Kampagne für gerechte Mode: Mode, Märkte und Moral
Am Samstag (04.02.2012) öffnet die Modemesse CPD in Düsseldorf ihre Tore. Die Branche zeigt sich dort von ihrer besten Seite. Auf die Schattenseiten des Mode-Business will die Kölner Kampagne "Fair-Schnitt" aufmerksam machen.
Das Projekt "Fair Schnitt – studieren für eine sozialgerechte Modeindustrie" ist von dem Kölner Verein "Femnet" initiiert worden. "Femnet" ist eine Trägerorganisation der "Kampagne für Saubere Kleidung" (CCC) – einem Netzwerk, in dem sich bundesweit 20 Organisationen, Vereine und Verbände zusammen getan haben. Das Ziel der CCC ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungs- und Sportartikelindustrie. WDR.de spricht mit Steffi Holz, der Projektreferentin der Kampagne "Fair-Schnitt" bei "Femnet".
WDR.de: An diesem Wochenende ist Düsseldorf Modemetropole. Viele Designer-Stücke werden auf der CPD zur Schau getragen. Kann man davon ausgehen, dass diese teilweise sündhaft teuren Kleidungsstücke unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt wurden?

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Steffi Holz von "Fair-Schnitt"
Steffi Holz: Nein, leider nicht. Die Textilfabriken sind natürlich an möglichst vielen unterschiedlichen Auftraggebern interessiert. Deshalb kann es sein, dass sie sowohl für Discounter als auch für Highclass-Labels nähen, und die Arbeitsbedingungen für die Näherinnen sind die gleichen. Die allermeisten haben keinen existenzsichernden Lohn und keinen anständigen Arbeitsvertrag.
WDR.de: Sie sind Projektreferentin der Kampagne "Fair-Schnitt" und informieren an Universitäten in Nordrhein-Westfalen, in denen Modedesign und Bekleidungstechnik gelehrt wird, über die Zustände in den Textilfabriken. Was versprechen Sie sich davon?
Holz: Hauptanliegen ist, genau an die Studierenden heranzutreten, die die Modemacher von morgen sind - sie werden an Entscheidungspositionen in den Mode-Unternehmen sitzen. Wir wollen die Hochschüler für Themen wie Umwelt- und Sozialstandards sensibilisieren, und langfristiges Ziel von "Fair-Schnitt" ist es, die Lehrinhalte an den Universitäten dahingehend zu verändern, dass das Thema Nachhaltigkeit fester Ausbildungsinhalt wird.
WDR.de: Das ist also bisher noch nicht der Fall?
Holz: Nein, in Berlin gibt es eine private Hochschule, die einen Master im Bereich Nachhaltigkeit anbietet. Das ist das einzige Beispiel, das ganz klar auf dieses Thema ausgerichtet ist. Ansonsten hängt es ganz viel von der Initiative von den Lehrenden ab, ob solche Themen in den Lehrplan kommen. Viele Studenten sagen uns, dass sie innerhalb ihres Studiums dieses Themen vermissen.
WDR.de: Sie machen nicht nur selbst Vorträge, sondern laden auch Arbeiterinnen ein, an die Hochschulen zu kommen. Wie verlaufen diese Begegnungen?

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Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Kambodscha
Holz: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Studierenden lange über diese Besuche nachdenken. Wir hatten zum Beispiel vor Kurzem eine Vertreterin einer Kooperative aus Nicaragua zu Gast. Sie hat von einer Kollegin erzählt, die ihr Kind verloren hat, weil sie während ihrer Arbeitszeit nicht zum Arzt gehen durfte. Das Soll ist in vielen Textilfabriken so hoch angesetzt, dass die Näherinnen gezwungen sind, Überstunden zu machen. 14-Stunden-Tage sind völlig normal, meist auch an sieben Tagen in der Woche, und zu Auftragsspitzen auch die Nächte hindurch. Darüber hinaus sind nicht nur die hygienischen Bedingungen und Sicherheitsstandards katastrophal, sondern auch physische und psychische Gewalt ist an der Tagesordnung.
WDR.de: Über vieles ist ja auch schon in den Medien berichtet worden. Wie ist Ihr Eindruck - sind die Studenten schon ein wenig informiert über das Thema?
Holz: Das denkt man immer, aber viele sind doch noch sehr unbedarft. Es gibt immer einige, die aus allen Wolken fallen, wenn sie hören, unter welchen Arbeitsbedingungen die Näherinnen arbeiten müssen.
WDR.de: Hat denn die Branche nach den vielen Negativberichten versucht, ihr Image aufzubessern?
Holz: Es hat sich natürlich herumgesprochen, dass immer mehr Verbraucher wissen wollen, wie ihre Kleidung produziert wird, und jedes Unternehmen hat inzwischen einen Verhaltenskodex, der vieles verspricht. Aber Papier ist geduldig. In den allermeisten Fällen wird nicht entlang der Lieferkette garantiert, dass es faire Arbeitsbedingungen, existenzsichernde Löhne und gewerkschaftliche Freiheiten gibt. Und wenn beispielsweise Discounter ihre Zulieferer verpflichten, der BSCI beizutreten, das ist eine Unternehmensinitiative, die Betriebsprüfungen - sogenannte Audits - durchführt, verbessern sich die Unternehmensbedingungen dadurch nicht. Solche Audits werden meist angekündigt, an solchen Tagen ist dann alles tadellos, und die Arbeiter werden darüber hinaus gebrieft, das "Richtige" zu sagen. Das sind dann natürlich keine unabhängige Prüfungen.
