Weihnachtsbäume aus Monokulturen : Kerzen, Kugeln, Herbizide
Familie Jung wohnt in Bestwig, einer Hochburg der Weihnachtsbaum-Bauern im Sauerland. Doch Mutter Tatjana fährt fast 40 Kilometer für ihren Baum – einer aus der Nachbarschaft kommt ihr nicht ins Haus.

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Familie Jung sucht sich einen Bio-Baum aus
Schnell haben Tatjana Jung, ihr drei Jahre alter Sohn und die fünfjährige Tochter eine kleine Tanne gefunden. Für ihren diesjährigen Baum sind sie von Bestwig nach Schmallenberg gefahren. Da ist nämlich der nächste Bio-Weihnachtsbaum-Bauer. Und was anderes als "Bio" kommt Tatjana Jung nicht mehr ins Haus: "Weil das für mich die einzige Chance ist, einen Baum ins Zimmer zu stellen, der nicht mit Spritzmitteln belastet ist."
Wald statt Plantagen
Denn was konventionell rund um Bestwig angebaut wird, ist Tatjana Jung und der Bürgerinitiative Giftfreies Sauerland ein Dorn im Auge. Die Initiative lehnt die großen Monokulturen ab. Ihre Mitglieder machen sich Sorgen wegen der dort eingesetzten Unkrautvernichtungsmittel und fordern von den Bauern vor allem, auf Glyphosat zu verzichten sowie auf chemische Zusätze, die dafür sorgen, dass das Unkrautvernichtungsmittel von den Pflanzen aufgenommen wird. Das Grün rund um die kleinen Bäume stirbt ab, damit diese genug Licht zum Wachsen haben.
Weihnachtsbäume unbedenklich
Die Waldbauern verweisen ihrerseits darauf, dass sie nur zugelassene Mittel einsetzen und damit auch sparsam sind. Wilhelm Becker-Gödde ist richtig sauer auf die Bürgerinitiative: "Uns wird Lug und Trug vorgeworfen. Die Landwirtschaftskammer hat Proben vom Boden und den Nadeln genommen." Bei den Untersuchungen zwischen Januar und September 2012 habe es keine Auffälligkeiten gegeben, bestätigt ein Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW. Und so sieht es auch der Umweltexperte von der Verbraucherzentrale NRW, Philip Heldt: "Die Bäume sind nicht giftiger als eine Schale mit ungewaschenem Gemüse, die in der Küche steht."
"Fair Forest" oder regionale Vermarktung?

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Schnelles Wachstum, weil kein Grün zwischen den Bäumen steht
Ärger gibt es trotzdem. Denn im Laufe der Auseinandersetzung haben einige Waldbauern ein Siegel mit dem Namen "Fair Forest" entworfen. Das stehe für einen "besonders umweltverträglichen, nachhaltigen Anbau", heißt es auf einer Internetseite. Und Waldbauer Becker-Gödde betont, man gehe sehr sparsam mit Pflanzenschutzmitteln um. Aber: "Wir haben von Anfang an gesagt, dass das kein Biosiegel ist." Doch Philip Heldt von der Verbraucherzentrale NRW vermutet, dass der Eindruck eines Bio-Siegels möglicherweise gewollt sei. Der Umweltexperte drückt sich bewusst vorsichtig aus, denn rechtlich ist das Zeichen in Ordnung. Heldts Kritik aber bleibt: "Das kann zu Verwechslungen führen."
Deshalb wünscht sich Heldt ein anderes Markenzeichen: "Das Siegel ist ja eigentlich eine gute Sache, aber es würde völlig reichen, wenn das zum Beispiel "Sauerland-Baum" hieße. Das wäre doch super." Und auch Becker-Gödde ist nicht abgeneigt, die regionale Vermarktung stärker in den Mittelpunkt zu rücken. "Das wird weiterentwickelt, ob das nun weiter 'Fair Forest' heißt oder 'Sauerland-Baum', kann ich noch nicht sagen."
"Immer eine Lösung gefunden"
Tatjana Jung hätte sich dagegen gewünscht, dass zumindest einige Waldbauern auf Bio umstellen. Denn für sie geht es nicht nur um unbedenkliche Bäume, sondern auch um weniger Plantagen in der Umgebung. "Im Prinzip wird ja die ganze Saison irgendwas gespritzt. Das ist ja nicht nur Glyphosat, es gibt Insektizide, Dünger." Und die Plantagen reichen bis an die Grundstücksgrenzen der Bestwiger, sie haben möglicherweise damit auch die Unkrautvernichtungsmittel im Garten. Ein Problem, das auch ein Sprecher des NRW-Umweltministeriums sieht.
Früher stand auf den Flächen Wald. Doch den zerstörte Anfang 2007 der Sturm Kyrill. Danach haben viele Landwirte dort Weihnachtsbäume angepflanzt. Rund 4.000 der insgesamt 18.000 Hektar, auf denen im Sauerland Weihnachtsbäume angebaut werden, sind Waldflächen. Im Gegensatz zur Landwirtschaft wird aber in der Forstwirtschaft gemeinhin weder gespritzt noch gedüngt. Doch für Wilhelm Becker-Gödde ist das kein Problem: "Wir sind seit 350 Jahren ein Familienbetrieb und kommen mit den Nachbarn klar. Wir haben da immer eine Lösung gefunden." Nur werde das jetzt schwieriger.
Bürgerinitiative hofft auf Gesetzesänderung

