Forscher untersucht Rosenmontagszug: Der Prinz hat am wenigsten vom "Zoch"
Beim Kölner Rosenmontagszug läuft's nicht rund: Die Gruppen am Anfang des Zugs sind nach 3,5 Stunden am Ziel, die am Ende - wie der Prinz - brauchen nur 2,5 Stunden. Woran liegt's? Ein Fall für den Verkehrsforscher Michael Schreckenberg. Er fährt mit.
Mehr als 12.000 Narren werden dieses Jahr beim Kölner Rosenmontagszug (11.02.2013) mitmarschieren oder auf Festwagen mitfahren. Der größte Karnevalszug in Deutschland soll mit einer Richtgeschwindigkeit von 2,3 Stundenkilometern die 7,5 Kilometer lange Strecke bewältigen. Warum das oft nicht klappt, will Stauforscher Michael Schreckenberg herausbekommen.
- Michael Schreckenberg
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Der Duisburger Verkehrsforscher Michael Schreckenberg wurde in Düsseldorf geboren, hat in Köln studiert und dort elf Jahre gelebt. Der 56-Jährige ist Professor für "Physik von Transport und Verkehr" an der Universität Duisburg-Essen. Schreckenberg beschäftigt sich mit Staus im Straßenverkehr genauso wie mit Fußgängerströmen in Stadien. Seine Simulationen helfen zum Beispiel dabei, Schiffe so zu bauen, dass sie schnell evakuiert werden können.
WDR.de: Herr Schreckenberg, feiern Sie eigentlich gerne Karneval?
Professor Michael Schreckenberg: Während meines Studiums in Köln bin ich Weiberfastnacht im Trubel abgetaucht und Aschermittwoch wieder aufgetaucht. Das sagt wohl alles. (lacht) Inzwischen hat sich das gelegt. Aber natürlich bin ich noch unterwegs. Altweiber war ich in Düsseldorf, jetzt am Wochenende feiere ich auch und Montag ist der große Tag beim Kölner Rosenmontagszug.
WDR.de: Sie werden vorne auf dem Festwagen des Zugleiters Christoph Kuckelkorn nicht nur Kamelle werfen, sondern sozusagen das Schwarmverhalten der Narren beobachten – genauer gesagt, wie der Bewegungsfluss des Zuges ist. Eine Aufgabe, die amüsant klingt ...

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Natürlich geht Schreckenberg mit Kostüm aus dem Haus - hier Altweiber
Schreckenberg: ...ja, schon. Aber wissenschaftlich ist das einzigartig. Ich kenne weltweit keine vergleichbare Untersuchung. Interessant ist, dass im Zug das gegenteilige Phänomen auftritt wie im Straßenverkehr. Dort ärgert man sich häufig über zu viel Stau. Beim Zug in Köln gibt es zu wenig Stau. Ich habe mir die Umzüge der vergangenen fünf Jahre angeschaut: Bereits am Anfang, am Severinsplatz, reißen zwischen den Gruppen die ersten Lücken: Dort bleiben die Jecken stehen und winken, weil sie ins Bild der WDR-Fernsehkameras wollen. Die Abstände zu den vorderen Gruppen vergrößern sich.
WDR.de: Die Narren nehmen es mit der Richtgeschwindigkeit von 2,3 Kilometern pro Stunde also nicht so genau?
Schreckenberg: Die überprüft ja niemand. Die Organisatoren haben aber die Devise ausgegeben: 'Alle Lücken aus Sicherheitsgründen schließen'. Sonst könnten Zuschauer, womöglich Kinder, auf die Straße rennen, um Bonbons aufzuheben. Das könnte brenzlig werden. Deshalb beeilen sich die hinteren Gruppen, wieder Anschluss an die vorderen zu bekommen. Die Letzten müssen dann ziemlich rennen, um die Löcher zu stopfen. Es entsteht ein Ziehharmonika-Effekt. Die Bilanz ist so: Wer am Anfang losgeht, hat 3,5 Stunden Zugvergnügen, und wer am Ende startet - wie der Prinz - nur 2,5 Stunden. Insgesamt eine Stunde Unterschied! Das ist verblüffend viel.
WDR.de: Wie wollen Sie herausfinden, auf welchen Abschnitten die Zugteilnehmer trödeln und wo sie Tempo machen?
Schreckenberg: Aus den Jahren zuvor kennen wir die Start- und Zielzeiten. Außerdem einige Daten vom Alter Markt. Überrascht hat mich, dass diese Stunde bis zum Alter Markt schon aufgeholt wird. Ab da bis zum Ziel passiert nicht mehr viel. Um zu sehen, wer wann wo war, werden dieses Mal Fußgruppen, Reiter und Festwagen 20 GPS-Messgeräte dabeihaben. So werden die Bewegungen aufgezeichnet. Später sehen wir, wo die Zeit aufgeholt wurde.