WDR.de: Gibt es auch Positivbeispiele?
Holz: Im Herbst letzten Jahres gab es eine Studie über die Outdoor-Branche, die ja mit einem ganz besonderen Image wirbt und hochpreisige Sachen verkauft. Die werden aber auch unter miserablen Bedingungen hergestellt. Solche Studien sowie die Kampagnen, die daraus entstehen, werden von den Unternehmen sehr genau wahrgenommen. Die haben keinerlei Interesse daran, dass ihr Image beschädigt wird. Deshalb sind beispielsweise einige Firmen aus der Outdoor-Branche nach der Veröffentlichung der Studie der Fairwear Foundation beigetreten. Diese Initiative aus Holland prüft unabhängig und sehr vielschichtig und begleitet darüber hinaus die Firmen bei der Einführung besserer Sozialstandards - entlang der gesamten Lieferkette. Das ist ein sehr langer Prozess, der Beitritt selbst ist erst einmal nur eine Absichtserklärung. Unter anderem werden auch sogenannte Audits auf der Managementebene durchgeführt. Denn es geht auch darum, zu schauen, wie viel Lieferzeit eingeräumt wird, wie oft es neue Kollektionen gibt. Hier entscheidet sich ja schon, wie hoch der Druck dann ist, der an die Näherinnen weiter gegeben wird.
WDR.de: Was kann man denn als Verbraucher tun?
Holz: Leider wird es in nächster Zeit noch so bleiben, dass wir uns alle mühsam selbst informieren müssen. Ein aussagekräftiges Siegel gibt es ja nicht. Und deshalb kann es helfen, in den Läden mal nachzufragen, wo das Kleidungsstück her kommt. Die meisten Verkäuferinnen werden erst mal keine Antwort drauf haben, aber wenn das massenhaft geschieht, dann bewegt sich möglicherweise etwas. Einige Städte haben auch schon alternative Einkaufsführer heraus gebracht. Da sind alle Läden verzeichnet, die sozial faire Kleidung anbieten oder junge Labels, die nachhaltig produzieren.
WDR.de: Billigketten boomen aber weiterhin, aber offensichtlich reicht Aufklärung nicht.
Holz: Es wird immer Leute geben, die in Billigläden einkaufen. Aber bei vielen anderen wächst das Bewusstsein. Die sagen sich dann, ich gebe lieber einen Euro mehr aus, weiß aber dann, wie das Kleidungsstück produziert ist - und habe dann auch mehr Spaß daran.
Das Gespräch führte Nina Giaramita.
Stand: 04.02.2012, 06.00 Uhr
- Die Chef-Einkäufer [Mediathek]
- Faire Mode - faire Preise? [WDR-Servicezeit vom 24.01.2012]
- Der H&M-Check [Sendung vom 23.01.2012]
- Homepage von "Fair-Schnitt" [Kampagne für eine sozial gerechte Modeindustrie]
- Kampagne für Saubere Kleidung [Deutsches Nezwerk zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie]
Kommentare zum Thema (3)
letzter Kommentar: 05.02.2012, 22:11 Uhr
- Waldfee schrieb am 05.02.2012, 22:11 Uhr:
- Wenn Alle möglichst Produkte kaufen würden, die in ihrem Land produziert werden hätten wir solche Probleme gar nicht. Ich mache mir fast Alles selbst, oder llasse es von Handwerkern machen. Das geht! Bin Normalverdiener! Weniger ist mehr und besser!
- Bulli1 schrieb am 05.02.2012, 12:05 Uhr:
- Der Wirtschaft ist es doch egal! Hauptsache man ist billig im Lohn und schlecht bei den Arbeitsbedingungen und nachlässig bei der Umwelt! Dann klappt das auch bei Despoten, Diktatoren! Immer schon hat auch die deutsche Industrie genutzt, was zu nutzen war. Die Apartheit in Südafrika, nun die Chinesen, die Nordkoreaner, Inder usw. Bis die dann drauf kommen und selbst was ändern wollen! Dann wandert man weiter. Billig aufkaufen und Mindpreise ansetzen beim Verkauf. Das ist bei wenigen Textilhändlern etwas anders; die bieten auch billig an. Aber bei Autos, die zu großen Teilen Billigfertigung nutzen und die Teile einbauen, oder bei den Markenlabels, die genau dort fertigen lassen, wo auch die Billigwaren herkommen. Der Verbraucher hat es in der Hand! Eine Frage reicht! Wo kommt der Mist her, den sie hier für viel Geld verkaufen? Keine Antwort ist natürlich die entscheidende. Lieber mal weniger und dafür im Land erstellt. Trigema läßt grüßen!
- Anonym schrieb am 04.02.2012, 13:04 Uhr:
- Billigketten boomen und zwar nicht ohne Grund, wie im Interview erkennbar, produzieren sogenannte Luxuslabels ja in genau den gleichen Fabriken wie die "Billiganbieter", nur ziehen erstere einen mit den Preisen über den Tisch.
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