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Ökologischer Weihnachtsbaum-Anbau
Die Bürgerinitiative hofft dagegen auf eine Änderung des Forstgesetzes. Nachdem der Entwurf 2012 bereits auf dem Weg war und durch die Neuwahlen gestoppt wurde, soll es im Februar 2013 einen neuen Anlauf geben. Geplant ist, dass auf Waldflächen keine Weihnachtsbaumplantagen mehr stehen dürfen. "Wenn das wieder zu Wald würde, hätten wir ja schon eine Entlastung und auch ein etwas anderes Landschaftsbild", sagt Tatjana Jung. Man müsse sich die grundsätzliche Frage stellen, ob man Glyphosat in der Landwirtschaft brauche, heißt es beim NRW-Umweltministerium.
Tatjana Jung hat das Ganze fast den Weihnachtsbaum vermiest: "Ohne Kinder hätte ich wahrscheinlich keinen Baum mehr." Doch die Hoffnung, irgendwann einen Bio-Baum in der Nachbarschaft kaufen zu können, hat sie noch nicht aufgegeben.
- Und wie giftig ist mein Baum?
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Vergangenes Wochenende haben wir unseren Baum geschlagen. Natürlich war unsere zweijährige Tochter dabei. Umso mehr kann ich die Sorge der Bestwiger nachvollziehen. Reflexartig kam mir bei der Recherche die Frage: Ist der giftig? Nein, ist er nicht, da vertraue ich dem Fachmann der Verbraucherzentrale.
Stichworte
- Glyphosat
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Glyphosat ist ein Herbizid, auch Unkrautbekämpfungsmittel genannt. Glyphosat ist einer der weltweit am häufigsten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln. Es verhindert unerwünschten Pflanzenwuchs oder tötet Pflanzen oder Teile davon ab. In Tierversuchen zeigte Glyphosat eine geringe Giftigkeit. Tiere, die das Unkrautvernichtungsmittel einmalig über Nahrung gefressen hatten, schieden es innerhalb von einer Woche fast vollständig aus. Bei Tierversuchen hat sich aber auch gezeigt, dass sich Speicheldrüse und Leber eines Tieres verändern, wenn es Glyphosat über einen längeren Zeitraum in einer hohen Dosis bekommt.
Stand: 21.12.2012, 11.53 Uhr
Kommentare zum Thema (12)
letzter Kommentar: 22.12.2012, 10:27 Uhr
- Fred schrieb am 22.12.2012, 10:27 Uhr:
- 80 km fahren für einen Baum? Was für eine verschobene Ökobilanz.Wir kaufen keinen Baum. Ggfs. könnten wir eine Tanne im Garten schmücken- aber warum für soetwas auch noch Strom verschwenden? Oder mit Weihnachtsbeleuchtung und Kitsch aus China schmücken... der x tausend km mit dem Schiff und dann per LKW durchs Land (also mit den größten Klimakillern) transportiert wurde? Bravo - welch geistige Ökobilanz. Ich wünsche mir zu Weihnachten mal Ökofreie Artikel und ein wenig mehr Sachverstand zu lesen.
- Hmm schrieb am 22.12.2012, 00:25 Uhr:
- Ich lach mich schllapp mit diesen Ökos und Bios. Glauben, sie würden auch nur einen Tag länger leben oder der Erde was gutes tun mit ihrem Wahn. Alleine wenn man sich Energiebilanz des grünen Punktes ansieht, erkennt man den Dummsinn. Aber der Deutsche glaubt, was man ihm endlos vorgekaut hat.Und Madame fährt mal eben 80 Kilometer, verpestet die Luft, aber Hauptsache sie hat einen Ökobaum.
- heinzb aus nrw schrieb am 21.12.2012, 19:30 Uhr:
- Glyphosat wird auch bei der Bahn AG für die Unkrautfreiheit der Gleise durch Firmen verspritzt, auch bei Anschlussgleisen durch Firmen wird es verwendet. Und was soll der Schwachsinn mit der Ungefährlichkeit, ich kam bei der Arbeit im Bahnhof mehrfach in den Sprühnebel rein und danach ging es mir schlecht, das störte aber weder die Spritztruppe noch die Bahn AG und den Dienstherren. Das wären nur subjektive Empfindungen, wurde mir auf Beschwerde hin gesagt. Viel gefährlicher ist da eine weggeschmissene Zigarette, die schadet der Umwelt und bringt Strafgelder zu Gunsten der Parteien, denke ich.
- KDM schrieb am 21.12.2012, 16:12 Uhr:
- Die einzig sinnvolle Lösung bestünde darin, die entsprechenden Chemikalien komplett zu verbieten. Ja, ich weiß, dann gäbe es weniger Weihnachtsbäume und die würden folglich teurer. Na und? Ein paar Euro sollte uns eine gesunde Umwelt jedenfalls wert sein.
- Ehemaliger Sauerländer schrieb am 21.12.2012, 15:29 Uhr:
- Früher sind wir zu unseren ortsansässigen Waldbesitzern gegangen. Die bekamen einen 5'er und wir durften uns den Baum selbst schlagen. Und der Waldbesitzer hatte sein Unterholz frei. Später, als Hausbesitzer im Rheinland, haben wir fast immer getopfte Bäume gekauft. Die sind, bis auf wenige Ausnahmen, angewachsen. Der Wurzelballen darf halt nicht zu klein sein. Nachdem ich dann alleine in einer Wohnung wohnte, habe ich meinen Kindern zuliebe, auch einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Jetzt aber geschlagene. Vor ca. 5 Jahren einen auf den letzten Drücker in einem Baumarkt erworben. Von dem hat 3 Tage nach Weihnachten das Wohnzimmer gestunken. Ich bin mir sicher, daß der durch die Spritzerei verseucht war. Jetzt steht wieder ein getopfter auf der Terrasse.
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