Ethnische Verkleidung im Karneval Winnetou und "Negerköpp" tabu?

Von Sandra Prüfer

Sind eigentlich ethnische Karnevalskostüme heute noch zeitgemäβ? Sind sie "politically correct"?  WDR.de hat Meinungen von Jecken mit und ohne Migrationshintergrund eingeholt.


Einen Nachfragerückgang an internationalen Kostümen hat Stephanie Malzkorn in ihrem Karnevalsgeschäft nicht vermerkt. "Die Western-Klassiker gehen wie immer und auch die Afro-Perücken laufen gut", sagt die Verkaufsleiterin einer Filiale in Bonn-Beuel, wo dieser Tage Hochbetrieb herrscht.

Und wenn ein Kunde in eine andere Hautfarbe oder Nationalität schlüpfen wolle, dann sei das doch nicht beleidigend oder rassistisch gemeint, so Malzkorn. "Man kann es auch übertreiben. Leute, die bei uns Afro-Perücken kaufen, wollen sich als Jimi Hendrix verkleiden, nicht als kleines Negerlein."

"Negerlein" und "Chinesenmädchen" aus dem Kinderbuch


Aber die Diskussion steht im Raum: Anfang Januar hatte der Thienemann-Verlag angekündigt, die Klassiker des Kinderbuch-Autoren Ottfried Preußler ("Der Räuber Hotzenplotz", "Die kleine Hexe", "Das kleine Gespenst") in einer Neuauflage sprachlich zu modernisieren - darunter eine Faschingsszene aus der "Kleinen Hexe" mit kostümierten Kindern. Von einem "Negerlein", einem "Chinesenmädchen", "Türken" und "Eskimos"  ist da unter anderem die Rede. Der Autor habe zugestimmt, die Sprache und Kostüme dem gesellschaftlichen und politischen Wandel anzupassen. Durch welche sie nun ersetzt werden sollen, ist offen. "Das ist alles noch im Prozess. Uns liegt eine Vorschlagsliste von der Familie Preuβler vor", sagt die Verlagssprecherin Svea Unbehaun.


Angeregt wurde die Textänderung von Mekonnen Meshena, Referent für "Migration und Diversity" bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, der sich an den Verlag gewandt hatte. "Mir ging es nicht allein um das N-Wort, sondern auch um Ausdrücke wie Zigeuner oder Eskimo. Wenn die Sinti und Roma oder Inuit so nicht genannt werden wollen, dann müssen wir darüber doch nicht diskutieren", erklärt der 47-jährige Deutsch-Eritreer aus Berlin. "Solche Kostüme transportieren Vorurteile und koloniale Vorstellungen. Schwarze werden auf ein Klischee reduziert, naiv und unzivilisiert. Es geht nicht um ein Land, sondern um eine Hautfarbe. Afrika ist ein Kontinent mit einer Vielzahl von Ethnien und 52 Ländern."

Darstellung exotischer Völker hat Tradition im Karneval

Darstellungen von exotischen Völkern, wie Indianer, Hunnen oder Wikinger, haben eine lange Tradition im rheinischen Karneval. Wie man sich verkleidet, habe immer etwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, sagt der Soziologe und leidenschaftliche Karnevalist Heiko Kosow. Der Karneval biete eine auβergewöhnliche Gelegenheit, aus den Rollen, in denen man sich mehr oder weniger wohlfühlt, herauszuschlüpfen und eine andere Identität anzunehmen. Wie zum Beispiel "der Bankdirektor, der sich als Bankräuber verkleidet, oder eine zum frivolen Vamp mutierte schüchterne Frau", erklärt der ehemalige Karnevalprinz aus Arnsberg. 

"Wenn man sich maskiert oder andersfarbig schminkt, dann ist man auch schwerer zu erkennen, was ein weiterer Kick ist", erläutert Kosow. Die andere Perspektive sei die derjenigen, die sich in der Verkleidung gespiegelt sehen und denken: "Was ihr da treibt, berührt mich oder verletzt mich sogar." "Darüber müssen die Gruppen dann miteinander sprechen", so Kosow.

Vereine sollen sich umbenennen

Um diesen Dialog anzuregen, hat der Verband binationaler Familien und Partnerschaften letztes Jahr eine Kampagne mit dem Namen "Losst uns fiere – nit diskriminiere" gestartet. Die Kritik richtet sich vor allem an Karnevalsgruppen, die sich als "primitive" Schwarze bemalen, Baströckchen anziehen und Knochen ins Haar stecken - weil, so der Verband, dies "Bilder der Kolonialzeit" heraufbeschwöre. Dass einige dieser sogenannten Stämme immer noch das N-Wort im Namen führen, sei für afro-deutsche Familien eine Zumutung, so Michaela Schmitt-Reiners, Leiterin der Landesgeschäftsstelle NRW in Bonn. "Das Wort Neger ist heute abwertend und diskriminierend. Deshalb müssen sich die Vereine umbenennen."

