Rheuma – die unbekannte Kinderkrankheit Der lange Weg aus dem Dauerschmerz

Von Kirsten Rulf

"Ihr Rücken war krumm von Rheuma" – dieser Satz über eine alte Frau aus "Harry Potter" hat Annika Fricke schockiert. Sie ist erst zehn und leidet ebenfalls unter Rheuma. Es hat lange gedauert, bis die Krankheit bei ihr richtig erkannt und behandelt wurde.


Junges Mädchen öffnet eine Flasche
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Annika Fricke kann endlich wieder selbst die Wasserflasche aufdrehen

Ein bisschen Mühe kostet es sie noch, die Wasserflasche aufzudrehen. Aber Annika lässt’s trotzdem gerne zischen. Denn noch vor ein paar Wochen hätte sie die Flasche nicht mal anfassen können. Annikas Finger waren krumm und steif, ihre Hand- und Fußgelenke dick entzündet. Die 10-Jährige stand unter Dauerschmerz. "Ich war so richtig müde und ich konnte nicht gut schlafen, weil ich nachts ständig Schmerzen hatte und immer aufgewacht bin", erzählt sie. "Mir taten meistens die Fingergelenke weh. Die waren dann eine Dreiviertelstunde lang völlig steif. Dagegen hat nur Cortison geholfen." Für die zierliche, schüchterne Annika waren die Schmerzen eine große Belastung, über die sie viel gegrübelt hat. "Man denkt oft, man ist anders als andere Menschen, weil andere Menschen ja keine Medikamente nehmen müssen", erklärt sie leise.   

Autoimmunerkrankung mit unbekannter Ursache


Kinderklinik St. Augustin
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Kinderklinik St. Augustin

Annika Fricke ist eines von rund 20.000 Kindern in Deutschland, die an Rheuma leiden. An der vermeintlichen Alte-Leute-Krankheit erkranken pro Jahr gut 1.500 Kinder, die meisten zwischen zwei und sechs Jahren. Über die Ursachen ist wenig bekannt: Es sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie mehr Mädchen als Jungen betroffen, außerdem mehr Kinder aus Familien, die genetisch vorbelastet sind. Dass es häufig Kleinkinder trifft, könnte daran liegen, dass sie oft Infektionen haben, die das Immunsystem durcheinander bringen, vermuten Spezialisten wie Gerd Horneff, Chefarzt der Kinderklinik Sankt Augustin und einer der wenigen Kinderrheumatologen in Deutschland. Rheuma sei eine Autoimmunerkrankung, bei der sich der Körper selbst entzündet. "Die Symptome können heftig sein, ein Kind verändert sich drastisch", erklärt Gerd Horneff: "Es humpelt, es verliert Körperfunktionen, es will kein Sport mehr machen, es will sich nicht bewegen. Manchmal fällt Rheuma auch auf durch Fieberschübe und durch Hautveränderungen, zum Beispiel eine Schuppenflechte."

Langer Leidensweg bis zur Diagnose

Die Versorgungssituation von Rheumapatienten in NRW ist im Allgemeinen sehr gut – es gibt viele Kliniken und Spezialisten, die sich regelmäßig austauschen, so zum Beispiel an diesem Wochenende in Bochum beim Symposium "Rheumatologie im Ruhrgebiet". Bei Kindern ist Rheuma allerdings immer noch so selten, dass Kinderärzte und selbst Spezialisten wie Orthopäden es oft nicht sofort erkennen. So war es auch bei Annika. Ihre Oma beobachtete beim Spielen zufällig, dass sie ein dickes Handgelenk hat. Ein Besuch beim Kinderarzt führte Familie Fricke schließlich zum Orthopäden. Der gipste die geschwollene Hand erstmal ein, obwohl auf dem Röntgenbild kein Bruch zu sehen war. Als die Schwellung auch nach vier Wochen Gips nicht wegging, röntgen die Ärzte noch mal, steckten Annika zweimal in einen Computertomographen – und blieben trotzdem ratlos. Eine schwere Zeit für die ganze Familie. "Wieder ein neuer Arzt, dann nehmen die schon wieder Blut ab, vielleicht bringt das auch wieder nix – das war dann schon doof, weil ich nie wusste, wann endlich mal rauskommt, was das überhaupt ist", erinnert sich Annika Fricke.

