin mal ein paar junge Freigeister, die sich über Politik und Bürgerbeteiligung Gedanken machen und hoffentlich nicht den Piraten angehören!
- P. H. D. schrieb am 23.10.2012, 20:03 Uhr:
- Was Hinweise auf Missstände mit Denunziantentum zu tun haben sollen, muss mir mal jemand erklären. Wenn ich mir die Kommentare so mancher Diskutanten anschaue, habe ich den Verdacht, dass es sich zu einem nicht geringen Teil um diejenigen handelt, die genau diese Missstände verursachen - und die daher kein Interesse an ihrer Verfolgung haben können. In Zeiten, in denen die Rücksichtslosigkeit wie eine hochansteckende Seuche um sich greift, ist aber alles gut, was dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit auf diese Missstände (und ihre Urheber!) zu richten. Raucher, die ihre Kippen einfach auf die Straße werfen; Hundebesitzer, die ihren Köter überall hinmachen lassen; Krachmacher jeglicher Couleur; Unternehmer, die ihren Bauschutt im Wald abladen; unverantwortliche Raser, die sich das Recht herausnehmen, sich über die Spielregeln hinwegzusetzen ... Was könnte schlecht daran sein, das zu kritisieren?
- soester schrieb am 23.10.2012, 19:46 Uhr:
- Sorry, jetzt sehe ich gerade das diese "geniale" Wortschöpfung von unserem Innenminister stammt. Noch Fragen? Unfassbar!!
Seite teilen
Über Soziale Medien