Tag gegen Genitalverstümmelung Grausame Tradition ohne Ende

Für die einen selbstverständliche Tradition, für die anderen ein Akt brutalster Grausamkeit: Die weibliche Beschneidung. Selbst in NRW werden Frauen und Mädchen beschnitten, sagt Jawahir Cumar, die in Düsseldorf Betroffene berät.


Jawahir Cumar
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Trägerin des Bundesverdienstkreuzes: Jawahir Cumar

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit mehr als 140 Millionen Frauen und Mädchen an ihren Genitalien beschnitten. In einigen afrikanischen Ländern ist es fast die gesamte weibliche Bevölkerung. Mädchen im Grundschulalter wird dabei die Klitoris entfernt, meist auch ein Teil der Schamlippen. Häufig geschieht das ohne Betäubung, als Werkzeug benutzen Beschneiderinnen in den Dörfern oft Gegenstände wie Rasierklingen, Messer, Glasscherben oder Dosendeckel. Schwere Infektionen oder sogar die Übertragung von HIV sind nicht selten die Folge. Nach WHO-Schätzungen sterben 10 Prozent der betroffenen Mädchen an den akuten Folgen und 25 Prozent an den langfristigen Auswirkungen. In Deutschland leben nach Schätzungen rund 25.000 betroffene Frauen und gefährdete Mädchen.

Mit ihrem Düsseldorfer Verein „stop mutilation“, der vom NRW-Gesundheitsministerium gefördert wird, berät Jawahir Cumar seit 1996 betroffene Frauen, aber auch Ehemänner. In Somalia initiierte sie ein Aufklärungsprojekt. Die 36-Jährige stammt selbst aus Somalia und wurde 2011 für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

WDR.de: In Ländern wie Somalia oder Mali liegt die Rate der Frauen und Mädchen, die beschnitten werden, bei über 90 Prozent, in Guinea sind es sogar 99 Prozent. Welches Denken steht dahinter, wie wird die Notwendigkeit der Beschneidung begründet?


Traditionelles Messer zur Genitalverstümmelung
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Messer zur Beschneidung von Mädchen

Jawahir Cumar: Diese Tradition ist über 5.000 Jahre alt und man geht davon aus, dass sie aus Ägypten kommt. Dort hat man weibliche Mumien gefunden, die offenbar an ihren Genitalien verstümmelt waren. Allein in Afrika wird die Beschneidung von Frauen bis heute in 29 Ländern praktiziert. Dort gelten Frauen, die nicht beschnitten sind, als nicht heiratsfähig, nicht rein, sie werden als Prostituierte betrachtet. Nicht beschnittene Mädchen werden in der Schule gehänselt. Diese Tradition hat aber nichts mit religiösem Glauben zu tun.

WDR.de: Ist die weibliche Beschneidung in den Ländern, wo sie massenhaft praktiziert wird, offiziell zugelassen?

Cumar: In vielen Ländern, in denen weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird, ist sie eigentlich verboten - in Somalia beispielsweise schon seit 1985. Dennoch sind auch dort 98 Prozent der Frauen beschnitten. Dort wird auch niemand deswegen verklagt, das Verbot steht nur auf dem Papier. Einzige Ausnahme ist Eritrea: Dort geht die Regierung stark gegen die Beschneidung vor – und die Zahl der Fälle sinkt von Jahr zu Jahr.

WDR.de: Den Vorgang selbst und die Folgen kann man sich nur als vollkommen alptraumhaft vorstellen. Oft sind die betroffenen Frauen und Mädchen danach tief traumatisiert. Wie erleben Sie diese Menschen?

Cumar: Unterschiedlich. Ich sehe viele traumatisierte Frauen, die schwere psychische Probleme haben, die sehr darunter leiden. Andere kommen besser damit klar. Es kommt darauf an, wie stark die jeweilige Persönlichkeit ist.

WDR.de: Die Fähigkeit zum Orgasmus ist durch die Beschneidung normalerweise zerstört, das sexuelle Empfinden ebenso. Frauen, deren Schamlippen zusammengenäht wurden, leiden Qualen beim Wasserlassen und während der Menstruation, beim Geschlechtsverkehr können Narben reißen. Wie schaffen es Millionen betroffener Frauen, damit ein normales Leben zu führen?  

