Bis zu 30 Trümmerteile erwartet Satellit Rosat vor dem Absturz

Von Anke Fricke

Der ausrangierte Satellit Rosat wird wohl zwischen Samstagabend (22.10.2011, 20 Uhr) und Sonntagmittag (23.10.2011, 14 Uhr) unkontrolliert in die Erdatmosphäre eintreten. Zwar wird der Röntgensatellit teilweise verglühen, doch Reststücke könnten es bis zum Boden schaffen. Wo die Trümmer aufschlagen werden, ist ungewiss.


Computergrafik des Röntgensatellits Rosat
Bild 1 vergrößern +

Computergrafik des 2,4 Tonnen schweren Satelliten Rosat

Sicher ist nur, dass Rosat auf seiner Flugbahn zwischen dem 53. nördlichen und 53. südlichen Breitengrad in die Erdatmosphäre eintauchen wird. Damit zählt ein Großteil der Erdoberfläche zum möglichen Einschlagsgebiet. Auch in Nordrhein-Westfalen könnten theoretisch Trümmer herabfallen. Lediglich Schleswig-Holstein, Hamburg und die nördlichen Gebiete von Niedersachen und Mecklenburg-Vorpommern liegen in Deutschland außerhalb der Flugbahn.

Alltäglich - Schrott aus dem All

Trotzdem hält es das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln nicht für nötig, am Wochenende nach Norddeutschland zu flüchten. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Stück des Satelliten in Deutschland aufschlägt, liegt bei 1 zu 580", erklärt DLR-Sprecherin Sabine Göge. Dass dabei eine Person getroffen werde, sei mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 700.000 nahezu unmöglich. Zum Vergleich: Die Wahrscheinlichkeit, im Straßenverkehr zu sterben, betrage 1 zu 8.000. Göge vermutet, dass die Trümmer im Meer versinken oder irgendwo in der Steppe aufschlagen werden. Erst im September 2011 waren die Überreste eines amerikanischen Satelliten im Pazifik gelandet. "Fast täglich kommen Teile von Raketen oder anderen Flugkörpern auf die Erde zurück", sagt Göge. Jährlich treten rund 60 bis 80 Tonnen Weltraumschrott wieder in die Atmosphäre ein. Vom kosmischen Müll wird aber nur selten etwas gefunden: Ein australischer Bauer bemerkte 2007 auf seinem Feld ein 20 Kilogramm schweres Metallstück, und in Argentinien stürzte 2004 ein mysteriöser Apparat von der Größe eines Kleinwagens auf einen Acker. Menschen wurden bislang noch nicht verletzt. Und auch die kubanische Kuh, die von einem kosmischen Trümmerstück getötet worden sein soll, gilt beim DLR als Legende.

Bis zu 30 Trümmer erwartet


Wahrscheinlich werden auch die Rosat-Reste nicht wieder auftauchen. Der Satellit wird beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zerbrechen und durch die dabei entstehenden Temperaturen von bis zu 2.000 Grad zum Teil verglühen. Nach letzten Untersuchungen des DLR könnten 30 Trümmerteile mit einer Geschwindigkeit von 450 Kilometern pro Stunde auf den Boden fallen. Vor allem der Teleskopspiegel des Röntgensatelliten ist extrem hitze- und bruchbeständig und könnte mit einem Gewicht von bis zu 1,6 Tonnen Schaden verursachen. Doch der genaue Landeort für die Bruchstücke ist nicht berechenbar. Grund: Rosat rast mit so hohem Tempo durch das All, dass der Satellit in nur 90 Minuten den Planeten umrundet. Weil zudem die Erde unter der Satellitenbahn rotiert, verschieben sich die Bereiche, die von Trümmerstücken getroffen werden können, von Umlauf zu Umlauf.

