Bevölkerungsentwicklung in NRW Landflucht und Luxus-Ghettos

Von Marc Steinhäuser und Jonas Wixforth

Junge Menschen zieht es in die Städte - dort gibt es mehr Ausbildungsplätze und bessere Jobchancen. Der Trend von heute verschärft die Probleme von morgen: Viele Regionen in NRW fallen immer weiter zurück.

Höxter wird im Jahr 2030 ein Ort von besonderer Bedeutung sein. Denn in keinem anderen Kreis in Nordrhein-Westfalen nimmt die Zahl der jungen Menschen so dramatisch ab wie im äußersten Osten des Bundeslandes. Um mehr als 34 Prozent soll dort die Zahl der Unter-18-Jährigen in den nächsten Jahren sinken. Das geht aus der aktuellen Prognose zur Bevölkerungsentwicklung in NRW hervor, die der Landesbetrieb Information und Technik 2012 erstellt hat. Nur eine Altersgruppe hat demnach eine Zukunft in Höxter: Die Über-65-Jährigen, deren Zahl um mehr als 30 Prozent steigen soll.


Ortausgangsschild Höxter
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In Höxter sinkt der Anteil der Jugendlichen bis 2030 am stärksten

Weniger Junge, immer mehr Alte – die ländlichen Regionen sind in ganz NRW besonders stark vom demographischen Wandel betroffen. Die Statistiker erwarten, dass sich nur vier Orte in NRW gegen den Trend stemmen: Die Großstädte Köln, Bonn, Düsseldorf und Münster werden für Jugendliche bis zum Jahr 2030 attraktiver. "Das sind die großen Uni-Städte, die gleichzeitig eine hohe Lebensqualität bieten", sagt Joachim Scheiner, Raumplaner der Technischen Universität Dortmund. Auch für Uwe Neumann vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) ist die Entwicklung dieser Städte ein "Selbstläufer".

Schlechtere Karten haben dagegen die ländlichen Regionen und das Ruhrgebiet. "Dort fehlen oftmals prosperierende Arbeitsmärkte und Lifestyle", sagt Raumplaner Scheiner. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in den ländlichen Regionen höher. In den Kreisen Düren, Heinsberg und Coesfeld sind mehr als 12 Prozent aller Jugendlichen arbeitslos – in Düsseldorf ist der Anteil gerade einmal halb so hoch.

Attraktiv sind nur noch Köln, Bonn, Münster und Düsseldorf


Blick auf den Kölner Dom, im Vordergrund die Kranhäuser im Rheinauhafen

"Gute Jobs für junge Leute gibt es vor allem in den Großstädten", erklärt Uwe Neumann vom RWI. Schon heute pendeln deshalb viele Menschen aus dem Umland in die Städte. Statistiker bezeichnen die Verrechnung von Ein- und Auspendlern als Pendlersaldo. Beispiel Köln: Die Millionenstadt schwillt schon jetzt jeden Tag um 130.000 Menschen an. Die Berufspendler kommen zum Beispiel aus dem umliegenden Rhein-Erft-Kreis oder dem Bergischen Land.

Doch die weiten Wege können sich manche in Zukunft nicht mehr leisten. "Die Kosten des Verkehrs werden immer teurer", erklärt Raumplaner Joachim Scheiner. Spritpreise, Fahrzeugkosten – einiges spricht dafür, dass im Jahr 2030 weniger lange Strecken gependelt werden. Das verschärft den Städte-Boom.

Wenig sozialer Wohnungsbau in Düsseldorf

Grenzenlos wachsen können die Großstädte in NRW aber nicht. "Gerade in Münster und in Düsseldorf gibt es nur noch begrenzte Potentiale", sagt Raumplaner Joachim Scheiner. Vor allem Geringverdiener, Studenten, Rentner und Alleinerziehende könnten von extrem steigenden Mieten betroffen sein. Die Folge: Nur noch Wohlhabende können sich die Toplage in der Innenstadt leisten. NRW-Bauminister Michael Groschek (SPD) warnt deshalb schon jetzt vor einer "Luxus-Ghettoisierung". Als Negativbeispiel verweist er auf Düsseldorf, das als einzige Stadt in Nordrhein-Westfalen die Fördermittel für sozialen Wohnungsbau nicht ausschöpft. Dabei wird es für eine funktionierende Infrastruktur zukünftig nicht zuletzt auf bezahlbaren Wohnraum ankommen. Krankenschwestern, Kindergärtnerinnen und Feuerwehrleute werden auch in attraktiven Großstädten gebraucht.

