Bau der neuen U-Bahn in Düsseldorf Durch den Tunnel der Landeshauptstadt

Von Martin Teigeler

Für 750 Millionen Euro baut Düsseldorf seit November 2007 eine neue U-Bahn-Linie. Fünf Jahre nach dem ersten Spatenstich durchzieht eine kilometerlange Baustelle das Zentrum der Stadt. Ein Untergrund-Report.


Baustelle am Graf-Adolf-Platz
Bild 1 vergrößern +

Projektleiter Gerd Wittkötter erklärt den U-Bahn-Bau.

Rund zwanzig Meter unter der Erde von Düsseldorf ist es am helllichten Tag still und schattig. Während oben der Autoverkehr über die Straßen rollt und zahlreiche Passanten die Herbstsonne auf der Königsallee genießen, läuft Gerd Wittkötter durch die U-Bahn-Baustelle. Er raucht eine Zigarette. Nur ein paar Tauben verirren sich neben den Bauarbeitern hierher. "Und leider ein paar Graffiti-Sprayer", sagt Wittkötter und weist auf einen farbigen Schriftzug an einer unterirdischen Betonwand. Der 64-jährige Ingenieur ist Projektleiter der Stadt für das Millionen-Vorhaben "Wehrhahn-Linie". Bis 2015 soll Düsseldorfs neue U-Bahn-Linie fertig sein.

Für den OB ein "Glücksfall"


Projektleiter Wittkötter in der Baugrube
Bild 2 vergrößern +

Der 64-jährige Wittkötter geht in Rente, wenn der Bau fertig ist.

Wittkötter ist so etwas wie ein alter Hase im Tiefbau. Der gebürtige Ostwestfale war schon beim Großprojekt Rheinufertunnel vor 20 Jahren dabei. Seit fünf Jahren trägt er nun die Verantwortung für die neue U-Bahn. Es ist eine Operation am offenen Herzen der Stadt. Ein 3,4 Kilometer langer Graben bzw. Tunnel durchzieht die Düsseldorfer Innenstadt. Die Mega-Baustelle unterhöhlt die Altstadt und erfasst belebte Einkaufsstraßen. Ladeninhaber beschwerten sich in der Lokalpresse über die Dauerbaustelle, über Schutt und geschäftsschädigende Absperrungen, die über Jahre bleiben.


Graffiti im U-Bahn-Tunnel
Bild 3 vergrößern +

Unter der Erde haben unbekannte Sprayer Graffitis gemalt.

Düsseldorfs Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) sieht das anders. "Für uns ist es ein großer Glücksfall, die U-Bahn in der Innenstadt bauen zu können und dabei auch mit dem Projekt Kö-Bogen ein großes Stück Stadtentwicklung verwirklichen zu können", sagte der Rathauschef einmal über das von ihm und seinem verstorbenen Amtsvorgänger Joachim Erwin (CDU) vorangetriebene Prestigeobjekt. Tatsächlich ist die U-Bahn nur eine von mehreren Großbaustellen in Düsseldorf. Der Kö-Bogen ist ein weiteres Renommierprojekt. Star-Architekt Daniel Libeskind baut einen 300 Millionen Euro teuren Komplex aus Geschäftshäusern zwischen Königsallee und Hofgarten. Bezahlbare Wohnungen fehlen hingegen in Düsseldorf.

Mammutzahn und Kanonenkugel


Besucher auf der U-Bahn-Baustelle
Bild 4 vergrößern +

Hier entsteht der U-Bahnhof am Graf-Adolf-Platz.

Seit Beginn des U-Bahn-Baus begleiten Archäologen den Trupp der Arbeiter. "Da sind schon über 10.000 alte Gegenstände gefunden worden", berichtet Wittkötter, während er durch die Tunnelröhre stapft, in der noch keine Gleise liegen. Die spektakulärsten Funde waren ein urzeitlicher Mammutzahn sowie eine noch mit Schwarzpulver gefüllte Kanonenkugel. "Dafür musste sogar der Kampfmittelräumdienst anrücken", sagt Wittkötter. Die Granate könnte während des Einmarsches der napoleonischen Truppen im Jahr 1795 zum Einsatz gekommen sein, vermuten Historiker.


Bagger auf U-Bahn-Baustelle
Bild 5 vergrößern +

Bis 2015 sollen die Bagger mit ihrer Arbeit fertig sein.

