Initiative gegen Pflanzenschutzmittel Der giftige Weihnachtsbaum

Von Katrin Schlusen

Weihnachtsbäume, die krank machen? Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf Weihnachtsbaum-Plantagen wird von der Bürgerinitiative "Giftfreies Sauerland" in Bestwig scharf kritisiert. Sie fordert ein Verbot bestimmter Chemikalien.

Der giftige Weihnachtsbaum Video: Der giftige Weihnachtsbaum (02:33) WDR aktuell
18.10.2011

Der giftige Weihnachtsbaum

Rentner Horst Funke kann sich noch genau an den Abend des 18. Januars 2007 erinnern. Er hörte ein Knirschen: Der Orkan Kyrill hatte das Dach des Wintergartens herunter gerissen. Draußen, hinter seinem kleinen Garten, wartete eine weitere böse Überraschung. Funke dachte: "Es ist so komisch hell." Dann die Erkenntnis: "Der Wald ist weg." Hinter seinem Gartentor stand ein Wald mit Fichten, die 35 bis 40 Jahre alt waren. Nach dem Sturm war alles verwüstet. Heute, vier Jahre nach dem Orkan, stehen auf dem Gelände hinter seinem Gartentor zwar wieder Bäume, aber mit Wald hat das seiner Ansicht nach nichts zu tun. Ein riesiges Feld mit kleinen Weihnachtsbäumchen ist dort angelegt worden. Funke zeigt auf die Brombeerhecke an seinem Gartentor. "Früher hatten wir eimerweise Brombeeren, aber dieses Jahr gab es keine Früchte", sagt er und fügt hinzu: "Und wenn, dann hätte ich sie nicht gegessen." Denn der Rentner macht den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf dem Feld für das Ausbleiben der Früchte verantwortlich.

Weihnachtsbäume sind Millionengeschäft


Weihnachtsbaumplantagen in Bestwig (Hochsauerlandkreis)
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Monokultur Weihnachtsbäume

Der kleine Ort Bestwig im Hochsauerlandkreis ist spätestens seit dem Orkan Kyrill die inoffizielle Weihnachtsbaum-Hauptstadt von NRW. Hier wurden zahlreiche sturmgeschädigte Flächen als Weihnachtsbaum-Plantagen umfunktioniert. Nach Angaben des NRW-Umweltministeriums hat sich die Anbaufläche dieser Plantagen im Sauerland seit 2007 von 1.900 auf 3.800 Hektar nahezu verdoppelt. Die Waldbauern brauchen dafür keine Genehmigung, denn vom Gesetz her sind auch Weihnachtsbäume Bäume und daher gilt der Anbau als Aufforstung. Es handelt sich dabei um ein Millionengeschäft, denn anders als Fichten oder Laubbäume können die Weihnachtsbäume alle sechs bis acht Jahre geerntet werden. Und damit sie gerade und schnell wachsen, ist es gängige Praxis, dass Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen.

Nabu fordert Neubewertung von Glyphosat

Unter anderem wird auch ein Pflanzenschutzmittel eingesetzt, das die Chemikalie Glyphosat enthält. Dieses Mittel ist seit Jahrzehnten in Deutschland für die Landwirtschaft zugelassen. Auf Weihnachtsbaum-Plantagen wird es verwendet, wenn die Pflanzen noch sehr klein sind. Es tötet die umliegenden Gräser radikal ab, so dass sie den Tannenbäumchen nicht das Wasser abziehen. Der Naturschutzbund Nabu fordert eine Neubewertung des Mittels. Im April 2011 veröffentlichten die Naturschützer einen Bericht zum Einsatz von Glyphosat in den USA und Lateinamerika. Der Einsatz der Chemikalie, so der Bericht, könnte beispielsweise zu Fehlgeburten oder Krebserkrankungen beitragen. Der Bericht bezieht sich auf die Ergebnisse einer Reihe von Studien, die untersuchten, welche Auswirkungen Glyphosat beispielsweise auf Tiere hat. Menschen können dem Nabu zufolge die Chemikalie über Nahrungsmittel und das Trinkwasser, aber auch über die Haut und Atemwege aufnehmen. Erst im September 2011 gab es im Bundestag eine Anhörung zum Thema Glyphosat. Nabu-Mitarbeiterin Steffi Ober war als Expertin eingeladen und erklärte den Abgeordneten, dass auch in Deutschland bis zu 8.000 Tonnen Glyphosat-Präparate pro Jahr eingesetzt werden.

Bürgerinitiative: "Mehr Kontrollen"

"Als wir von der Nabu-Studie hörten, wussten wir, dass wir aktiv werden müssen", sagt Claudia Wegener. Sie und ihr Mann wohnen in Bestwig und haben eine kleine Tochter. Seit ein paar Monaten gehören sie der neu gegründeten Bürgerinitiative "Giftfreies Sauerland" an. Der harte Kern besteht aus zwölf Mitgliedern, die über den ganzen Ort verteilt wohnen. Junge Eltern, Rentner, Jugendliche, CDU-Wähler und linke Naturschützer - die Gruppe ist ganz gemischt. Das gemeinsame Ziel: "Es muss mehr Kontrollen beim Einsatz von Spritzmitteln geben", fordert Claudia Wegener. "Wir alle würden uns große Vorwürfe machen, wenn unsere Kinder an Krebs erkranken würden."