Ein Drittel der Kinder in NRW hat heute einen Elternteil, der zugewandert ist. Interkulturelles Leben ist damit längst Alltag. Es sei ein Fortschritt, dass man nun über die Thematik redet. Das zeige auch die aktuelle Kinderbuchdebatte. Sie sei eingeschlagen, weil sie einen Nerv trifft. "Ich persönlich würde auf keinen Fall mehr meine Haut schwarz anmalen. Doch ich selbst habe mich einmal als Afrikanerin verkleidet, als ich Anfang 20 war", erklärt die 50-jährige Kölnerin. "Der Karneval bietet fantastische Möglichkeiten, Konventionen zu brechen und mit Klischees kreativ, selbstironisch und humorvoll zu spielen. Das kann befreiend sein."

Entspannen und aufeinander zugehen


Für Katja Solange Wiesner ist Karneval ohnehin das Gegenteil von Political Correctness. Sie ist Schauspielerin und Präsidentin der Immisitzung, einer Kabarett-Karnevalshow, die mit scharfem Humor das Multi-Kulti-Leben und närrische Treiben aus Sicht der Einwanderer auf die Schippe nimmt. Die Mehrheit des Ensembles hat einen Migrationshintergrund. "Wenn jemand Afrikaner als primitiv betrachtet, geht das Problem nicht weg, indem man das Kostüm verbietet", sagt die gebürtige Kölnerin, deren Vater aus Kamerun stammt. "Es kommt darauf an, wie der einzelne einem begegnet. Ich möchte nicht paranoid werden und überall nur noch Rassismus sehen." Man müsse sich entspannen und aufeinander zugehen. Im Karneval gehe es darum, Spaβ zu haben miteinander. Wiesner sagt, sie wisse nicht, wie man einen authentischen Afrikaner darstellen kann. "Ich wüsste auch nicht, wie man einen authentischen Deutschen darstellt. Als Bayern in Lederhosen oder Adolf Hitler?"

Wiesner ist, wie sie sagt, in einer weiβen Familie aufgewachsen und rheinisch sozialisiert. Als Kind war sie als Indianerhäuptling oder Zigeuerin verkleidet und habe fürchterliche Angst vor den Kannibalen im Karnevalsumzug gehabt. "Das waren tatsächlich die ersten schwarzen Menschen, die ich auf der Straβe gesehen habe." Und heute tanzt sie mit Afro-Perücke im Leoparden-Dress auf der Bühne und singt: "Simmer hee in Afrika?"


Stand: 06.02.2013, 10.30 Uhr


Kommentare zum Thema (71)

letzter Kommentar: 09.02.2013, 19.38 Uhr

Vokabel-Vermeidung schrieb am 09.02.2013, 19.38 Uhr:
nützt nur temporär, siehe Weib > Frau > Dame. Mit dem Gebrauch lässt sich jedes neue Etikett ins Negative wenden. Hoffe, dass das eines Tages auch diese faschistoiden "pissi"-Missionare aus USA und ihre europäischen Nachäffer kapieren. Es kommt viel mehr auf die Absicht/Hintergedanken an!
Ratlos in Ratingen schrieb am 08.02.2013, 22.32 Uhr:
Ob man sich als Mensch heller Hautfarbe ohne Menstruationshintergrund wohl noch als Menstruationshintergruendiger Mensch (ebenfalls heller Hautfarbe, was anderes wagt "Mensch_In" ja gar nicht mehr zu denken) verkleiden darf, OHNE den Nachweis einer homo/bi-Veranlagung nachweisen zu koennen? Mein Nachbar (Mann/weiss) hat gestern als Holland-Maedchen in Rock und Holzpantoffeln das Haus verlassen, dabei kommt er aus der ehemaligen DDR UND ist mit einer Menstruationshintergruendlerin verheiratet ("Ehe zwischen Mann und Frau", wie man in unserer dunklen Vergangenheit sagte). Sollte ich vielleicht besser die Polizei rufen?
Stürmer schrieb am 08.02.2013, 22.28 Uhr:
Erst gestern hat Jörg-Uwe Hahn erklärt dass das Wahlvolk einfach zu blöde ist richtig zu wählen. Auch wenn die FDP nur von einem Bruchteil der Bevölkerung legitimiert wurde sie zu vertreten, darüber sollte man sich wirklich Gedanken machen. Auf eine Regierung die Ihr eigenes Volk verachtet habe ich gar keine Lust.
anonymus schrieb am 08.02.2013, 07.24 Uhr:
Heute darf man ja noch nicht einmal mehr "Frau" sagen. Das heißt jetzt: Mensch mit Menstruationshintergrund.
Olli Garch schrieb am 08.02.2013, 04.33 Uhr:
Hab mal irgendwo gelesen, dass die "Schluempfe" auch hochgradig rassistisch sein sollen. Ist angesichts dessen ein Schlumpfkostuem noch "gesellschaftlich akzeptabel"?

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