Bodenspur erst kurz vorher bestimmbar

Zwar grenzten die DLR-Experten in den vergangenen Tagen den Absturzzeitpunkt immer enger ein. Doch selbst einen Tag vor dem Absturz können die Wissenschaftler den Zeitpunkt des Wiedereintritts nur mit einer Unsicherheit von plus oder minus fünf Stunden prognostizieren. In dieser Zeit umrundet Rosat die Erde mehrmals und damit ergeben sich unterschiedliche Einschlagmöglichkeiten. Die deutschen Forscher nutzen derzeit das amerikanische Weltraumüberwachsungssystems Space Surveillance Network (SSN) sowie die Großradaranlage des Fraunhofer-Instituts für Hochfrequenzphysik und Radartechnik in Wachtberg bei Bonn. Mit diesen Daten können die Wissenschaftler wenige Stunden vor dem Wiedereintritt in die Atmosphäre die sogenannte Bodenspur des Orbits bestimmen. Wenn Fragmente die Erde erreichen, werden sie entlang dieser Bodenspur auf einer Breite von bis zu 80 Kilometern verteilt niedergehen.

Unkontrolliert wegen Challenger-Katastrophe


Viele helle Punkte zeigen Röntgensterne am Himmel
Bild 2 vergrößern +

Ein von Rosat aufgenommenes Bild mit Röntgensternen

Dass Rosat nun unkontrolliert zur Erde zurückkehren muss, ist eine Folge des Absturzes der Raumfähre Challenger im Jahr 1986 und der damit verbundenen amerikanischen Flugpause ins All. Ursprünglich sollte Rosat mit einem Shuttle ins Weltall gebracht und dort auch wieder eingesammelt werden. Nach dem Challenger-Unglück wurde Rosat dann 1990 mit einer Rakete ins Weltall geschossen und auf seine Flugbahn in einer Entfernung von 565 bis 585 Kilometern zur Erde gebracht. Da Rosat über kein eigenes Triebwerk verfügt, kann der Satellit auch nicht kontrolliert zum Absturz gebracht werden. Seit seiner Abschaltung im Februar 1999 verliert der Röntgensatellit durch den Luftwiderstand der Hochatmosphäre kontinuierlich an Höhe.

Erfolgreiche Mission

Rosat gilt als sehr erfolgreiche deutsch-amerikanisch-britische Mission. Der Satellit startete als das seinerzeit größte Röntgenteleskop und scannte das Weltall systematisch auf Röntgenquellen. Dabei beobachtete Rosat Kometen, Neutronensterne, Schwarze Löcher, explodierende Sterne und Galaxien und registrierte rund 80.000 kosmische Röntgenquellen. Ursprünglich war die Mission nur für 18 Monate geplant, wurde aber auf Grund des wissenschaftlichen Erfolges bis Februar 1999 verlängert. Dann versagten die Messinstrumente und der Kontakt zum Kontrollzentrum brach ab. Insgesamt nutzten rund 4.000 Forscher aus 24 Ländern Rosat.


Stand: 22.10.2011, 10.34 Uhr


Kommentare zum Thema (22)

letzter Kommentar: 23.10.2011, 15:28 Uhr

Hallo... schrieb am 23.10.2011, 15:28 Uhr:
... Warum kommen die alle am Wochenende runter? War der, vor einigen Wochen, nicht auch an einem Wochenende runter gekommen? Also hier habe ich nichts gesehen, Großraum Duisburg...
Ralf K schrieb am 22.10.2011, 23:25 Uhr:
Beruhigt Euch. ROSAT wird NICHT über EUROPA abstürzen. (Quelle: DLR, 22 Uhr) Vielleicht mal einfach Fenster putzen oder Brille... :)
Glücksritter schrieb am 22.10.2011, 22:37 Uhr:
An alle Schrottis: Jetzt schon mal mit dem LKW losfahren... vieleicht fallen ja Teile in der Umgebung ab! Oder ganz gr0ßes Glück: Direkt auf dem Laster drauf...!
Huisi schrieb am 22.10.2011, 22:11 Uhr:
Hallo,wir waren um ca.20.15 Uhr auf der A4 höheEschweiler als wir etwas vom Himmel fallen sahen.Es verglühte hell.Wir haben es der Polizei gemelde,waren wohl Trümmerteile.
Thorsten schrieb am 22.10.2011, 21:01 Uhr:
Hm, etwa um 20:10 meinte ich in Niederzier Richtung Merzenich auch einen orangen Lichstreifen am Himmel gesehen zu haben. Hab das für 'ne optische Täuschung gehalten, aber wenn andere zur gleichen Zeit was gesehen haben... jedenfalls hab ich keinen 1,6t schweren Hitzeschild aufm Balkon liegen. :-) Schönen abend noch.

Alle Kommentare anzeigen