Tausendfüßler vor dem Abriss Letzter Gang über Düsseldorfs Hochstraße

Von Martin Teigeler

Jahrzehntelang hat der "Tausendfüßler" das Düsseldorfer Stadtbild geprägt. Nun wird die Hochstraße nach langem Streit abgerissen. Fans des Denkmals können sich noch ein Souvenir aus dem Bauwerk herausbrechen.


Von einem "international bedeutenden Technikdenkmal" sprechen die Anhänger des Bauwerks. Für die Stadt Düsseldorf ist es dagegen nur eine "in die Jahre gekommene Hochstraße". Der sogenannte Tausendfüßler sorgt seit Jahren für Streit. Nach heftigen Auseinandersetzungen wird die Brücke ab Montag (25.02.2013) abgerissen. Einen Tag zuvor ist die Autobrücke in der Düsseldorfer Innenstadt zwischen 13.00 und 16.30 Uhr für Fußgänger zum Sonntags- und Abschiedsspaziergang geöffnet.

Minister musste entscheiden


Seit 1961 steht die Brücke im Zentrum der Landeshauptstadt. Sie sollte den zunehmenden Autoverkehr unweit der Königsallee von Fußgängern und Straßenbahnen abheben. Schnell bürgerte sich der Spitzname Tausendfüßler für die lindwurmartig verlaufende Autobrücke auf Pfeilern ein. Seit 1993 stand das Bauwerk unter Denkmalschutz. Die Hochstraße galt Experten als Reaktion auf die Massenmotorisierung der 60er-Jahren. Das Bauwerk zeichne sich durch "Leichtigkeit und schlanke Eleganz" aus.

Da Düsseldorf seine Innenstadt neu gestalten will, kamen vor sechs Jahren erste Planungen auf, die 670 Meter lange Hochtrasse abzureißen. Eine Bürgerinitiative mit dem rheinisch-kämpferischen Namen "Lott stonn!" formierte sich dagegen. Es kam zu einem erbitterten Streit der Gutachter. Weil die Stadt das 50 Jahre alte Denkmal weg haben wollte, das Amt für rheinische Denkmalpflege aber für den Erhalt war, musste am Ende der damalige NRW-Bauminister Harry Voigtsberger (SPD) entscheiden. Er folgte im Juni 2012 per Ministerbeschluss dem Antrag der Kommune. "Nach Abwägung aller Aspekte" bestünden "aus denkmalrechtlicher Sicht keine Einwände gegen einen Abbruch", sagte Voigtsberger. Auf WDR.de-Anfrage gibt es von Voigtsbergers Amtsnachfolger Michael Groschek (SPD) keinen Kommentar zur damaligen Entscheidung.

OB lässt Stadtmitte umbauen


Düsseldorfs Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU) sieht das Ende der Straße positiv: "Mit dem Abriss des Tausendfüßlers eröffnen wir für unsere Innenstadt eine vollkommen neue Perspektive." Mehrere Großprojekte sollen das Düsseldorfer Zentrum schöner machen. Der sogenannte Kö-Bogen ist ein solches Renommierprojekt. Star-Architekt Daniel Libeskind baut einen 300 Millionen Euro teuren Komplex aus Geschäftshäusern zwischen Königsallee und Hofgarten. Hinzu kommt eine neue U-Bahn quer durch die City. Elbers verspricht eine "erhebliche Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität". Eine Straße auf Stelzen aus den 60er-Jahren passt da nicht mehr rein.

Der Tausendfüßler hatte viele Freunde in der Landeshauptstadt. Reinhard Lutum von der Bürgerinitiative "Lott stonn!" kritisiert, es würden mit der Neuplanung keine neuen Fußgängerräume geschaffen, denn die seien ja unterhalb des Tausendfüßlers bereits vorhanden. Bitter fügt er hinzu: "Der Tausendfüßler wird zersägt und geschreddert." Das Bauwerk werde "zu Betonmehl verarbeitet und verschwindet in den Staub der Geschichte". Lutum und seine Mitstreiter von "Lott stonn!" wollen den letzten Gang über den Tausendfüßler am Sonntag mitmachen.

Schandfleck oder Anlass zur Nostalgie?


Hässlich oder schön? Selbst kurz vor dem Abriss streiten Gegner und Befürworter des Füßlers bei Twitter. "Endlich sind die Tage des Schandflecks im Stadtbild gezählt", schreibt ein User. In einem anderen Tweet schreibt ein Autofahrer, er wolle noch schnell über die Hochstraße fahren, "weil ich's nicht mehr lange kann". Bei der letzten Begehung am Sonntag können sich hartnäckige Nostalgiker laut der Stadt Düsseldorf mit einem "mitgebrachten Werkzeug auch ein Stück Beton der Hochstraße sichern".

