Zehn Jahre Tabakwerbeverbot in Medien Belohnung ist besser als Abschreckung

Der Kampf gegen das Qualmen ist mühsam. In Deutschland rauchen immer noch 30 Prozent der Männer und gut 20 Prozent der Frauen. Allein in Deutschland sterben jedes Jahr über 100.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. WDR.de sprach mit einem Mediziner über die Wirkung von Schockbildern auf Zigarettenschachteln.


Mann mit Zigarette im Mundwinkel
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Schreckliche Folgen für 120.000 Menschen

In den vergangenen Jahren ist einiges auf den Weg gebracht worden, damit weniger Menschen rauchen. Doch die Erfolge sind mäßig. So beschloss die EU vor zehn Jahren, Tabakwerbung in Medien zu verbieten. Längst prangen auch in Deutschland auf Zigarettenschachteln Warnhinweise wie "Raucher sterben früher" und der Nichtraucherschutz wurde verbessert. Vergangenen Donnerstag (29.11.2012) beschloss Nordrhein-Westfalen, dass ab Mai 2013 in keiner Kneipe mehr geraucht werden darf - auch nicht in Raucherclubs. Derzeit arbeitet die EU an einer neuen Tabakrichtlinie. Denkbar dabei ist, auf Zigarettenschachteln Schockfotos abzubilden mit verfaulten Gebissen und eiternden Geschwüren. Australien hat genau das gerade erst eingeführt.

René Hurlemann
Porträt René Hurlemann

Dr. René Hurlemann (39) ist Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum in Bonn. Er leitet eine Forschungsgruppe, die neue Behandlungen für sozial-kognitive Beeinträchtigungen bei schweren psychischen Erkrankungen wie Angst und Depression untersucht. Zudem war er wissenschaftlicher Leiter einer Studie zur Nikotinabhängigkeit und zum Rauchen, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.

WDR.de: Herr Hurlemann, Krebsgeschwüre und Raucherlungen – können solche Bilder auf Zigarettenschachteln Raucher tatsächlich vom Qualmen abhalten?

René Hurlemann: Das bezweifele ich massiv. Für unsere Studie haben wir Versuchspersonen Fotos von fröhlichen, neutralen und angsterfüllten Gesichtern gezeigt. Raucher, die eben noch eine Zigarette geraucht haben, reagieren darauf genauso emotional wie Nichtraucher: Das so genannte Angstzentrum im Gehirn, die Amygdala, schlägt Alarm. Sie selbst sind verängstigt. Aber: Wenn ein Raucher zwölf Stunden abstinent war, sozusagen auf Entzug ist, wird dieses Alarmzentrum weitestgehend außer Kraft gesetzt: Ängstliche Gesichter ließen Raucher auf Entzug eher kalt. Offenbar brauchen Raucher immer genug Nikotin, damit ihr Furchtempfinden einwandfrei funktioniert.

WDR.de: Was bedeutet dieses Ergebnis übertragen auf Schockbilder, die in Australien bereits auf Zigarettenpackungen prangen?


Entwurf für Zigarettenverpackungen in Australien
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Zigarettenverpackung in Australien

Hurlemann: Ängstliche Gesichter und Schockbilder von schlimmen Erkrankungen fallen in die gleiche Kategorie von Reizen. Schockbilder sollen beim Raucher Angst auslösen. Die Botschaft lautet: "Wenn ihr raucht, habt ihr ein hohes Risiko, solche Erkrankungen zu bekommen und so zu enden." Diese Botschaft soll verhindern, dass man zur Zigarette greift. Ein Nikotinabhängiger ist aber bereits nach einigen Stunden auf Entzug, und weil er keine Angst mehr empfindet, funktioniert dieser Mechanismus bei ihm nicht. Er macht sich die nächste Zigarette an. Deshalb ist es sinnlos, mit Schockbildern auf süchtige Raucher abzuzielen.

WDR.de: Was ist denn mit Nichtrauchern – können Warnbilder zum Beispiel Jugendliche davon abhalten, überhaupt erst anzufangen?

Hurlemann: Prinzipiell gehe ich davon aus, denn Menschen, die noch nie geraucht haben, sind empfänglich für Furchtbilder. Mit einer Einschränkung: Das Alarmzentrum stumpft ab, je mehr schockierende Bilder es verarbeitet. Und wir sehen heutzutage überall grausame Bilder von Unfällen oder Kriegen. Die Medien sind voll davon.

WDR.de: Aber wenn Nichtraucher davon zunächst abgeschreckt werden, ist das ja nicht ganz sinnlos – selbst wenn es kein Dauereffekt ist.

Hurlemann: Wenn es aber um Kinder und Jugendliche geht, bringen Schockbilder auf Zigarettenpackungen trotzdem nichts. Denn in der Regel kaufen sie nicht sofort eine Packung. Sie bekommen die Zigaretten von Älteren angeboten. Um also Teenager zu erreichen und ihnen die gesundheitsschädlichen Folgen bewusst zu machen, sollte Geld besser in weitere Kampagnen in Schulen und Einrichtungen für Jugendliche investiert werden.

