Schwieriger Schwertransport "Das ist ja keine Kartoffelkiste"

Von Marion Kretz-Mangold

Tonnenschwer, megalang und super-schwierig zu organisieren: Der Turbinen-Transport, der die Organisatoren vor ganz besondere Herausforderungen stellte, ist nur mit Superlativen zu beschreiben. Am Dienstag (07.02.2012) nahm er bei Brühl eine entscheidende Etappe - wann er im Kraftwerk in Hürth ankommt, ist noch die Frage.


Schwertransport

Nein, da möchte man nicht drunter geraten. Eine 307 Tonnen schwere Gasturbine ist eh ziemlich furchteinflößend, und wenn sie 7,50 Meter lang und 6,40 Meter hoch ist, macht man am besten einen großen Bogen um sie herum. Dabei liegt sie eigentlich nur bewegungslos auf dem Transporter, rüttelt nicht, ruckelt nicht und rollt auch nicht. Rollen sollte sie eigentlich, aber Probleme mit der Hydraulik haben dem Hightech-Monster auf seinem Weg von Berlin nach Hürth-Knapsack eine Zwangspause beschert. Aber jetzt, am frühen Dienstagmorgen (07.02.2012), soll es nach zwei Tagen endlich weiter gehen: Weil die Turbine nicht unter der Autobahnbrücke her passt, muss sie oben drüber - vorne rauf, hinten gleich wieder runter. Und deswegen herrscht helle Aufregung auf der Landstraße in Walberberg bei Brühl, kurz vor der Autobahn 535: Männer in Neongelb laufen durch die Eiseskälte, messen hier und testen da und beratschlagen. "Das ist ja schließlich keine Kartoffelkiste", sagt einer von ihnen.

Das dreigeteilte Monstrum

Denn die Turbine darf bloß nicht ins Rutschen geraten, wenn sie die Autobahn quert. Und weil 307 Tonnen für die Brücke zuviel sind, muss das Gewicht auf einen extralangen Transporter mit besonders vielen Achsen verteilt werden. Das Problem: Die Hydraulik, die für einen sanften Transport durch Schlaglöcher und über Verkehrsinseln hinweg sorgt, muckt immer noch. Wenn es schlimm kommt, könnte die Turbine aus der Kurve kippen oder an einer Leitplanke hängenbleiben - und das zwölf Kilometer vor dem Ziel, nachdem sie heil vom Schiff ans Bonner Rheinufer und im Zick-Zack-Kurs über die Dörfer gebracht wurde. Das Transportunternehmen hat deswegen beschlossen, dass die Turbine auf dem funktionierenden "Selbstfahrer", einem ferngesteuerten Fahrzeug, in der Mitte liegen bleibt und allein auf die Autobahnbrücke gebracht wird, die Vorder- und Hinterteile der sogenannten "Kesselbrücke" mit der beweglichen Ladefläche erst oben wieder angekoppelt werden. Wie sagte der Zuständige beim Unternehmen? "Das ist sehr, sehr komplex, das alles."

Fotos und Fachsimpeleien

Inzwischen ist es zehn Uhr. Die Männer haben zuende gemessen, getestet und diskutiert, die Polizei hat die Autobahn gesperrt und sich das Vorderteil der Kesselbrücke in Bewegung gesetzt. Auch die Zuschauer, die sich mit Hund, Kinderwagen und Thermoskannen voller Tee in ehrfurchtsvoller Entfernung von der Turbine aufgebaut haben, laufen los, die Fotoapparate vor dem Auge: "Letztes Jahr hatten wir schon einen Transport, aber das hier ist was anderes", sagt Kirstin Bucher. "Endlich mal was los hier!" Drei Tage hintereinander war sie da, hat beobachtet, wie die Turbine mit Kränen vom Tieflader heruntergehoben wurde, und darauf gewartet, dass es endlich weiter geht. Genau wie Wilfried Wolf: "Ich frag' mich ja, wie sie das Riesending um die Kurve kriegen wollen. Das ist ja Wahnsinn." Dann horchen sie auf: Der Selbstfahrer springt brummend an, bewegt sich Zentimeter für Zentimenter vorwärts - es sieht aus, als schwebe die Turbine in ihrer weißen Plane durch den blauen Himmel.