Der Autoverkehr, der derzeit ampelfrei über den Tausendfüßler fließt, soll in Düsseldorf künftig in einem 132 Millionen Euro teuren Tunnel verschwinden. In der Abriss- und Umbauphase stehen jedoch zunächst mal Umleitungen und andere Verkehrsbeeinträchtigungen an.


Stand: 24.02.2013, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (5)

letzter Kommentar: 25.02.2013, 14:00 Uhr

astrowolf007@aim.com schrieb am 25.02.2013, 14:00 Uhr:
>>>>HANNOVER GRÜSST DÜSSELDORF <<< DAS GLEICHE IST UNS AUCH PASSIERT<< MEHR STAU MEHR ÄRGER MEHR KOSTEN<< IMMER AUF DEN BLÖDEN DEUTSCHN AUTOFAHRER<< ES GIBT NUR DIESE LÖSUNG << DAS BÜRGER- KOMITEE << WIR WOLLEN..... einafch nur gefragt werden << mach mit << (Anm. d. Red.: link gelöscht)
Herrmann Hasse schrieb am 24.02.2013, 21:20 Uhr:
Der BRD-Denkmalschutz schuetzt Baudenkmaeler vor Abriss und/oder Verschandelung so gut, wie uns "unser Grundgesetz" vor den kriminellen Machenschaften "unserer" Politiker schuetzt. Die Deutschlandhalle, der Kerker von Rudolf Hess in Spandau, das verschandelte Olympiastadion und das Militaermuseum in Dresden sind dabei nur die prominentesten Beispiele. Waeren diese demokratischen Schlitzohren wenigstens "ehrlich", wuerden sie den Polizeistaat offen proklamieren und auf diesen ganzen "sweet talk" von Freiheit und Selbstbestimmung verzichten.
CDU-Tyrannei schrieb am 24.02.2013, 14:42 Uhr:
Jetzt wird den Bürgern angepriesen, was keine Mehrheit in der Bevölkerung fand. Die CDU regiert in Düsseldorf nach Gutsherrenart und immer wieder gerne gegen den Bürgerwillen, und selbstverständlich auch gegen den Denkmalschutz. Jahrelange teure Buddelei für fast nichts, das Schließen eines wichtigen Knotenpunktes (Jan-Wellem-Platz) und Verschandeln des Hofgartens dazu kommen die ständigen Umleitungen und Umlegungen von Bus- und Bahnverkehr. Und ganz wichtig, nachher wird nichts besser, weil noch nicht mal klar ist, wie die Linien später fahren werden. Aber Hauptsache der Tausendfüßler ist weg und man hat einen häßlichen Tunnel gebaut, der im Unterhalt sauteuer kommt. Bei so einigen CDU-Baudenkmälern in Düsseldorf hilft nur noch Dynamit und Neubau zur Verschönerung. Hauptsache Reichengetto-Autostadt, was scheren mich die Bürger, das ist CDU-Düsseldorf pur. Erwins Absolutismus wird genauso von Elbers weitergeführt. Pfui teufel.
WDR.de schrieb am 24.02.2013, 14:23 Uhr:
@Karl - Kommentar wurde entfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Argumenten zum Thema des Artikels bei.
Fan von Stuttgart21 schrieb am 24.02.2013, 12:10 Uhr:
Ich bin für die Untertunnelung des gesamten Straßenverkehrs. Denn der Autoverkehr mit den unzähligen Straßen verschandelt ganze Landstriche. Alles Häßliche muss unter die Erde verlagert werden. Das kostet zwar viel Geld, schafft aber Arbeitsplätze. Lieber Geld für Arbeitsplätze ausgeben als für's Nichtstun. Ich bin aber eher für den öffentlichen Nahverkehr mit U-Bahn als für die Erweiterung des Individualverkehrs per PKW. Der oberirdische Verkehr sollte den Fußgängern und Fahrradfahrern überlassen bleiben. Der Flugverkehr sollte auf Strecken nach Übersee (Nord- und Südamerika, Australien) beschränkt bleiben. Afrika könnte durch Tunnel bei Gibraltar und am Suezkanal erreicht werden. Nach Peking kann man auch mit der Bahn (Transsibirische Eisenbahn) fahren.