Interview zum Weltrisikobericht 2012: Extreme Wetterereignisse nehmen zu
Hochwasser und Erdbeben bleiben die größten Gefahren in Deutschland. Das geht aus dem Weltrisikobericht 2012 hervor. Er wurde am Mittwoch (12.09.2012) in Bonn vorgestellt. WDR.de hat mit dem wissenschaftlichen Leiter der Studie, Jörn Birkmann, gesprochen.

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Karte zum Weltrisiko-Bericht
Schwerpunkt des Weltrisikoberichts 2012 ist der Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Katastrophenrisiken. Erarbeitet wurde er vom Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen in Bonn und dem "Bündnis Entwicklung Hilft". Der Bericht stellt einerseits dar, inwieweit die Bevölkerung in 173 Ländern der Erde durch Naturgefahren bedroht ist. Zum anderen zeigt er, welche Länder die Folgen von Dürren, Stürmen, Beben und anderen Naturgefahren gut und welche sie nur schlecht in den Griff bekommen. Gemessen wird dies anhand des Weltrisikoindex, der damit ein zentraler Bestandteil des Berichts ist. Der Weltrisikoindex beinhaltet unter anderem gesellschaftlichen Wohlstand, den Grad der Bildung, aber auch mögliche Korruption so wie die Regierungsführung eines Staates.
- Jörn Birkmann
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Der Geograph und Raumplaner Jörn Birkmann (39) ist der wissenschaftliche Leiter des Index-Konzeptes. Er arbeitet beim Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen in Bonn.
WDR.de: Herr Birkmann, wie wahrscheinlich ist es, in Deutschland von einer Naturkatastrophe heimgesucht zu werden?
Jörn Birkmann: Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern nicht der Risiko-Hot-Spot. Es rangiert auf Platz 146 von insgesamt 173 Ländern. Am sichersten ist es in Katar und auf Malta, ganz schlecht dagegen auf Tonga und Vanuatu, beides Inselstaaten im Südpazifik. In Deutschland sind ungefähr elf Prozent der Bevölkerung einmal im Jahr einem Phänomenen wie Hochwasser oder Hitzestress ausgesetzt. Aber wir haben wesentlich bessere Kapazitäten mit den Folgen zurechtkommen als etwa die Philippinen, wo es sich auch mit am gefährlichsten lebt.
WDR.de: Welche Kapazitäten meinen Sie konkret?

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Plötzlicher Starkregen: Ein Phänomen, mit dem wir künftig öfter rechnen müssen
Birkmann: Angenommen in Dresden reißt Hochwasser 30 Häuser weg, dann springt womöglich das Land oder die Versicherung ein. Das ist in armen Ländern seltener oder so gut wie gar nicht der der Fall. Da sind die Menschen weit mehr auf sich und ihre kleinen sozialen Netzwerke angewiesen. Und die greifen zu kurz, wenn sie eine extreme Dürre oder ein Hochwasser mit voller Wucht trifft. Allein das Naturereignis muss aber nicht zwangsläufig zu einer Katastrophe führen. Wenn eine Bevölkerung darauf besser vorbereitet ist und Hilfe bekommt, müssen die Folgen nicht ausufern. Doch dazu braucht man eben finanzielle, institutionelle und logistische Möglichkeiten.
WDR.de: Was hat Sie am meisten bei dem aktuellen Weltrisikobericht überrascht?
Birkmann: Bemerkenswert ist, dass ein Erdbeben der Stärke Sieben im Jahr 2010 auf Haiti mehr als 220.000 Todesopfer gefordert hat. Bei einem ähnlich starken Beben sind 2011 auf Neuseeland dagegen nur 187 Menschen umgekommen. An diesen Zahlen sieht man, wie extrem die Länder in ihrer Verwundbarkeit auseinander liegen. Neuseeland verfügt unter anderem über eine bessere Katastrophenhilfe und einen stabileren Baubestand als Haiti, das eines der ärmsten Länder weltweit ist.
WDR: Durch den Klimawandel ist damit zu rechnen, dass sich Naturgewalten mit noch größerer Wucht melden. Gefühlt hat man auch bei uns den Eindruck, dass sich zum Beispiel extrem starke plötzliche Regenfälle häufen. Wie wird es in Zukunft sein?
Birkmann: Erdbeben und Hochwasser bleiben auch in Zukunft die größten Gefahren in Deutschland. Andere Studien, die wir als Ausblick gemacht haben, zeigen, dass wir uns wegen des Klimawandels auf plötzlichen Sturzregen mit starken Niederschlägen weit mehr einstellen müssen als jetzt. Das ist dann vor allem für Regionen wie das Bergische Land wichtig, wo es Täler und Berge gibt. Denn dort ist die Gefahr besonders groß, dass sich Wasser staut, die Kanalisation es nicht mehr aufnimmt und Gebäude volllaufen. Wenn da etwa Kindergärten oder Krankenhäuser stehen, muss man nachrüsten, damit Menschen nicht zu Schaden kommen und der wirtschaftliche Verlust möglichst gering gehalten wird. Es sollte zum Beispiel nicht sein, dass der OP-Raum eines Krankenhauses im Keller ist, wenn dieses in einer Senke liegt. Ein weiteres zentrales Problem sind Hitzewellen. Auch die werden wir künftig häufiger haben.
WDR.de: Das, was man salopp als "italienische Verhältnisse" bezeichnet?