Cumar: In afrikanischen Ländern sind viele Frauen psychisch ziemlich angeschlagen deswegen. Nach außen hin fällt das aber oft nicht auf. Die wenigsten Frauen sprechen darüber, denn das Thema ist tabu. Viele denken, das gehört eben zu ihrem Leben und akzeptieren ihren Zustand.

WDR.de: Wie kommt es, dass inzwischen nicht viele Frauen dagegen aufbegehren, dass ihre Töchter das gleiche Grauen erleben sollen, wie sie selbst?

Cumar: Zunächst mal denken die meisten, dass Beschneidung sein muss, weil man es immer so gemacht hat. Es ist eine Tradition, die für viele zum Leben gehört und nicht hinterfragt wird. Wenn ein siebenjähriges Mädchen beschnitten wird, sagt man ihm "ab heute bist du eine Frau". Mädchen, die nicht beschnitten sind, werden von der Gesellschaft total ausgestoßen, genauso deren Mütter.

WDR.de: Selbst in Ägypten sollen schätzungsweise 97 Prozent aller Frauen oder Mädchen beschnitten sein. Dabei gelten zumindest in den ägyptischen Großstädten doch große Bevölkerungsteile als aufgeklärt und gebildet.


Frauen in Kairo
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Frauen in Kairo

Cumar: Weibliche Genitalverstümmelung ist keine Frage der Bildung. Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit weiblicher Beschneidung und geringer Bildung. In den Dörfern vieler afrikanischer Länder werden mehr Frauen und Mädchen beschnitten, als in den Städten. Aber gerade in Ägypten sind alle Gesellschafts- und Bildungsschichten beteiligt, weil dort auch in einer höheren Bildungsschicht nicht beschnittene Frauen einfach nicht akzeptiert werden. Sie gelten als Prostituierte und werden kaum einen Ehemann finden. Viele der jungen Studentinnen, die Ihnen beispielsweise an der Universität von Kairo begegnen, sind beschnitten. Es gehört dort einfach zum Frausein.

WDR.de: Nach Angaben des NRW Integrationsministeriums leben allein in NRW mehr als 5.600 "potentiell betroffene" Frauen. Was bedeutet das?

Cumar: Das sind entweder Mädchen, denen die Beschneidung droht, oder Frauen, die bereits beschnitten sind.

WDR.de: Findet weibliche Beschneidung in Deutschland statt?

Cumar: Das hören wir immer wieder, ja. Meist werden die Mädchen aus entsprechenden Familien in den Sommerferien nach Afrika mitgenommen, um dort beschnitten zu werden. Es passiert aber auch, dass Beschneiderinnen hier praktizieren.

WDR.de: In welcher Lage sind die Frauen oder Mädchen, die sich an Ihre Beratungsstelle wenden?

Cumar: Manche kommen, weil sie gesundheitliche Probleme haben, ihr Gynäkologe sich aber mit den Folgen der Genitalverstümmelung nicht auskennt. Viele hören dann Sätze wie "Was haben Sie da um Himmels Willen? Bei sowas kann ich Ihnen nicht helfen". Wir arbeiten mit einem Arzt zusammen, der solche Frauen in einem Raum in unserer Beratungsstelle untersuchen kann. Wir betreuen und beraten diese Frauen.

WDR.de: Gibt es eine Möglichkeit, die Genitalverstümmelung rückgängig zu machen?

Cumar: Es gibt nur sehr wenige Ärzte in Europa, die das machen. Einer von ihnen ist ein Facharzt für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Aachen. Er hat eine Methode zur natürlichen Rekonstruktion der äußeren Genitalien entwickelt, die er auch bei Frauen nach einer Krebserkrankung anwendet. Zwar übernimmt die Krankenkasse sogar die Kosten dafür, dennoch ist das ein Schritt, der für viele sehr viel Mut erfordert, denn sie müssen sich ein zweites Mal unters Messer legen. Seit Dezember haben wir ein 19-jähriges Mädchen begleitet, das operiert wurde. Sie sagt, sie fühle sich wie neugeboren.

