Interview zu Organhandel-Thriller "Es ist nicht nur wilde Fiktion"

Kriminelle Geschäfte mit Organen waren bisher in Deutschland nicht vorstellbar. Die Düsseldorfer Autorin Stephanie Koch spricht in ihrem Thriller "Digit" genau das an, was viele lange bestritten und seit dem Skandal in Göttingen Realität geworden ist.


Mitarbeiter trägt eine spezielle Kühlbox für Spendeorgane
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In Göttingen soll ein Oberarzt Akten gefälscht und Patienten bei der Organspende bevorzugt haben. Solche Machenschaften im großen Stil waren für die deutschen Spitzengremien der Transplantationsmedizin bisher nicht vorstellbar. Stephanie Koch schreibt über diese Thema in ihrem Buch "Digit". Eineinhalb Jahre hat die Düsseldorfer Autorin für den 430 Seiten starken Thriller recherchiert und verärgerte dabei so manchen Mediziner, als sie diese auf die Sicherheit von Datenbanken ansprach. Ihr Buch soll ab Oktober erhältlich sein.

WDR.de: Als vergangene Woche der Skandal in Göttingen bekannt wurde, haben Sie da gedacht: Ich hab's doch gewusst?

Stephanie Koch: Als ich das im Fernsehen gesehen habe, dachte ich: Das ist echt unglaublich. Andererseits ist es auch ein Beweis, dass das, was ich mir ausgedacht habe, nicht irgendeine wilde Fiktion, sondern tatsächlich eine Möglichkeit ist. Viele Verlage hatten mit dem Thema Berührungsängste und es war ihnen zu heiß. Im Wesentlichen geht es um die Gefahr des gläsernen Menschen durch diese ganzen digitalen Datenbanken. Durch sie wurde ein riesiger Gen-Supermarkt geschaffen, den man hacken kann. In Göttingen wurde das System zwar nicht gehackt, dafür aber falsche Daten ins System gespeist. Alle sind ja immer davon ausgegangen, dass das nicht möglich ist.

WDR.de: Und wenn es doch passiert, wie in Ihrem Thriller?


Stephanie Koch im Porträt

Stephanie Koch

Koch: In Deutschland haben wir sehr tolle und gründliche Datenbanken. Sie waren sicher irgendwann mal beim Arzt oder im Krankenhaus. Irgendwo sind Ihre Daten da schon digitalisiert. In meinem Buch gibt es einen russischen Ölmulti, der eine Herz-Lungenkombination für sein Kind braucht, weil es anders nicht überleben kann. Die Datenbank stellt fest, dass es quasi den genetischen Zwilling dieses Kindes gibt. Diese Herz-Lungen-Kombination ist nun einem israelischen Organdealer fünf Millionen Euro wert. In meinem Plot ist es eine Organisation, die es möglich macht, das optimale Spenderorgan zu bekommen. Je besser ein Organ zum Patienten passt, desto besser kann er damit leben. Ein Dialysepatient, der heute in Deutschland auf der Liste steht, bekommt zum Beispiel niemals eine Niere, die so optimal ist, wie er sie in meinem Buch bekommt. Aber: Das ist ein realistischer Weg und nicht bloß Fiktion.

Ich fand es reizvoll, die Deutschen wach zu rütteln und ihnen zu zeigen: Wir könnten auch das Geberland für noch viel reichere Leute sein. In meinem Buch ist nichts drin, was nicht möglich ist.

WDR.de: Wie kam es zur Idee für dieses Buch?

Koch: Zum einen, weil mein bester Freund eine Spenderleber brauchte. Er ist vor zweieinhalb Jahren gestorben, weil er eben nicht rechtzeitig ein Organ bekommen hat. Außerdem habe ich für ein anderes Buch bereits zu diesem Thema recherchiert. Ich habe viele Artikel gelesen über Arbeitslager in China oder den Organhandel in der Wüste Sinai, wo Flüchtlinge quasi abgeschlachtet werden sollen. Das hat mich sehr erschüttert. Es ist sehr grausam, was in der Dritten Welt passiert, um anderen Menschen Organe zu beschaffen. Ich hielt es aber für sehr naiv zu glauben, dass es hier in Deutschland nicht passiert.

WDR.de: Würden Sie überhaupt noch Organe spenden?

Koch: Ich habe selber einen Spendenausweis, wobei ich zugeben muss, während der Recherchen habe ich manchmal überlegt, ob ich ihn wegwerfen soll. Aber ich habe ihn noch im Portemonnaie.

Das Interview führte Simone Maurer.


Stand: 24.07.2012, 11.30 Uhr


Kommentare zum Thema (4)

letzter Kommentar: 25.07.2012, 16:54 Uhr

Anonym schrieb am 25.07.2012, 16:54 Uhr:
Wer gesetzlich die 2-Klassen-Medizin fördert und ausbaut hat manche Idee der illegalen Weiterentwicklung dieser 2 Klassen-Systematik im Keime angelegt?Wer sogar die entsprechenden PKVs mit diesem Argument der Bevorzugung werben lässt, dass sogar die "einfältige" Ärzteschaft von diesem Einkommen als Hauptversorgung fast schon spricht, und die sichere Einnahme aus GKV am liebsten ohne Gegenleistung unter den Tisch kehren möchte,der geht eigentlich schon über die sozial-liberale Grenze hinaus? Dabei sind aber nicht nur die Politiker und das profitierende Beamtentum gemeint, sondern auch ver.di, die die Angestellten der PKVs aber auch die organisierten Beamten schützt? Im Prinzip liegt schon in diesem System die Begründung vieler Betrugstäter des Systems,weil es ja besser und schlechtergestellte Teilnehmer definiert, wie sonst kommen der freiwillige nicht begründbare 2,3fache Satz (von GKV-Satz) bei der Beihilfe zum Tragen?
arzt schrieb am 24.07.2012, 15:43 Uhr:
Wie in allen Lebensbereichen regiert Geld die Welt. Es wird auch in allen Lebensbereichen Korrupte geben. Die Leute, die so etwas tun, sollten mit der ganzen Gesetzeshärte bedacht werden. Bin und bleibe dennoch 0rganspender - in der Hoffnung, einem Menschen evtl. mal helfen zu können. Die Umstände interessieren mich dann sowieso nicht mehr.
Scheinheilig schrieb am 24.07.2012, 15:08 Uhr:
Schon mal erlebt, wenn eine an Krebs erkrankte Kassenpatientin Wochenlang auf einen MRT-Termin warten muss? In D werden Menschen mit Geld (Privatpatienten) seit Jahrzehnten bevorzugt – völlig legal. Dieser Organskandal ist im Grunde doch nichts anderes. Daher verstehe ich nicht, warum sich darüber plötzlich alle empören.
Alex schrieb am 24.07.2012, 12:27 Uhr:
Gerade wenn es mehr Spenderausweise gäbe, wäre der illegale Markt nicht so interessant, weil viel eher die Möglichkeit besteht ein passendes Organ auch legal zu bekommen.