Stichprobenartige Kontrollen der Landwirtschaftskammer


Weihnachtsbaumplantage in Bestwig
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Weihnachtsbäume fertig zum Abschlag

Die Weihnachtsbaum-Produzenten scheuen sich vor Stellungnahmen gegenüber den Medien. Um die Sorgen möglicher Weihnachtsbaumkunden zu zerstreuen, erklärt Waldbauer Anton Nieder schließlich, er würde keine glyphposathaltigen Mittel auf die Bäume selbst auftragen. Für weitere Fragen verweist er an die Landwirtschaftskammer NRW. "Glyphosat gilt als nicht giftig und ist schnell abbaubar", erklärt Kammersprecher Bernhard Rüb. Die Kammer würde regelmäßig stichprobenartige Kontrollen bei den Bauern durchführen, um zu überprüfen, ob die Spritzmittel korrekt eingesetzt werden. Kontrollen seien auch bei Verdachtsfällen, die von Bürgern gemeldet würden, möglich.

Minister Remmel: "Keine Pflanzenschutzmittel"


Die von den Bauern eingesetzten Mittel sind nach der jetzigen Gesetzeslage legal, das möchte die Bürgerinitiative ändern. Deswegen haben sich die Mitglieder im Juli 2011 mit einem Hilfegesuch an NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) gewendet - bislang gab es keine offizielle Antwort. Gegenüber dem WDR sagte Remmel: "Wir brauchen bei Weihnachtsbäumen keine Pflanzenschutzmittel". Er plant eine Änderung des Waldgesetzes - die allerdings erst 2013 ansteht. Sein Ministerium hatte zudem bereits im Frühjahr das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) veranlasst, eine umfassende Untersuchung der Weihnachtsbaum-Plantagen im Sauerland durchzuführen. Die ersten Proben sollen Anfang 2012 genommen werden. Dabei soll besonders darauf geachtet werden, ob beispielsweise im Grundwasser die Höchstwerte von Glyphosat überschritten werden.

Schafeinsatz bei Bio-Weihnachtsbäumen

Dabei ließe sich die Produktion von Weihnachtsbäumen auch ohne Pflanzenschutzmittel durchführen. Statt Glyphosat könnten Schafe die Gräser einfach wegfressen, meint Remmel. Im Sauerland werden auch Bio-Weihnachtsbäume gepflanzt. Dort wird zwar auch ein kupferhaltiges Mittel gespritzt. "Aber diese sind nicht so schädlich wie die konventionellen Mittel", so LANUV-Sprecher Peter Schütz.

In Bestwig ist bislang kein Bauer auf die Bio-Produktion umgestiegen. "Wenn ich hier lang fahre, könnte ich heulen", sagt ein Mann, der nicht namentlich erwähnt werden möchte. Es sei ein kleiner Ort und es ginge um viel Geld. Er deutet aus dem Autofenster auf die Weihnachtsbäumchen und sagt: "Als ich ein Kind war, gab es hier noch Wald."


Stand: 17.10.2011, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (15)

letzter Kommentar: 21.10.2011, 00:41 Uhr

Bestwiger schrieb am 21.10.2011, 00:41 Uhr:
Hallo an alle Ignoranten!! Spätestens wenn die eigenen Kinder in den Giftwolken spielen werden sie alle hellwach. Übrigens-Contergan und Asbest waren auch getestete und genehmigte Wundermittel. Und wenn man nach 15 Bier vom Kegelabend kommt und das Kind liegt mit Kopfschmerzen im Bett, mal sehen was dann hier steht.
steuerzahler schrieb am 19.10.2011, 15:46 Uhr:
Habe noch nie einen Weihnachtsbaum gehabt. Ein Baum gehört in den Wald und nicht ins Wohnzimmer. Wenn die Rannen dann entsorgt werden müßen fliegen viele davon an den Straßenrand. Feine Moral der Weihnachtsmoralisten.
Anonym schrieb am 19.10.2011, 15:00 Uhr:
wer meint, Kupfer wäre nicht toxisch, der nehme ein Aquarium paar Fische und Wasser aus seiner Kupferleitung dafür und warte mal ab was so passiert. natürlich ist Kupfer toxisch und ein Skandal der Grünen, weil im Bio-Bau zugelassen. Wer sich auf Grünen -Aussagen dieser Qualität verlässt ist verlassen wie bei Energieversorgung über PV. Ohne Kupfer wirds ihre Lebr danken.
Anonym schrieb am 19.10.2011, 12:00 Uhr:
Im Interesse der Gewinnmaximierung ist das doch wohl hinzunehmen ;-(
Sauerländer schrieb am 17.10.2011, 22:04 Uhr:
Als Anwohner des genannten Gebietes sehe ich den Weihnachtsbaumanbau recht kritisch und kann großen Teilen des Artikels zustimmen. Wenn die Produzenten (Land- oder Forstwirte sind das für mich nicht) wenigstens auf die chemische Keule verzichten würden wäre vielen geholfen. Stattdessen findet man im Sauerland immer mehr braune Hänge auf denen nichts mehr lebt außer Weihnachtsbäumen. Und das nur dank der Spritzmittel. Ich habe keine Lust mehr mich weiter mit dem Zeug vergiften zu lassen und finde es echt klasse das endlich mal jemand den Mund aufmacht! Danke!

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