Soziale Wohnraumförderung in NRW (Jahr 2011, in Euro)
Stadt/KreisZugewiesene FördersummeAbgerufene Fördersumme
Düsseldorf15.312.44712.517.000
Köln31.680.000     66.079.000
Essen        8.220.520     14.410.000
Dortmund        10.313.100     14.714.000
Duisburg          9.053.067     10.138.000
Bielefeld          8.437.410     12.302.000
Münster          5.912.370     40.357.000
Kreis Borken          4.475.803       4.493.000
Kreis Coesfeld          3.944.070       4.802.000
Kreis Recklinghausen        10.304.252     11.612.000
Kreis Warendorf          4.278.420       4.391.000
Kreis Steinfurt        11.588.400     11.932.000
Städteregion Aachen        10.501.629     11.603.000
Quelle: Bauministerium NRW/ NRW Bank

Politik muss mehr tun


Im Wahlkampfjahr 2013 entdecken alle Parteien die Sprengkraft des Themas Wohnraummangel. Im Dezember 2012 hat der Bundestag mit den Stimmen von Union und FDP eine Gesetzesnovelle beschlossen, die Mieterhöhungen in bestimmten Gegenden deckeln soll: So dürfen die Mieten in begehrten Städten innerhalb von drei Jahren jetzt nur noch um 15 statt um 20 Prozent steigen. Der Opposition reicht das nicht. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will im Falle eines Wahlsieges bei der Bundestagswahl einen "Nationalen Aktionsplan Wohnen und Stadtentwicklung" voranbringen.

Für Experten gehen solche Pläne nicht weit genug. Gerade in NRW müsse auch das für Wohnen zuständige Ministerium mehr tun, sagt Joachim Scheiner. "Das Ministerium versteht sich in erster Linie als Verkehrsministerium." Er sieht die Städte in der Pflicht, kommunale Wohnungsgesellschaften in öffentlicher Hand zu halten. "Nach dem Verkauf solcher Gesellschaften an private Immobiliengesellschaften wird oft stark gewinnorientiert gehandelt", sagt Scheiner. Diese seien weniger interessiert an Fördermitteln, weil diese meistens mit Bedingungen verknüpft sind. Doch nur mit gefördertem Wohnraum in Städten und attraktiven Regionen dürften in NRW sowohl Landflucht als auch Luxus-Ghettos zu verhindern sein.

Laut Bauminister Groschek (SPD) ist am Donnerstag (21.02.2013) das Programm für Wohnraumförderung mit verbesserten Förderkonditionen gestartet worden. 2013 stehen demnach 800 Millionen Euro zur Verfügung, teilte das Bauministerium in Düsseldorf mit. Das sind allerdings 50 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Ziel sei es, mehr Investoren zum Wohnungsbau zu animieren. Dazu würden zinslose Darlehen gewährt, die den sozialen Wohnungsbau gerade in den angespannten Märkten attraktiver machen sollen, so Minister Groschek weiter.


Stand: 21.02.2013, 15.35 Uhr


Kommentare zum Thema (4)

letzter Kommentar: 21.02.2013, 20:22 Uhr

Anonym schrieb am 21.02.2013, 20:22 Uhr:
Je weniger der Großschreck tut, desto besser für NRW,´nur dass der Geld kostet..
ClausH schrieb am 21.02.2013, 18:18 Uhr:
Intelligente Gemeinden mit Visionen können die demografische Veränderung auch nutzen, statt darüber zu klagen. Viele Städte in den USA machen es sehr erfolgreich vor, wie man ein spezifisches Angebot für ältere Menschen bereitstellt. Von der Infrastruktur bis zu den Freizeitangeboten.
Groschek (SPD) ist kein Warnminister, sondern schrieb am 21.02.2013, 18:04 Uhr:
er wurde gewählt, um das Land zu gestalten. Gestalten bedeutet nicht, nur zu warnen und ansonsten den Bund verantwortlich zu machen. Warum er und die soziale SPD in der "Warnsituation" die Förderung soz. Wohnungsbaus um 50 mio kürzt, soll er mal erklären. Also Herr Groschek: Gestalten und Problemlösungen anbieten - oder abtreten!
klaus schrieb am 21.02.2013, 16:59 Uhr:
Anstatt an Heuschrecken zu verkaufen muss das Land wieder eigenen sozialen Wohnbau betreiben. Eine verstaatlichung der Bahn würde auch helfen denn ein bezahlbarer ÖPNV würde die kleineren Städte attraktiver machen. Es wäre sinnvoll wenn einige Unternehmen und Millionäre überhaupt Steuern zahlen würden anstatt steueroptimiert Gewinne im Ausland anfallen zu lassen. Dafür bräuchte es unabhängige Politiker... Wäre nämlich mehr Geld vorhanden bräuchte man Schwimmbäder und Büchereien in kleineren Städten nicht zu schließen und könnte auch mal die Klos in den Schulen mit Städten von 20 bis 100000 Einwohnern sanieren.