Hilfe gegen Kälte für Obdachlose: Kalte Nächte, warme Worte
Ihr Rundgang führt sie an unwirtliche Orte, zu Menschen, die ihren Besuch oft gar nicht wollen. Trotzdem machen sie weiter, die "Kältegänger" von Köln. Denn sie wollen verhindern, dass Obdachlose in kalten Nächten erfrieren. WDR.de hat sie begleitet.

-
Bild 1 vergrößern
+
Die Kältegängerinnen im Einsatz
Ein eisiger Wind weht über die Kölner Domplatte, es ist einer dieser Abende, an denen die gefühlte Temperatur noch tiefer unter den Nullpunkt sinkt, als das Thermometer ohnehin schon anzeigt. Punkt acht Uhr sind Ursula Vogel und Elke Stein* am Hauptbahnhof gestartet. Ausgerüstet mit warmen Schuhen, dicken Jacken und leuchtenden Sicherheitswesten, ist ihr erstes Ziel das Vordach am Römisch-Germanischen Museum. Meistens haben hier mehrere Obdachlose ihr Quartier aufgeschlagen. Die Kältegängerinnen sind heute unterwegs, um solche Menschen zu überreden, in dieser kalten Nacht ihr Lager in eine warme Behausung zu verlegen.
Trostlose Lager unweit der Glitzerwelt
Doch der Platz ist leer. Offenbar haben die Bewohner bereits vor der Kälte kapituliert. Weiter geht es Richtung Rheinufer. Schnell haben die beiden Frauen die Glitzerwelt rund um den Dom hinter sich gelassen. In einem unwirtlichen, staubigen Straßentunnel, dem Zubringer zur schnellen Rheinuferstraße, sehen sie ihr nächstes Ziel: Auf einem Treppenpodest hat sich jemand in trostloser Lage mit Decken eine Art Höhle gebaut. "Hallo", ruft Ursula Vogel und erklimmt kurzentschlossen die Treppenstufen. Doch die schmuddelige Matratze ist verlassen. Sie schaut auf ihre Liste: Unter der Severinsbrücke soll jemand liegen. So stand es heute in der E-Mail, die die beiden von den Kältegängern des Vortags bekommen haben.
"Ich wollte es mal selber sehen"

-
Bild 2 vergrößern
+
"Hallo?" - diese Behausung ist leer
Ursula Vogel, 49, und Elke Stein, 57, haben sich für heute Abend freiwillig zum Kältegang gemeldet. Normalerweise sitzen die beiden an Schreibtischen im Sozialamt der Stadt Köln. Die eine ist für Menschen zuständig, die Hartz IV bekommen, die andere vergibt SGB XII - das Minimum an Sozialhilfe, das Personen bekommen, die "wahrscheinlich keine Arbeit mehr finden werden", sagt sie. Viele ihrer Kunden seien wohnungslos, "da wollte ich einfach mal selber sehen, in welcher Situation diese Leute auf der Straße sind".
Erfolg: Seit zehn Jahren keine Kältetoten
Etwa 50 Menschen leben in Köln permanent auf der Straße - Menschen, die auch bei klirrender Kälte partout nicht in geschlossenen Räumen übernachten wollen, sagt Margarete July, Leiterin der so genannten Resodienste beim Kölner Sozialamt. Sie koordiniert die Kältegänge. Wenn die Temperaturen nachts über einen längeren Zeitraum deutlich unter null Grad sinken, ziehen die Ehrenamtler los. Immer zu zweit, klappern sie die einschlägigen Schlafplätze der Wohnungslosen ab: unter Brücken, auf der Domplatte, in Hauseingängen, in den Fußgängerzonen. Wenn sich am Tag besorgte Anwohner bei der Bürger-Hotline gemeldete haben, weil sie jemanden draußen liegen sahen, dann nehmen die Kältegänger diese Orte auch in ihre Route mit auf. Ansporn für den freiwilligen Einsatz sei vor allem der Erfolg, sagt Amtsleiterin July: "Wir haben in den vergangenen zehn Jahren keinen Kältetoten in Köln gehabt". Und das, obwohl man im vergangenen Winter, der zeitweise extrem kalte Nächte hatte, "schon richtig Angst gehabt" hätte um einige der altbekannten Obdachlosen. "Nach zwei, drei Nächte bei strengen Minusgraden im Freien ist mancher völlig entkräftet."
"Too cold, zu kalt"

-
Bild 3 vergrößern
+
Gutes Zureden unter der Brücke
Die beiden Frauen sind inzwischen unter der Severinsbrücke angekommen. An einem Brückenpfeiler, zwischen geparkten Autos, liegt ein Mann auf einer Matratze, dick eingewickelt in Decken. Er ist offensichtlich betrunken, jung, und spricht kaum deutsch. Die Frauen treten näher: "Too cold, zu kalt", sagt Ursula Vogel, doch der Mann schüttelt den Kopf, "ist ok", murmelt er. In der Annostraße, nicht weit von hier, sei eine Notunterkunft, reden ihm die Frauen zu. "Er will nicht", beschließen sie nach einigem Hin und Her und erfolglosen Verständigungsversuchen. Doch dann steht der junge Mann doch auf, packt sein Bündel und folgt den Frauen wankend Richtung Annostraße. Dort angekommen, erweist sich das Haus als voll. Doch der Mann an der Pforte nickt, ja, sie würden ihn schon unterbringen. Die Kältegängerinnen verabschieden sich - der erste Erfolg des Abends.
In der Severinstraße soll sich irgendwo ein älterer Mann aufhalten. In einem Ladeneingang entdecken die Frauen ihn: Mit langen Haaren und langem Bart sitzt der Mann auf einem Stuhl, unter einem Berg von Decken, und schnibbelt an einem Stück Fleischwurst herum. Erstaunt blickt er auf. Nein, er brauche keine Hilfe, sagt er fast empört, er gehe nirgendwo hin, er habe seinen Stolz. Hier ist wenig zu machen, das ist deutlich spürbar. Die beiden Frauen reichen dem Mann eine Liste mit den Adressen von Notunterkünften und verabschieden sich.
Winterhilfe kommt oft nicht bei Betroffenen an

