Orden wider den tierischen Ernst "Alaaf, de Öcher Cem"

Von David Ohrndorf

Grün, schwäbisch, scharfsinnig: Cem Özdemir hat Samstagabend (26.01.2013) in Aachen den Orden wider den tierischen Ernst verliehen bekommen und wurde als "Öcher Cem" gefeiert. Der Bundesvorsitzende der Grünen ist der erste Preisträger mit türkischen Wurzeln und der erste Muslim.


Cem Özdemir kennt das Gefühl, eine Sonderrolle zu haben. Er war der erste türkischstämmige Bundestagsabgeordnete, ist jetzt der erste Träger des Ordens wider den tierischen Ernst mit grünem Parteibuch und war auf dem Weg dorthin vermutlich auch der erste Politiker, der mit der Aachener Karnevalscombo "4 Amigos" auf der Bühne stand. Noch bevor Özdemir den Orden überreicht bekommen hatte, nahmen die Musiker den Grünen Bundesvorsitzenden in ihre Mitte und stimmten "Alaaf, de Öcher Cem" an. "Öcher" nennen sich die Aachener, wenn sie Platt sprechen.

Ritter Özdemir


Özdemir verstehe es mit Charme und Witz harte Fakten mit Humor zu "verkuppeln", scharfsinnig zu verpacken und Angriffe auf den Gegner pointiert und feinsinnig zu formulieren", sagte der Präsident des Aachener Karnevalsvereins, Werner Pfeil. Cem Özdemir hielt seine Antrittsrede quasi dreisprachig: Zum größten Teil in Deutsch, teilweise mit tiefschwäbischem Akzent, garniert mit einigen türkischen Worten. "Nun steh ich hier, ich armer Tor und bin so grün wie nie zuvor." Özdemir wendete sich augenzwinkernd an "Liebe Leutinnen und Leute", die weibliche Form des Wortes sei ihm als Grünem natürlich besonders wichtig. Er machte Späße über Beschneidungen, versuchte sich an einer Grzimek-Parodie und lästerte über die durch Wolfgang Thierse angestoßene Schwaben-Debatte in Berlin.

Ottfried Fischer trotz Krankheit im Saal

Emotionaler Höhepunkt des Abends war der kurze Auftritt von Ottfried Fischer. Eigentlich hätte er als letztjähriger Ordensritter die Laudatio auf Ritter Cem halten sollen. Wegen seiner Parkinson-Erkrankung beschränkte er sich aber nur auf wenige Worte, die ihm sichtlich schwerfielen. Die Laudatio hielt der aus der Region Aachen stammende EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD). Er lobte den "anatolischen Schwaben" für seine Verdienste zur Integration: "Mit der Selbstverständlichkeit, mit der der Mann ein Deutscher ist, hat er mehr für unser Land getan als viele Integrationsdebatten zusammen."

Karneval ohne Verkleidung


Für das Bühnenprogramm der rund dreistündigen Festsitzung hatte der Aachener Karnevalsverein (AKV) eine bunte Mischung aus lokalen Karnevalsgrößen und bundesweit bekannten Gesichtern zusammengewürfelt. Mit dabei waren beispielsweise Tagesschausprecher Jens Riewa und Comedian Markus Maria Profitlich. Nicht immer merkte man der Stimmung im Saal an, dass es sich hier um eine Karnevalsveranstaltung handelte. Für die meisten Besucher war auch eine bunte Feder im Haar oder ein umgehängter Karnevalsorden schon das höchste der Verkleidungsideen, wirklich verkleidet war kaum jemand.

Augenzwinkernde Beschreibungen

Traditionell treten während der Preisverleihung mehr oder minder prominente Redner auf die Bühne und versuchen sich - oft zum ersten Mal - an Karnevalsreden. Das klappt mal mehr und mal weniger gut. In diesem Jahr waren besonders viele Politiker in Aachen zu Gast. Wolfgang Kubicki (FDP) versuchte sich am Samstag zum ersten Mal als Büttenredner. Besonders oft geübt hatte er vorher vermutlich nicht, denn manche Pointe ging nach holpriger Betonung etwas unter. Aber er bewies durchaus Humor, etwa mit augenzwinkernden Beschreibungen seiner Partei-Kollegen: "Für die heißen Außenfälle, haben wir Guido Westerwelle."

Kramp-Karrenbauer kocht

Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die Ministerpräsidentin des Saarlandes, wagte sich sogar mehrmals überraschend weit vor. Als Köchin verkleidet sagte sie, den Orden wider den tierischen Ernst wolle sie lieber nicht bekommen. Ritter wie "Rüttgers" und "zu Guttenberg", "die ritten nur einen Sommer lang", da bleibe sie lieber im Saarland. Sie forderte mehr Gleichberechtigung: Die drei Ks, bei denen Frauen nicht in die Spitze kämen, seien Kirche, Küche und Karneval. Und um Peter Altmaier kulinarisch zu befriedigen, sei es nur nötig, einfach doppelt so viel wie geplant zu kochen.

Cem Özdemir ist der 63. Ritter des Ordens wider den tierischen Ernst. Und wie im Bundestag der erste mit türkischen Wurzeln und vermutlich, nach Angaben der Veranstalter, auch der erste Vegetarier, der den Orden bekommen hat. Aber mit Sonderrollen kennt Özdemir sich ja aus.


Stand: 27.01.2013, 10.37 Uhr


Kommentare zum Thema (42)

letzter Kommentar: 29.01.2013, 11.40 Uhr

Kammerjäger schrieb am 29.01.2013, 11.40 Uhr:
Beitrag gesperrt Bitte bleiben sie sachlich! Beleidigungen,Diffamierungen und vor allem die W A H R H E I T werden nicht veröffentlicht! gezeichnet, Julius Streicher.
WDR.de schrieb am 29.01.2013, 09.14 Uhr:
Beitrag gesperrt. Bitte bleiben Sie sachlich. Diffamierungen und Beleidigungen werden nicht veröffentlicht.
Marco schrieb am 28.01.2013, 22.37 Uhr:
Cem Özdemir wurde in der Fernsehfassung zensiert wie seinerzeit Norbert Blüm. Gestrichen wurde seine schöne Bemerkung (sinngemäß): Mit der Beschneidung verhält es sich wie mit der FDP, der Nutzen ist umstritten.
A. Akyol schrieb am 28.01.2013, 16.31 Uhr:
@Cigdem Erek: Naja, immerhin wird dadurch dem ein oder anderen hier in Deutschland mal die Augen geöffnet für die gesellschaftlichen Realitäten. Warum soll nicht ein Türke im Karneval mitmischen? Mein Ding wäre es - natürlich - auch nicht, aber ich sehe die Aktivitäten von Herrn Özdemir eher gelassen. Wenn er meint, dass er sich auf so etwas wie den deutschen Karneval einlassen muss - bitte schön, soll er mal ...
Cigdem Erek schrieb am 28.01.2013, 16.14 Uhr:
Als türkischstämmige Deutsche kann ich mich über Herrn Özdemir nur wundern. Wofür steht der Karneval in Deutschland? Jedenfalls zu einem nicht unerheblichen Teil für frauenfeindliches Gehabe, für übermäßigen Alkoholgenuss und spießbürgerliche Kleingeistigkeit. Was um alles in der Welt hat Cem Özdemir bei solchen Veranstaltungen zu suchen? Dem Ansehen der türkischstämmigen Bevölkerung tut er damit jedenfalls keinen Gefallen.

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