Interview mit WDR-Terrorexperte Jöris "Hintergrund des Bonner Falls ungewiss"

Noch ergeben die Informationen zum Sprengsatz im Bonner Hauptbahnhof kein klares Bild. Die Polizei sei aus guten Gründen zurückhaltend, findet WDR-Terrorismusexperte Paul-Elmar Jöris, denn gesicherte Tatsachen gebe es bisher wenige. Verwirrung entstehe durch zum Teil unbestätigte Medienberichte.

Die Polizei informiert sehr zurückhaltend über die Ermittlungen rund um den Sprengsatz, der im Bonner Hauptbahnhof in einer Tasche gefunden wurde. Trotzdem tauchen in den Medien immer wieder Gerüchte auf, die länger nicht und häufig schließlich doch bestätigt werden. Wie beurteilen Sie das?


Paul Elmar Jöris, landespolitischer Korrespondent des WDR in Düsseldorf
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Paul-Elmar Jöris ist Terrorexperte des WDR

Paul-Elmar Jöris: Mein Eindruck ist, dass die Polizei in der Tat zurückhaltend ist und sich auf das beruft, was man wirklich aufgrund gesicherter Tatsachen sagen kann. Gleichzeitig gibt es aber immer wieder Berichte in Medien, die darüber hinaus gehen und die sich teilweise als wahr und teilweise als unwahr erweisen. Bei spektakulären Taten ist das immer so. Für den normalen Medienkonsumenten entsteht dann der Eindruck einer gewissen Verwirrung. Wenn man sich aber an das hält, was die Polizei sagt, was an gesicherten Tatsachen da ist, ist das Bild eigentlich klarer: Man ermittelt in alle Richtungen, man weiß noch nicht, welcher Hintergrund da ist. Der Sprengstoff selber war wohl gefährlich, wenn er explodiert wäre. Aber wie gefährlich die Bombe gewesen wäre, das kann man noch nicht sagen. Da muss man erst die vielen Einzelheiten, die man da auf dem Bahnhof aufgesammelt hat, wieder zusammensetzen und gucken, was war das für eine Konstruktion.

Der Bundesinnenminister hat eine zunächst angekündigte Pressekonferenz wieder abgesagt. Auch das hat für Verwunderung gesorgt.

Jöris: Sich bei einem solch unklaren Stand als Politiker zu äußern, ist gefährlich. Er war gut beraten, die Pressekonferenz abzusagen.

Wie schätzen Sie den möglichen Anschlagsversuch in Bonn ein - gibt es Ähnlichkeiten zu den sogenannten Kölner Kofferbombern?

Jöris: Das kann man noch nicht beurteilen. Man weiß nicht, was das für ein Sprengkörper und wie der Zündmechanismus war. Die Kofferbomber hatten ganz andere Bomben gebaut, die beruhten auf Gasflaschen und hatten einen funktionierenden Zünder. Aber sie haben damals nicht gewusst, dass Luft und Sauerstoff etwas Unterschiedliches ist. Darum war kein sprengfähiges Gemisch in der Flasche.

Aufgehalten hat die Kofferbomber 2006 allerdings niemand, insofern könnte der Anschlagsversuch als Erfolg gewertet werden. Trifft das auch auf Bonn zu?

Jöris: Es sind ja ungefähr zehn Anschläge von der Polizei im Vorfeld verhindert worden. In drei Fällen ist die Polizei zu spät gekommen. Das eine war der Kofferbomberfall, wo die Bomben abgestellt worden waren. Die sind nur aufgrund von Fehlern, die die Täter gemacht haben, nicht explodiert. Der zweite Fall war der Anschlag auf dem Frankfurter Flughafen, wo amerikanische Soldaten erschossen wurden. Und jetzt ist im Vorfeld die Ablage dieses Gegenstandes in Bonn nicht verhindert worden, sondern aufmerksame Passanten haben das bemerkt und dann hat die Polizei den Koffer unschädlich gemacht. Insofern sind sie dreimal durchgekommen. Wobei man nicht sagen kann, welchen Hintergrund der Fall in Bonn hat – deshalb ist ja auch der Generalbundesanwalt nicht eingeschaltet im Moment.

Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit der Bundesanwaltschaft im Hintergrund?

Jöris: Der Generalbundesanwalt wird kontinuierlich über den Stand der Ermittlungen informiert. In der Ermittlungskommission sind auch zwei Beamte des Bundeskriminalamts, die ständig berichten, und wenn die gesetzliche Grundlage gegeben ist, wenn ein Staatsschutzdelikt nahe liegt, dann wird der Generalbundesanwalt die Ermittlungen an sich ziehen. Ein solches Delikt würde vorliegen, wenn ein terroristischer Hintergrund zu erkennen ist – egal ob politisch rechts, links oder islamistisch motiviert. Also wenn eine Gruppe, die Terrorismus betreiben will, für diesen Anschlag verantwortlich ist, und nicht eine allgemein kriminelle Gruppe.

Das Interview führte Nina Voigt.


Stand: 12.12.2012, 18.22 Uhr