Volkszählung am Futterhäuschen: "Manche Vögel sind opportunistisch"
Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ruft am Wochenende (06. bis 08.01.2012) zur Volkszählung der Vögel auf: Naturfreunde sollen eine Stunde lang Vögel im Garten, auf dem Balkon oder im Park melden. Vogelkundler Peter Hlubek vom Nabu Münster ist gespannt auf die Ergebnisse.

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Der Gartenrotschwanz – einer der üblichen Verdächtigen
Hintergrund der Volkszählung für Vögel ist die Idee, sich einen Überblick über den Bestand des hierzulande überwinternden Federviehs zu verschaffen und schleichende Veränderungen in der Vogelwelt festzustellen. Mitmachen kann jeder. Die Ergebnisse werden online übermittelt und live eingespielt. Bei der ersten Vogelzählung im letzten Jahr haben bundesweit mehr als 85.000 Teilnehmer rund 2,6 Millionen Vögel gemeldet. Häufigster Wintervogel ist demnach die Kohlmeise, gefolgt von Haussperling, Amsel und Blaumeise. Ziel der Aktion sei es, die Menschen für heimische Vögel zu interessieren, sagt Vogelexperte Peter Hlubek. Der pensionierte Industriemeister ist 1. Vorsitzender des Nabu Münster, leitet die Arbeitsgruppe Vogelschutz und kennt die Vogelwelt wie kaum ein anderer. Seit seinem sechsten Lebensjahr beobachtet er die Tiere.
WDR.de: Herr Hlubek, die Kohlmeise war bei der letzten Volkszählung der Vögel im Jahr 2011 der unangefochtene Spitzenreiter unter den heimischen Vögeln. Kann sie diese Position auch in diesem Winter halten?

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Peter Hlubek, Leiter der Arbeitsgruppe Vogelschutz des NABU Münster
Peter Hlubek: Wir haben einen großen Stamm von Kohlmeisen in Deutschland, das sind über 360.000 Brutpaare. Dieser Bestand wird in den Wintermonaten von Oktober bis etwa Februar aus Zugängen von Norden und Nordosten erweitert. Das heißt, wir haben im Winterhalbjahr, und zwar besonders, wenn es kalte Winter sind, immer mehr Kohlmeisen in Deutschland als hier normalerweise auch brüten. Es kann daher gut sein, dass die Kohlmeise wieder gewinnen wird - auch weil einige Arten wie Amsel und Sperling im Bestand drastisch zurückgegangen sind.
WDR.de: Welche weiteren Vögel, denken Sie, werden in diesem Jahr am häufigsten gesichtet?
Hlubek: Es ist immer schwer, eine Ferndiagnose zu stellen. Die üblichen Verdächtigen sind der Buchfink, die Amsel und das Rotkehlchen. Eventuell kommen noch Haussperlinge und Blaumeisen hinzu.
WDR.de: Und wie sieht es bei Ihnen in den Rieselfeldern Münster, dem Vogelschutzgebiet der Europäischen Union, aus?
Hlubek: In den Rieselfeldern findet man Watvögel beziehungsweise Limikolen wie Kiebitz, Regenpfeifer und Flussuferläufer, die den Winter hier verbringen. Dazu kommt ein großer Anteil nordischer Gänse, Saatgänse, Blässgänse und die einheimischen Graugänse. Die Limikolen bleiben so lange das Wasser in den Seen eisfrei ist. Wenn es zufriert, ziehen die weiter. Wir sagen dazu: Das sind Teilzieher. Die sind opportunistisch. Wenn sie Nahrungsmittel finden und Wasser haben, bleiben sie, wenn die Seen zufrieren, ziehen sie weiter.
WDR.de: In diesem Jahr ist der Winter bisher recht mild. Erwarten Sie neben den sogenannten Standvögeln, die das ganze Jahr über bei uns bleiben, aufgrund des milden Klimas auch Überraschungsgäste?