WDR.de: Wann werden Sie Ihre Ergebnisse vorlegen?
Schreckenberg: Das geht schnell. Nach ein, zwei Wochen. Dann kann entschieden werden, ob und was geändert werden soll. Eigentlich kann die Lösung nur ein homogener Fluss sein. Eine Überlegung wäre, die Gruppen in Blöcken ziehen zu lassen.
WDR.de: Und was fangen Sie als Wissenschaftler mit den Erkenntnissen an?

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An machen Stellen im Zug ist es licht, an anderen sehr dicht
Schreckenberg: Es wird eine wissenschaftliche Veröffentlichung geben, um das Phänomen auch weltweit zu diskutieren. Es gibt nämlich Anzeichen dafür, dass der Ziehharmonika-Effekt nicht nur auf Köln beschränkt ist, sondern ein generelles Problem großer Umzüge ist. Als nächstes müsste man Düsseldorf und Mainz unter die Lupe nehmen. Außerdem wären der Umzug in Rio de Janeiro und die Steuben-Parade in New York interessant.
WDR.de: Nach harter Arbeit hört sich Ihr Job am Rosenmontag nicht an.
Schreckenberg: So ist es. Ich mache die Untersuchung ehrenamtlich. Das ist sozusagen eine Freude im Dienste der Wissenschaft. Bei der Anprobe der Kostüme habe ich schon die anderen Mitfahrer kennengelernt. Alice Schwarzer ist ein Highlight. Zu den Kostümen darf ich nichts sagen, nur soviel: Sie sind sehr in Weiß gehalten. Erinnern an Brasilien. Passend zum Motto.
Das Gespräch führte Lisa von Prondzinski.
- Kumm, loss mer fiere, nit lamentiere...
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Fast ein Jahr lang kann ich mir nicht vorstellen, an Karneval loszuziehen. Spätestens Altweiber ist das aber vergessen. Dann bin ich dabei und singe mit: "Kumm, loss mer fiere, nit lamentiere, jet Spass un Freud, dat hät noch keinem Minsch jeschad ..." (Komm lass uns feiern, nicht lamentieren, etwas Spaß und Freude hat noch keinem Menschen geschadet). Die Höhner haben recht.
Stand: 08.02.2013, 06.00 Uhr
Kommentare zum Thema (5)
letzter Kommentar: 09.02.2013, 12:49 Uhr
- Imagekampagne auf Tunnelniveau? schrieb am 09.02.2013, 12:49 Uhr:
- "Kumm, loss mer fiere, nit lamentiere..." - gern, aber nicht mit einem solchen Loveparade-"Gutachter"... da helfen hier und auch in den heutigen Tageszeitungen auch keine symphatischwirkenwollende Portraitfotos... kann gar nicht soviel essen wie ich bei solchen Bildern k***** möchte...
- WDR.de schrieb am 09.02.2013, 11:41 Uhr:
- Beitrag gesperrt. Bitte bleiben Sie beim Thema.
- Duisburg 2010 schrieb am 08.02.2013, 16:27 Uhr:
- ...Loveparade...Gutachten...Imagepolitur?...honi soit qui mal y pense...
- Philipp Namodir schrieb am 08.02.2013, 15:31 Uhr:
- Ich wor mol Karnevalsprinz. Schrecki hat Recht.
- Gero schrieb am 08.02.2013, 12:35 Uhr:
- Was es alles gibt. Aber ich kenne ein ähnliches Phänomen vom Motorradfahren. Fährt man da in der Gruppe, fährt zwar ganz vorne ein erfahrener Motorradfahrer, der den Weg kennt und auch die hinter ihm fahrenden Personen im Blick hält, aber gleich dahinter kommen die ganzen Frischlinge, Wenigfahrer und Leute mit schwach motorisierten Maschinen. Den Abschluß macht dann wieder ein alter Hirsch als "Kehrwagen", der aufpasst, das niemand zurückfällt und dadurch den unerfahreneren Kollegen nicht das Gefühl gibt, sich jetzt wahnsinnig beeilen zu müssen, um den Anschluß nicht zu verlieren. Aber jetzt kommts: Während der Erste mit gemächlicher Geschwindigkeit das Tempo vorgibt und gemütlich durch die Lande rollt, muß der am Schluß Fahrende leistungsmäßig oft das Letzte aus seiner Maschine herausquetschen, um überhaupt dranzubleiben. Trotz gleichen Tempos der ganzen Truppe. Das wird durch die nach hinten zunehmende Anzahl von nötigen Überholvorgängen und Aufschlüssen an den Vordermann bedingt.
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