-
Bild 4 vergrößern
+
Notlager in einer Obdachlosenunterkunft
Offizielle Zahlen dazu, wie viele Menschen in Deutschland obdachlos sind, gibt es nicht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht von über 250.000 Menschen aus, etwa 22.000 würden schätzungsweise ganz ohne Dach über dem Kopf auf der Straße leben. Die übrigen suchen zumindest nachts Hilfe in Obdachlosenheimen. Im vergangenen Winter sind nach Angaben des Verbands vier wohnungslose Menschen in Deutschland erfroren, seit 1991 seien es mindestens 274 gewesen. Zwar bieten viele Städte im Winter provisorische Notunterkünfte und Nachtcafés an, doch häufig käme die Winterhilfe bei den Betroffenen nicht an, kritisiert der Verein. Viele seien nicht in der Verfassung, sich in Massenunterkünften zu behaupten, oft seien die angebotenen Plätze zu abgelegen, um von den meist alkoholisierten Menschen erreicht zu werden.
Nachtschicht in der Einkaufstraße
Die Route der Kältegängerinnen führt wieder in die Innenstadt. In der Einkaufszone sind die Läden längst geschlossen, die hastenden Fußgängerströme verschwunden. In den Eingängen einiger Geschäfte hat die Nachtschicht übernommen: Obdachlose mit ihrem Hab und Gut, die bis zum Morgengrauen hier ihr Quartier aufschlagen. Direkt an einem großen Kaufhaus hat sich jemand ein richtiges Zelt gebaut. Ursula Vogel und Elke Stein beschließen, sich lieber nicht zu nähern, "da weiß man nicht, was einen erwartet". Auch die anderen Obdachlosen, die sie an diesem Abend noch treffen, sind nicht dazu zu bewegen, ihre Lager zu verlassen. Doch die Frauen haben alle Begegnungen notiert, und wenn die nächste Nacht wieder so kalt ist, werden sie wieder da sein: die Kältegänger.
* Namen auf Wunsch der Kältegängerinnen von der Redaktion geändert.
- Ziemlich durchgefroren ...
-
... war ich nach zweieinhalb Stunden Kältegang. Unvorstellbar, bei solchen Temperaturen auch nur eine Nacht im Freien zu verbringen. Wieder zu Hause im Warmen gehen einem die Menschen, die immer noch dort draußen liegen, so schnell nicht mehr aus dem Kopf.
Stand: 26.01.2013, 11.38 Uhr
Kommentare zum Thema (14)
letzter Kommentar: 28.01.2013, 13:56 Uhr
- Steuerzahler schrieb am 28.01.2013, 13:56 Uhr:
- Es ist den Kältegängern Erfolg bei ihrer Arbeit zu wünschen. Ich jedoch habe die Nase voll von Schnorrern und Pennern beim Einkaufen mir schenkt auch Niemand was. Gibt doch Hans IV für die keinen Bock haben.
- Klaus schrieb am 28.01.2013, 09:00 Uhr:
- Green, das ist ja ein toller Vorschlag. Für 6 Stunden Malocherei bieten Sie also 20,- EUR, zwei Mettbrötchen - mehr schafft ohnehin keiner - im Wert von 2,- EUR und kaltes Bier an - vielleicht noch mal 2,- EUR wert an. In Summe also 24,- EUR für 6 h schwere Arbeit. Das ist noch unterhalb der unwürdigsten sittenwidrigsten Angebote von Verleihhfirmen. Ich kann das nachvollziehen, daß die 6,- EUR pro Stunde schneller und leichter erschnorrt sind, als in Ihren Rabatten herumzurutschen. Nein, ich habe kein Verständnis für solch eine Gesinnung!
- Paule schrieb am 27.01.2013, 13:09 Uhr:
- Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! 1x Hilfe anbieten ist ok, wer dann nicht geholfen bekommen will sollte auch in Ruhe gelassen werden! Auch diese Menschen müssen Frei sein in ihrer Entscheidung. Das ist von jedem zu akzeptieren!
- @Green schrieb am 27.01.2013, 11:56 Uhr:
- Sollte sich lieber Greenhorn nennen,da offensichtlich von Nichts eine Ahnung,dies aber reichlich!Aber leider hat Oma da wohl nie Maerchen a la "Das Kalte Herz"von Hauff vorgelesen.Btw. ein"Berber"arbeitet durchaus,obwohl Obdachlos,sofern er Arbeit findet.Ein"Penner"jedoch ist so fertig mit sich und der Welt das ihm dies bereits nicht mehr moeglich ist,was nichts mit der grundsaetzlichen Einstellung zur Arbeit zu tun haben muss,sondern meist Schicksalsbedingt ist.Im uebrigen-spaetstens nach 2-3Jahren auf der Strasse hat praktisch jeder ein Alkoholproblem.@Anna Ja es fehlt Personal,denn derartige einrichtungen duerfen nichts kosten!Zudem,wenn man solche Problemfaelle auf engstem Raum konzentriert sind Agressionen vorprogrammiert.
- @Green schrieb am 27.01.2013, 10:13 Uhr:
- Auge um Auge, Zahn um Zahn!
Alle Kommentare zu "Hilfe gegen Kälte für Obdachlose:Kalte Nächte, warme Worte" anzeigen
Seite teilen
Über Soziale Medien