Maßgeschneiderte Therapie aus Sankt Augustin


Aufnahme der Hände durch einen Rheuma-Scanner

Annika Frickes Hände im Rheuma-Scanner

Im schlimmsten Fall kann unbehandeltes Rheuma zu Gelenkschäden oder gar Behinderungen wie Kleinwüchsigkeit führen. Annika blieb das erspart. Vor allem, weil ihre Mutter nach der ersten Diagnose so hartnäckig blieb. Hanka Fricke machte einen Termin in der Kinderklinik Sankt Augustin bei Bonn. Die Klinik hat einen speziellen Rheuma-Scanner und Spezialisten, wie den Kinderrheumatologen Gerd Horneff. Er fand für Annika eine genau abgestimmte Therapie mit möglichst wenigen Nebenwirkungen. Heute, vier Monate nach Therapiebeginn, sehen ihre Gelenke deutlich weniger entzündet aus – auch dank eines neuen Medikaments, das Annika einmal im Monat gespritzt bekommt. Es ist noch in der Zulassungsphase für Kinder, aber die 10-Jährige verträgt es bislang gut. Es könnte dank der Therapie in Sankt Augustin sogar sein, dass sich langfristig ihr größter Wunsch erfüllt. "Dass ich wieder gesund werde. Und dass ich gar keine Medikamente mehr nehmen muss."


Stand: 29.06.2012, 00.00 Uhr


Kommentare zum Thema (5)

letzter Kommentar: 30.06.2012, 09:58 Uhr

@Anonym schrieb am 30.06.2012, 09:58 Uhr:
Impfbedingte Arthritis ist die Krankheit von Esotherikern die an diesen hoax_glauben_. Bei "normalen"Menschen entsteht sie durch Gentisch bedingte Ursachen,oder Infektionen. Das heute ein"leichter"Anstieg dieser Form bei Jugendlichen zu verzeichnen ist liegt daran das sich dank Therapiemoeglichkeiten die genetisch bedingt Erkrankten auch fortpflanzen.Frueher wurde "so jemand"eben eher nicht geheiratet. Waeren Impfungen die Ursache haetten wir seit den 50ger Jahren eine"Explosion"dieser Erkrankung zu verzeichnen gehabt.Dies wird aber einen "echten Impfesotherikparanoiker"niemals uebezeuegen-denn er ist ja ein "Glaeubiger". :lol:
Klaus Lohmann schrieb am 29.06.2012, 22:35 Uhr:
@BeWi: Zum "Spezi"-Dasein gehört auch Textverständnis, da würd ich Ihnen Nachschulung empfehlen. Es gibt zwar eine spezielle Alters-Arthritis, aber die Form, die auch Jugendliche und Kinder bekommen können, tritt zu 80% *vor* dem 60. Lebensjahr auf. Eine verbreitete "Alte-Leute-Krankheit" ist bedingt durch die früher harte körperliche Arbeit und fett- und kohlehydratreiche Ernährung traditionell im Gicht- oder Arthrose-Kreis angesiedelt, sofern man den sog. Volksmund zu Rate zieht. Und therapierbar bedeutet nicht unbedingt heilbar, soviel sollte der Spezi ebenso wissen. Auch vor 30 Jahren war eine Cortisolwirkungs-Behandlung nur als Akuttherapie gedacht. Ebenso wusste man, dass je früher die Krankheit diagnostiziert wird, desto besser die Therapiewirkung einsetzen kann. Ich bin seit ca. 20 Jahren dank Auranofin-Basistherapie fast beschwerde- und schubfrei.
Anonym schrieb am 29.06.2012, 17:04 Uhr:
Ist bekannt ob und in welchem Umfang diese Kinder geimpft wurden? Wo kommen all diese Autoimmunerkrankung her? Ursachen finden ist genau so wichtig, wie den Betroffenen zu helfen! Ohne Ursachenforschung kann sich nichts ändern.
BeWi schrieb am 29.06.2012, 12:47 Uhr:
@Klaus Lohmann-einfach mal bei Wikipedia oder med Portalen unter Rheuma nachlesen.Pschyrembel ist auch hilfreich ;) Nur weil man selber an einer rheumatischen Erkrankung leidet ist man nunmal immer noch kein Spezi auf dem Sektor.Eine "entzuendliche"Rheumaerkrankung"(auch mehrer Ursachen moeglich)-tritt durchaus im hoeheren Alter auf!Das Immunsystem kann jederzeit entgleisen und sich gegen den eigenen Koerper richten. " Therapierbar"ist gerade mal die infektioese Form(ausser man hat Pech). Bei der Autoimmunversion jedoch ist max.ein lindern der Symptome moeglich. Btw. vor 30 Jahren sah die Behandlung so aus das oft die Nebenwirkungen uebler waren als die Grunderkrankung...Stichwort Cortison!
Klaus Lohmann schrieb am 29.06.2012, 12:22 Uhr:
Liebe Frau Rulf, warum ist es eigentlich selbst im 21. Jahrhundert anscheinend zu schwer, in einem Artikel deutlich zwischen dem endzündlichen Rheumatismus, in diesem Fall der juvenilen Poly*arthritis* und der von Ihnen falsch verglichenen "Alte-Leute-Krankheit", der *Arthrose* durch Verschleiß, zu unterscheiden? Ich gehöre zu denen, die im jugendlichen Alter an Arthritis erkrankten, und schon damals vor über 30 Jahren war dies weder "unbekannt" noch untherapierbar.