Transition-Town-Bewegung in Deutschland: Mit Hirn, Herz und Händen
Erntedank einmal anders: Nicht nur Christen schätzen die Erträge aus der Erde, auch die Aktivisten der "Transition-Town-Bewegung". Sie wollen mit Blick auf knappe Ressourcen das Leben nachhaltig umgestalten.

-
Bild 1 vergrößern
+
Nicht nur Erbsen sollen im Gemeinschaftsgarten eine Chance haben
Manche beackern gemeinsam einen Garten, bauen Nutzpflanzen auf öffentlichen Grünflächen an. Andere teilen sich ein Auto, wieder andere richten lokale Tauschringe ein. Die so genannte "Transition-Town-Bewegung" ist vielseitig und greift die Ideen der Menschen auf, die sich in den Initiativen engagieren. Ihre Ursprünge gehen auf den Briten Rob Hopkins zurück. Die Aktivisten wollen sich schon jetzt auf eine postfossile Zukunft einstellen. Dazu gehört, dass sie in Gemeinschaftsprojekten den Verbrauch fossiler Energien senken sowie die lokale und regionale Wirtschaft stärken wollen. Die Initiativen beschreiben ihr Engagement als "Agenda 21 von unten" und wollen ihre direkte Umgebung verändern. Dabei behalten sie das große Ganze im Blick. Ihr Leitspruch: "Hirn, Herz und Hände der Energie- und Kulturwende".
Herr Wessling, Sie haben die Transition-Bewegung in Bielefeld mit gegründet. Was waren die Gründe dafür?
Gerd Wessling: 2009 war ich oft in England und bin dort häufig Menschen aus dem "Transition Movement" begegnet. Von dort kommt ja die Transition-Bewegung. Davon habe ich dann einigen Freundinnen und Freunden in Bielefeld erzählt, und dann haben wir "Transition Town Bielefeld" gegründet.
- Gerd Wessling
-
Der Westfale Gerd Wessling arbeitet als selbstständiger IT-Experte. Erste Kontakte mit der Transition-Bewegung knüpfte er in Großbritannien, dem Mutterland der "Transition Towns". Mehrfach besuchte er auch die südenglische Stadt Totnes, die als Vorbild und Modell der Transition-Bewegung gilt. Inzwischen gibt Wessling auch Seminare und berät Gruppen, die sich der Bewegung anschließen möchten.
Ich konnte eigentlich gar nicht anders, manche Ideen passen einfach so gut zu einem, dass man aktiv werden muss. Bis dahin hatte ich mich immer rausgehalten, auch politische Gruppen waren mir zu dogmatisch und einseitig. Bei der "Transition-Bewegung" begeistert mich weiterhin, dass es um die gemeinsame Suche nach Lösungen geht – und dass die Lösungen nicht vorgegeben sind. Das Modell ist praktisch und undogmatisch und versucht, möglichst viele Menschen mit einzubeziehen. Der ganzheitliche Ansatz, wie in dem Leitspruch sich "mit Hirn, Herz und Händen" für die Energie- und Kulturwende einzusetzen, das spricht mich persönlich total an.
WDR.de: Was sind denn die Kernpunkte der Bewegung? Wofür setzen Sie sich ein?
Wessling: Es gibt ein paar Prinzipien. Die Wurzeln stammen aus der Permakulturbewegung, die steht für permanente Agrikultur, eine nachhaltige Form der Landwirtschaft. Permakultur versucht, Systeme zu bauen, die wie die Natur funktionieren. Mit möglichst wenig Input und wenig Pflege sollen sie dauerhaft einen hohen Ertrag sichern. Die "Transition-Bewegung" kann man sich vorstellen wie soziale Permakultur.

-
Bild 2 vergrößern
+
Lokal handeln, aber das große Ganze im Blick behalten
Ein weiteres Prinzip ist auch die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit einer Nachbarschaft, Gemeinde oder Region. Wenn wir vor Ort gute Lösungen für die Probleme finden, dann erhöht sich nicht nur die Resilienz gegen zukünftige Krisen, wenn etwa das Öl knapp wird. Sondern die Menschen lernen sich besser kennen, haben Spaß miteinander, und das steigert schon jetzt die Lebensqualität. Weil man Dinge teilt, etwa Nahrungsmittel, die aus der Gegend stammen. Wichtig ist generell, gemeinsam eine Vision zu entwickeln, wie wir leben möchten. Die Lösungen vor Ort sollen immer die Aspekte Klimawandel, Ressourcenknappheit und globale Gerechtigkeit mit im Auge behalten. Und jeder soll mitmachen können – auch wenn er zwei Autos hat und zwei Mal im Jahr in den Urlaub fliegt.
WDR.de: Sie haben mit Ihrer Gruppe in Bielefeld einen Garten angelegt. Gärtnern und Nahrungsmittel anbauen sind Teil des so genannten "großen Wiedererlernens". Warum ist Ihnen das so wichtig?
Wessling: Da sind zwei Aspekte wichtig. Einerseits geht es darum, das Wissen der Älteren wertzuschätzen. Das Wissen, wie man Dinge reparieren und pflegen kann, denn dieses Wissen geht immer mehr verloren. Im Sinne der Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit, ist es sinnvoll, Dinge zu lernen, vom Einmachen über das Reparieren bis hin zum Nähen. Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass das auch zur Lebensqualität beiträgt. Hin zur Hand, selbst etwas tun können. Viele Menschen – und da schließe ich mich ein – können heutzutage vor allem auf einer Tastatur herumtackern. Da ist es ein wunderbares Gefühl, handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen, das vermittelt ein Gefühl von Autonomie und Selbstverantwortung. Außerdem ist es eine wunderbare Brücke zwischen den Generationen.
WDR.de: Viele Themen, die bei "Transition" angesprochen werden wie die Stärkung des Regionalen, Selbstversorgung, Kooperativen, Unabhängigkeit vom Öl, Tauschwirtschaft – sind ja nicht neu. Warum braucht die Welt auch noch die "Transition-Bewegung"?
Wessling: Wir brauchen überhaupt nichts, und wir wollen auch nicht im Sinne eines Missionars erfolgreich sein. Transition ist Ausdruck und Teil eines Zeitgeists, zu dem beispielsweise auch Occupy und Stuttgart 21 gehören.
WDR.de: Was hat die "Transition-Bewegung" in Deutschland bisher erreicht?

-
Bild 3 vergrößern
+
Initiative in Bielefeld: Mit Hirn, Herz und Hand
Wessling: In Deutschland haben sich inzwischen rund 80 Initiativen gegründet, die sich in unterschiedlichen Stadien befinden, und jede Initiative kann eigene Schwerpunkte setzen. Toll ist auch, dass häufig die Transition-Leute mit anderen Initiativen aus einer ähnlichen Richtung zusammenarbeiten. Ein Beispiel sind Kooperationen mit der Stadtgarten-Bewegung, also gemeinsames Gärtnern. Auch mit Initiativen für eine Regionalwährung gibt es Berührungspunkte. "Transition" ist kein Regenschirm, der alles umspannt. Sondern eher eine Radnabe, durch die sich die Dinge besser verbinden.
Die Fragen stellte Annika Franck.
Stand: 07.10.2012, 02.00 Uhr
Kommentare zum Thema (1)
letzter Kommentar: 08.10.2012, 07:19 Uhr
- pepone schrieb am 08.10.2012, 07:19 Uhr:
- Hört sich ja ganz nett an. Solange daraus nicht wieder eine neue Ersatzreligion entsteht soll jeder machen was er für richtig und wichtig hält.
Seite teilen
Über Soziale Medien