WDR.de: Vom Nikotin loszukommen, ist sehr schwer. Die meisten Raucher brauchen viele Versuche. Ob mit oder ohne Hilfsmittel wie Nikotinpflaster. Und längst nicht alle schaffen es, von ihrer Sucht loszukommen. Welche Strategien zum Aufhören sind effektiver als die Abschreckungsmethode?

Hurlemann: Statt mit Angst zu arbeiten, sollten Kampagnen mehr die Begeisterung wecken und das Positive des Nichtrauchens betonen. Ein geringeres Erkrankungsrisiko ist dabei nur ein Aspekt. Es kann aus vielen Gründen lohnend sein aufzuhören. Zum Beispiel fühlt man sich fitter und spart Geld. Für Frauen mag eine bessere Haut ein Argument sein. Da inzwischen an vielen Orten nur noch draußen geraucht werden darf, fühlen sich manche Raucher ausgeschlossen. Auch diese soziale Komponente kann ein Motiv fürs Aufhören sein. Denkbar ist auch, dass Krankenkassen Anreize für Nichtraucher schaffen. Geringere Krankenkassenbeiträge etwa wären auch ein enormer Anreiz, erst gar nicht damit anfangen.

WDR.de: Warum rauchen die meisten Menschen denn überhaupt?

Hurlemann: Dafür gibt es viele Beweggründe: Manche Menschen sind hochgradig süchtig, andere können sich nach einer Zigarette besser konzentrieren. Nikotin wirkt kurzzeitig auch beruhigend. Wieder andere haben Angst zuzunehmen, wenn sie aufhören. Im Prinzip müsste für jeden Einzelnen ein individuelles Paket geschnürt werden, damit er aufhört. Es würde sich lohnen, denn für die Versorgung von Rauchern und ihrer Folgekrankheiten werden Milliarden ausgegeben.

Das Interview führte Lisa von Prondzinski.

Die Autorin über das Rauchen
Lisa von Prondzinski

Jahrelang habe ich selbst geraucht. Und das nicht zu knapp. Immer und immer wieder ein neuer Anlauf, um von dem Zeug loszukommen... Und nach einigen Tagen oder Wochen dann das große Scheitern. Frustrierend. Irgendwann hat es doch geklappt. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.


Stand: 02.12.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (23)

letzter Kommentar: 04.12.2012, 20:37 Uhr

Beamter schrieb am 04.12.2012, 20:37 Uhr:
Die Tabaksteuer lässt mich Leben.
Recht hat er schrieb am 04.12.2012, 10:14 Uhr:
Schockbilder sind genauso albern und wirkungslos wie die Sprueche die derzeit schon auf den Packungen prangen.Dies haelt mich als Raucher von garnichts ab.Dies gilt genauso fuer Jugendliche-oder haette es jemals einen Jugendlichen davon abgehalten Hasch,Koks oder anderes zu usen das staendig in der Presse vor dem Konsum gewarnt wird?Wo bleiben im uebrigen die Warnhinweise auf den Flaschen mit Alkohol darin?!?Haelt zwar auch niemanden davon ab,aber man heatte ja etwas getan.
Hans schrieb am 03.12.2012, 11:59 Uhr:
"sterben jedes Jahr über 100.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.", selbst das ist für einen echten Raucher kein Grund aufzuhören oder Rücksicht zu nehmen, dass bei den Toten auch Menschen sind, die noch nie geraucht haben (Passivraucher/in), darauf wird nicht hingewiesen. Angesichts dieser Zahlen ist es beschämend zu lesen: "Insbesondere das neue NiSchG kommt mir überzogen vor" oder "Schliesslich lebe ich als Raucher ja nicht so lange." Bei 100.000 Toten im Straßenverkehr würden sofort strenge Maßnahmen gefordert, durchgesetzt und 99% der Bevölkerung würden es begrüßen.
Martin L. schrieb am 03.12.2012, 10:52 Uhr:
Ich verstehe nicht, warum man sich nicht einmal die Tabakindustrie vornimmt. Es ist hinlänglich bekannt, dass diese ihren Produkten Zusätze beimischt, um die Menschen schon nach kurzer Konsumzeit abhängig zu machen. Dies sollte von der Politik verboten werden, indem man nur noch Produkte zulässt bei denen keine derartigen Beimischungen mehr vorgenommen werden.
jovel schrieb am 03.12.2012, 09:56 Uhr:
@wylly, 100Euro Krankenkassenzuschlag pro Monat würde ich sofort zahlen wenn ich im Gegenzug 150 Euro weniger Rentenbeitrag bezahlen müsste.Schliesslich lebe ich als Raucher ja nicht so lange.

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