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In der Landwirtschaft können große wirtschaftliche Schäden entstehen, wenn es zu heiß oder zu verregnet ist
Birkmann: Das klingt sympathisch, ist aber viel zu harmlos ausgedrückt. Wir werden in Zukunft viel häufiger extreme Hitzeperioden haben. Im Jahr 2003 hat Europa zu spüren bekommen, was extreme Hitze anrichten kann. In der Landwirtschaft gab es Schäden in Milliardenhöhe. In Portugal brannten riesige Waldgebiete ab. Gletscher in den Alpen schmolzen. In Europa starben 35.000 Menschen. Allein in Deutschland wird die Opferzahl auf 3.500 bis 7.000 Menschen - vor allem ältere Menschen - geschätzt. Schon in 20 bis 30 Jahren wird es wegen des demografischen Wandels mehr ältere Menschen geben. Deshalb müssen wir uns schleunigst auf den Hitzestress einstellen durch Warnsysteme, Schutzkonzepte und Sensibilisierungskampagnen. In Pflegeheimen zum Beispiel muss sichergestellt sein, dass deren Bewohner genug trinken. Und wer draußen arbeitet, muss verstärkt geschützt werden - gesundheitliche Risiken müssen minimiert werden. Das Bewusstsein dafür muss noch mehr geschärft werden. Es ist nicht zwangläufig so, dass durch eine Hitzewelle 35.000 Menschen sterben müssen.
Die Fragen stellte Lisa von Prondzinski
Stand: 12.09.2012, 12.00 Uhr
- Wird das Wetter extremer? [Mediathek]
- Hochwasserschutz in Xanten [Mediathek]
- Dürre treibt Getreide- und Fleischpreise in die Höhe [tagesschau.de]
- Schwere Überschwemmungen in Thailand [tagesschau.de]
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Der WeltRisikoBericht 2011
Homepage Bündnis Entwicklung Hilft -
Dr. Jörn Birkmann
Homepage Universität Bonn
Kommentare zum Thema (11)
letzter Kommentar: 17.09.2012, 11:55 Uhr
- Sven schrieb am 17.09.2012, 11:55 Uhr:
- @Horst: Japan hat den Atomausstieg vor ein paar Tagen beschlossen! Außerdem sind in Japan zur Zeit NUR zwei Atomkraftwerke wieder am Netz. Im Gegensatz zu ihnen haben die Japaner verstanden das Atomenergie keine brauchbare Option für die Zukunft ist. Wenn man keine Ahnung hat ist Schweigen manchmal einfach die bessere Wahl!
- Baal schrieb am 17.09.2012, 11:50 Uhr:
- Das wird ein Spaß! Ich hoffe das es richtig kracht und donnert, das möglichst viel dabei kaputt geht, das die Zivisilation sich in Chaos und Anarchie auflöst, das mindestens 90% der Menscheit von der Bildfläche verschwinden! Die Menschheit hat ihren Planeten nicht verdient, ihren Untergang jedoch ganz sicher!
- Stormy schrieb am 13.09.2012, 13:27 Uhr:
- Ein Schaf, wer meint unser toller Fortschritt (???) bleibe ohne Wirkung. Der Mensch nahm alles was ihm zusteht, heute nimmt er sich noch viel mehr und wundert sich wenn die Welt sich so ändert wie er es doch gar nicht möchte. Böse böse Welt. Es ist im Leben wie in der Politik; jede Verschlimmbesserung wird sofort durchgesetzt und alle erschrecken sich wenn tatsächlich die erste zu erwartende Konsequenz eintritt. Und nun ziehe ich meine dicke Jacke mit Kapuze an und gehe vor die Tür; 9 Grad mit Nieselregen. Schlimmer geht immer! ( Auch schön: - Dumme Frage:Welche Sprache wird in Deutschland gesprochen? - Dumme Antwort: Bestenfalls ... :-P)
- Horst schrieb am 13.09.2012, 11:58 Uhr:
- Und obwohl Japan da Tiefrot ist schalten die Ihre Atomkraftwerke nicht ab aber hier muss dat weil böse...
- der_marc schrieb am 13.09.2012, 11:43 Uhr:
- Aus Wikipedia: "Eisfreie Polkappen stellen erdgeschichtlich den Normalzustand dar und machen etwa 80 bis 90 Prozent der Erdgeschichte aus. Ein Beispiel ist das Paläogen (älteres Tertiär). Zeiten mit vereisten Polkappen, die so genannten Eiszeitalter, stellen die Ausnahme dar. Die aktuelle erdgeschichtliche Periode, das Neogen, ist ein solches Eiszeitalter." Wir nähern uns also langsam wieder dem Normalzustand.
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