Nach rund einem Kilometer Fußmarsch durch die neonbeleuchtete Röhre ist Wittkötter an einem der schon weit fortgeschrittenen U-Bahnhöfe angekommen. Er geht durch Wasserpfützen. Heikle Fragen pariert er mit der Routine des geübten Baustellen-Führers. Kostensteigerungen beim Bau (inzwischen ist von 800 statt 650 Millionen Euro die Rede)? Im Vergleich zu anderen Großprojekten seien das keine besonderen Steigerungen. Die Mehrkosten hätten auch mit erhöhten Preisen zu tun. "Sie bekommen das Benzin für Ihr Auto ja auch nicht mehr zum Preis von 2007." Und was macht Düsseldorf, um einen tödlichen Einsturz wie 2009 in Köln zu verhindern? Er könne nur ganz allgemein sagen, dass Düsseldorf Sicherheitsvorkehrungen getroffen habe, sagt Wittkötter. "Die Überprüfung und Heraufsetzung der Sicherheitsstandards bei verschiedenen Bauabschnitten nach dem tragischen Einsturz des Archivs in Köln führten zu weiteren Mehrkosten", heißt es in einer Mitteilung der Stadt. Stützpfeiler sowie Anlagen zum Abpumpen des Grundwassers säumen den Verlauf der langgezogenen Tiefbaustelle. "Ich bin froh, dass wir in Düsseldorf bis jetzt nur zwei leicht verletzte Bauarbeiter hatten", sagt der Projektleiter.

"Volkswirtschaftlicher Schaden"?


Beleuchtete Tunnelröhre in rund 20 Meter Tiefe
Bild 6 vergrößern +

Ende 2012 können auch Bürger den Tunnel besichtigen.

Es gibt auch Kritiker des Verkehrsprojekts. Die Wehrhahn-Linie sei "nicht sinnvoll", sagt Jost Schmiedel vom Düsseldorfer Ortsverein des Verkehrsclubs Deutschland. Viele Fahrgäste würden nach den bisherigen Planungen die Möglichkeit verlieren, ohne Umsteigen die wichtigen Ziele Altstadt und Graf-Adolf-Platz zu erreichen. Die Kostensteigerungen seien zudem absehbar gewesen. Der Bau stelle "einen volkswirtschaftlichen Schaden" dar, sagt Schmiedel. Ein Bürgerbegehren gegen den Bau scheiterte allerdings bereits 1999 in der frühen Planungsphase.

Die Düsseldorfer, die er auf den Straßen am Rande der Baustelle treffe, stünden dem Bau positiv gegenüber, sagt Wittkötter. Als er dies unweit der Baustelleneinfahrt im Stadtteil Bilk dem Reporter sagt, raunzt ihn ein Passant im Rentenalter scherzhaft von der Seite an: "Ihr sollt die U-Bahn bauen. Nicht reden!" Wittkötter lacht. Mit solchen Aufforderungen zum Arbeiten könne er gut leben. "Das Problem ist, dass die Leute ja oben nicht sehen können, wie hart unten gearbeitet wird", sagt Wittkötter. Er trägt eine signalfarbene Arbeitsjacke mit der Aufschrift "Wehrhahn-Linie". Er werde mit 67 in Rente gehen. Schmunzelnd sagt Wittkötter: "Bis dahin muss die U-Bahn fertig sein."

Der Abstieg unseres Autors
Martin Teigeler

U-Bahn-Fahren ist in Düsseldorf ein entspannendes Kontrastprogramm zum hektischen Autoverkehr, findet unser in Düsseldorf wohnender Autor Martin Teigeler. Trotz leichter Höhenangst kletterte er auf wackeligen Leitern in die Tiefe. Die Bauarbeiter dort unten durften übrigens zum Zeitpunkt der Reportage Ende Oktober - noch - rauchen. Erst wenn die Elektrik verlegt ist, besteht wegen Brandgefahr ein Rauchverbot im Untergrund.

Stichworte

Die Wehrhahn-Linie

Die Wehrhahn-Linie soll von 2015 an das bereits bestehende U-Bahn-Netz in der Landeshauptstadt Düsseldorf erweitern. Im November 2007 waren die Arbeiten für die 3,4 Kilometer lange Trasse, die vom Wehrhahn nördlich des Hauptbahnhofs bis zum südlichen Stadtteil Bilk führt, gestartet. Durch den Bau sollen fünf bislang oberirdische Straßenbahn-Linien "abtauchen". Da sich die Bahnen dann nicht mehr länger mit Autos, Radfahrern und Fußgängern die Straßen teilen müssen, können sie laut Kommune "noch schneller und pünktlicher fahren". Acht Haltestellen - sechs davon unterirdisch - sind geplant. Über 50.000 Menschen sollen das Angebot werktags nutzen. Gebaut wird vom Unternehmen Bilfinger Berger. Auftraggeber ist die Stadt Düsseldorf.


Stand: 02.11.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (2)

letzter Kommentar: 02.11.2012, 21:05 Uhr

Neusser schrieb am 02.11.2012, 21:05 Uhr:
Ganz interessant - aber eine Karte wäre noch gut. Ich habe keine Ahnung, wo diese Werhahn-Linie lang führt. Zu teuer oder nicht dran gedacht?
Christian schrieb am 02.11.2012, 14:13 Uhr:
Ein bisschen Klugscheißerei: Der Plural von Graffito ist Graffiti - nicht Graffitis :-)