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Der landestypische Mäusebussard.
Hlubek: Aus dem Norden und dem Nordosten kommen immer wieder welche. Bei den Greifvögeln kann man hier eventuell mit Raufußbussarden rechnen, das ist der nächste Verwandte unseres Mäusebussards. Dann kommen nordische Bestände des Habichts und des Sperbers, die sich im Frühjahr wieder zurückziehen. Bei den Singvögeln sind es Bergfinken und Seidenschwänze, die relativ häufig auftauchen. Seidenschwänze habe ich in diesem Jahr noch nicht gesehen, Bergfinken sind aber schon da. Oft kommt noch eine nordische Population von Tannenhähern. Die ist aber in diesem Jahr nicht zu erwarten, die kommen nur in kalten Wintern. Im vergangenen Winter hatten wir welche selbst hier in Nordrhein-Westfalen, die ziehen aber im Frühjahr auch wieder weg.
WDR.de: Hält der milde Winter Zugvögel, die üblicherweise in wärmere Gefilde fliegen, auch von ihrem Zug ab?

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Eisvögel sind in der Schleuse in Münster zu beobachten.
Hlubek: Die Langstreckenflieger wie Nachtigallen, Gartenrotschwänze oder Trauerfliegenschnäpper auf keinen Fall. Die ziehen weiter, die haben sich ihr Zugverhalten über 100.000 Jahre angeeignet. Bei den Teilziehern wie den Eisvögeln ist das aber durchaus möglich. So lange die Gewässer hier eisfrei sind, werden die nicht wegziehen. Wir haben einen relativ hohen Bestand von Eisvögeln hier in Münster, die sind noch da. Wenn es kalt werden würde, würden die weiterziehen. Die fliegen zum Beispiel ins Sauerland, wo die Gebirgsbäche eisfrei bleiben, oder sie suchen sich andere Orte aus. Ein sehr guter Standpunkt, um Eisvögel zu beobachten, ist übrigens die Schleuse in Münster. Die ist immer eisfrei, und wenn man Glück hat, sieht man die Eisvögel Fische jagen. Dabei werden sie gerne von den Möwen verfolgt, das ist immer ein hübsches Schauspiel.
WDR.de: Und wie sieht es andersherum aus? Kommen Vögel, die üblicherweise eine strengere Kälte bevorzugen, gar nicht erst her?
Hlubek: Das ist möglich! Wir wissen, dass einige Vögel, die in der Tundra brüten, ihre Brutgebiete weiter nach Norden verlegt haben. Mag sein, dass das die ersten Auswirkungen der Klimaerwärmung sind. Thors- und Odinshühnchen oder auch Sterntaucher, die in der Tundra in der Nähe des Polarkreises brüten, haben in den letzten zehn, zwölf Jahren ihre Brutgebiete weiter nach Norden ausgedehnt.
WDR.de: Erwarten Sie aufgrund des milden Wetters andere Ergebnisse als im letzten Jahr?
Hlubek: Zwei vollkommen gleiche Jahre wird es nicht geben. Der Unterschied wird sich in etwa im Bereich von zehn bis 15 Prozent nach oben oder nach unten bewegen. Das betrifft allerdings nur die Wintervögel. Es gibt natürlich Vogelpopulationen, um die Vogelfreunde und Ornithologen bangen, weil sie bereits auf der Vorwarnliste oder auf der roten Liste stehen oder weil sie in Deutschland bereits ausgestorben sind. Bei den Gartenvögeln ist die Population aber relativ stabil.
Das Interview führte Anja Likusa.
Stand: 07.01.2012, 06.00 Uhr
- Audio: Naturschutzbund ruft zur Vogel-Zählung auf [WDR 2] Carsten Manz / Jürgen Mayer, WDR 2 Morgenmagazin
- Audio: Vogelzählung in Gevelsberg [WDR 2] Carsten Manz / Stefan Quoos, WDR 2 Westzeit
- Nabu-Mitmachaktion "Stunde der Wintervögel": Wer piept denn da? [WDR 2]
- Vögel im Winter: So füttern Sie richtig [BR]
- Stunde der Wintervögel – Infos zur Aktion auf der Homepage des Nabu
- Rieselfelder Münster – Homepage des EU-Vogelschutzgebietes
Kommentare zum Thema (1)
letzter Kommentar: 07.01.2012, 12:03 Uhr
- StefanO schrieb am 07.01.2012, 12:03 Uhr:
- In Zeiten von Krawallen, Korruption, U-Bahnschlägereien und Wirtschaftskrisen ist es schön so einen Artikel zu lesen. Hier geht es um Dinge die direkt vor unserer Haustür passieren und mir z.B. sehr wichtig sind. Es macht mehr Spaß sich um unsere nächste Natur zu bemühen als sich über weit entfernte, teils theoretische Konstrukte zu ereifern. Danke an den NABU, Peter Hlubek und an den WDR.
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