Alles auf Zuruf


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Mit der Steuerkonsole unterwegs

Unten, auf der Straße, haben die Männer keinen Blick dafür. Die Funkgeräte quaken, der Motor brummt, Uwe Rieger schreitet mit seiner Steuerkonsole hinter dem Selbstfahrer her und lauscht konzentriert über Kopfhörer den Anweisungen, die ihm ein Kollege von vorne erteilt: "Jetzt langsam, etwas nach rechts, nicht zu weit!" Da kommt eine Bordsteinkante, dann muss er die Stahlplatten treffen, die zum Schutz des Grases ausgelegt wurden - manchmal rutscht der Selbstfahrer fast ab, aber es klappt. Weiter, die Auffahrt hinauf: "Geh mit der Turbine mal ein bisschen zu deiner Seite rüber, das neigt sich." Rieger guckt, steuert, hebt den Daumen: geschafft.

Kollateralschaden

Hinter ihm kriecht das Hinterteil der Kesselbrücke die Auffahrt hinauf, das von einem LKW geschoben wird. Gerade hat sie die Leitplanke mitgenommen - der LKW-Fahrer sieht nicht, was vorne passiert, und ist auch auf Kommandos angewiesen. Aber die Kurven hat er gemeistert, ist hinter Rieger her quer über die Fahrbahnen auf die Spur in Richtung Euskirchen gefahren. Eine Stunde hat es gedauert, jetzt stehen die drei Einzelteile wie geplant auf der Brücke. Nun müssen sie zusammengeschoben werden, damit die Last besser verteilt und die Brücke nicht zerstört wird - die nächste Herausforderung an diesem Morgen. Die Spaziergänger zücken wieder ihre Kameras, die Autofahrer auf der freigegebenen Gegenfahrbahn verdrehen die Hälse, während der Selbstfahrer an das Vorderteil der Kesselbrücke angekoppelt wird. Mit Zollstock und Ölkännchen manövrieren die Männer die Ösen übereinander: "20 Zentimeter! 17! Stopp! 10 sind's jetzt!" Endlich passt es, schnell den Bolzen rein, fertig. Jetzt noch das hintere Teil: Dann kann die schwere Turbine über die Brücke gefahren werden.

"Mal gucken, wie weit wir kommen"

"Wahnsinn", sagt der Bornheimer Wilfried Wolf wieder, aber diesmal klingt es bewundernd. Er steht jetzt oben auf der Brücke, jenseits der Leitplanke, und friert. Aber er bleibt, schließlich gibt es noch viel zu sehen: Der extralange Transporter wird 200 Meter weiter gleich wieder zerlegt, die drei Einzelfahrzeuge wieder vorsichtig um die Kurve nach unten auf die Landstraße gebracht. Dort bleiben sie erst einmal stehen. Heute Nacht kommt Wolf wieder: Wenn der Verkehr nicht so dicht ist, geht es über die Dörfer nach Knapsack - wenn alles klappt. Die Männer in Neongelb sind vorsichtig: "Mal gucken, wie weit wir kommen." Noch ist der schwierige Schwertransport nicht zu Ende.


Stand: 07.02.2012, 13.20 Uhr


Kommentare zum Thema (3)

letzter Kommentar: 07.02.2012, 22:30 Uhr

Master schrieb am 07.02.2012, 22:30 Uhr:
Hey Tim. Im Gegensatz zu anderen Meldungen über angeblich krank machende Keime im Essen, die wir seit 40 Jahren gegessen haben OHNE zu erkranken, wird hier auch mal darüber berichtet, was Mensch und Machine heutzutage leisten müssen und zu leisten im Stande sind. Wenns dich nich interessiert, warum liest du es dann? Übergeh doch solche für dich überflüssigen Themen.
Tim schrieb am 07.02.2012, 21:46 Uhr:
Wen interessiert das? Ist das heute üblich, seinen Mitmenschen sowas völlig überflüssiges mitzuteilen?
Erich Weichert schrieb am 07.02.2012, 21:05 Uhr:
Wäre gerne dabei gewesen.Mußte nur leider Arbeiten.Wohne auch zu weit weg. Habe erst einmal einen gesehen,der durch den Märkischen Kreiß gefahren.