WDR.de: Was müsste in den betroffenen afrikanischen, arabischen oder asiatischen Ländern geschehen, um ein Umdenken bei denen zu bewirken, die weibliche Beschneidung fordern und durchsetzen?


Aufklärungskampagne gegen Genitalverstümmelung in Somalia
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Aufklärungskampagne in Somalia

Cumar: Aufklärung ist das Allerwichtigste. In großen Kampagnen muss in Grundschulen darüber aufgeklärt werden, was bei der Genitalverstümmelung genau passiert und dass das nichts Gutes ist. Das starten wir gerade in Somalia. Außerdem müssen Beschneiderinnen im großen Stil umgeschult werden auf andere Berufe, damit sie nicht mehr abhängig sind von dieser Tätigkeit. Verbote allein reichen nicht, man muss die Menschen davon überzeugen, dass es besser ist, diese Tradition nicht fortzusetzen.

Das Interview führte Nina Magoley.


Stand: 06.02.2013, 08.51 Uhr


Kommentare zum Thema (40)

letzter Kommentar: 11.02.2013, 14:54 Uhr

@Klaus schrieb am 11.02.2013, 14:54 Uhr:
Danke für Ihre logischen Ausführungen, denn jetzt weiß ich das Gott eine Frau ist. Das ist ja toll.
Anonym schrieb am 11.02.2013, 12:01 Uhr:
Erstmal vorab ich finde Beschneidungen bei beiden Geschlechtern gegen die Natur, allerdings muss man auch bedenken, dass beschnittene Männer seltener an einem Peniskarzinom leiden, und auch dass sie Sexualität geniessen können im Gegensatz zu Frauen, die beschnitten sind, hier geht es nämlich darum den Frauen jegliche sexuelle Lust zu nehmen, hier geht es um Macht. Die Frauen werden zugenäht, dass selbst Wasserlassen zur Tortour wird, abgesehen von Menstruation, Geschlechtsverkehr und Geburt. Ein Freund wurde aufgrund einer sekundären Phimose beschnitten und sowohl er als auch seine Frau berichten von einem besseren Sexualleben. Dies wird man von keiner beschnittenen Frau hören, sondern das Gegenteil. Und insofern sehe ich das Ganze mit 2 Augen. Eine Beschneidung egal bei wem ist eine Körperverletzung, aber die Folgen sind für Frauen ungleich schwerer und gravierender und nicht vergleichbar mit der eines Mannes, hier sind die Folgen eigentlich eher ein Benifit, abgesehen von der Op.
Klaus schrieb am 11.02.2013, 11:06 Uhr:
Gott hat uns nach seinen Ebenbild geschaffen und viele dummen Menschen verstümmeln genau dieses Ebenbild. Darüber sollten mal diejenigen nachdenken, die in Gottes Namen verstümmeln. Aber es findet sich bestimmt eine unsinnige Begründung um weiter zu beschneiden und unsere Volksvertreter stimmen dem auch noch zu.
Das Leihschwein schrieb am 11.02.2013, 09:57 Uhr:
In solchen Länder ist es besser man wird erst gar nicht als Mädchen geboren. Denn außer Gewalt und Schmerzen in jeglicher Form und das ein Leben lang hat man nichts zu erwarten. Was ich überhaupt nicht verstehe das die eigenen Eltern ihrer Tochter so etwas Grausamens antun können. Auch ganz schlimm das der Staat so etwas nicht unter Strafe stellt. Bei dieser Tradition geht es wohl nur darum Frauen zu unterdrücken und ihnen jegliches Gefühl zu nehmen. Frauen aus solchen Ländern die in Deutschland geboren wurden sollten sich so etwas nicht gefallen lassen. Die UN/EU sollte finanzielle Hilfen an diese Länder nur gewähren, wenn sie ihre Mädchen/Frauen nicht mehr verstümmelt.
Junge,Junge schrieb am 10.02.2013, 08:21 Uhr:
und die Jungs duerfen weiter verstuemmelt werden,ohne das jemand aufschreit!Nein,im Gegenteil-dafuer gibt es noch ein Parteienuebegreifendes Gesetz aus Berlin das dies absegnet!

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