Großeinsatz der Polizei in Herford Gewalt zwischen Muslimen und Jesiden

In Herford haben Auseinandersetzungen über die Kämpfe im Irak am Mittwochabend (06.08.2014) einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst. Es kam zu Gewalt zwischen Männern jesidischen und muslimischen Glaubens. Der Staatsschutz ermittelt. Ein Friedensforscher warnt vor einer neuen Entwicklung.

Demonstration in Herford Video Tumulte in Herford (03:32 Min.) Aktuelle Stunde vom 07.08.2014

Tumulte in Herford

"Die Nacht ist weitgehend ruhig geblieben", sagte ein Sprecher der Herforder Polizei am Donnerstagmorgen (07.08.2014) zu WDR.de. "Allerdings wurden mehrere Gruppen kontrolliert und Bewaffnung festgestellt." Bei einer 86-köpfigen Gruppe seien Schlagwerkzeuge und eine Schusswaffe sichergestellt worden. Auch am Donnerstag werde die Herforder Polizei von einer Einsatzhundertschaft unterstützt und in der Innenstadt präsent sein. "Wir werden dem Versammlungsrecht unterliegende Veranstaltungen schützen, jedoch keine gewalttätigen Aktionen dulden."

Schlägerei vor Imbiss


Demonstrierende Jesiden am 06.08.2014 vor einem Imbiss in der Herforder Innenstadt
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Demonstrierende Jesiden in Herford

Begonnen hatten die Auseinandersetzungen nach Polizeiangaben am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr vor einem Imbiss in der Nähe des Herforder Bahnhofs. Fünf Männer jesidischen und sechs Männer muslimischen Glaubens seien in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Sie sollen mit Flaschen und einem Messer bewaffnet gewesen sein. Zwei Jesiden - ein 16- und ein 31-Jähriger - seien durch Messerstiche leicht verletzt worden. Anlass des Streits soll ein Plakat gewesen sein, das am Imbiss angebracht war. Auf dem Plakat wurde von Jesiden zu einer Demonstration aufgerufen, um gegen das Vorgehen der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) in Irak und Syrien zu protestieren.


Sechs Personen, die am Angriff beteiligt gewesen sein sollen, wurden von der Polizei vorläufig festgenommen. Dabei habe es sich um polizeibekannte Männer gehandelt, die zwischen 20 bis 26 Jahre alt sind. Sie wohnen den Angaben zufolge in Herford, Hiddenhausen und Hamburg.

Mehrere Polizeihundertschaften eingesetzt


Herford, Jesiden gegen ISIS
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Der Herforder Imbiss,vor dem die Auseinandersetzungen begannen

Im Laufe des späten Mittwochnachmittags und -abends demonstrierten anschließend rund 300 Jesiden in Herford wegen der Auseinandersetzung. Sie standen nach WDR-Informationen mehreren Gruppen von Muslimen, Salafisten und Anhängern der Terrororganisation "Islamischer Staat" (früher als "ISIS" bekannt) gegenüber. Beide Seiten attackierten einander mit Holzlatten, Steinen und Flaschen. Es kam nach Polizeiangaben zu weiteren Körperverletzungen und Sachbeschädigungen in der Innenstadt, an denen Anhänger der verschiedenen Glaubensrichtungen beteiligt gewesen sein sollen. Eine größere Gruppe von Vermummten, die mit Schlagwerkzeugen bewaffnet gewesen sei, habe laut Polizei auf Passanten eingeschlagen. Ein 24-jähriger Herforder habe Platzwunden und Prellungen erlitten. Die Beamten hätten den Angriff durch einen massiven Einsatz von Pfefferspray beendet.

Polizeikräfte aus allen Behörden Ostwestfalens und Kräfte der Polizeihundertschaften aus Bochum und Dortmund trennten die Gruppen und begleiteten die Demonstration, die gegen 21.30 Uhr beendet war. "Wir haben Beamte im dreistelligen Bereich eingesetzt", sagte ein Polizeisprecher am Donnerstagmorgen zu WDR.de. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Auch der Staatsschutz ist aktiv geworden.

Politikwissenschaftler: "Ernstes Warnzeichen"


Jochen Hippler
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Friedensforscher Jochen Hippler

Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Jochen Hippler von der Uni Duisburg-Essen, sagte im WDR: "Wenn es sich bewahrheiten sollte, dass Anhänger des selbsterklärten Islamischen Staates in den Konflikt in Herford verwickelt waren, dann ist es ein sehr ernstes Warnzeichen." Nach Einschätzung von Hippler haben bislang die Muslime in NRW den "Islamischen Staat" abgelehnt. Die Anhänger des "Islamischen Staats" würden die meisten anderen Muslime, die sich ihnen nicht unterordnen, zu Ketzern erklären: "Das sind Leute, die sich mal eben an die Spitze der muslimischen Welt stellen und wer sich ihnen nicht unterwirft, wird mit Gewalt oder mit dem Tode bedroht."

Jesiden im Irak auf der Flucht


Im Irak kämpfen Regierungstruppen und kurdische Milizen gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat". Tausende Jesiden sind vor den Islamisten auf der Flucht. Jesiden sind eine religiöse Minderheit der Kurden. Ihre Ursprünge liegen im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei. In vielen Ländern des Nahen Ostens werden sie verfolgt. Jochen Hippler erklärte im WDR, dass es im Nordirak bereits seit langer Zeit Vorbehalte gegen die Jesiden gebe: "Das sind dort Fremde, sie wurden wurden von manchen muslimischen Kräften Teufelsanbeter genannt, was absurd ist, denn bei den Jesiden gibt es noch nicht mal einen Teufel, den man anbeten könnte."

Eine Demonstration von Jesiden am Donnerstag in Detmold verlief friedlich. Nach Angaben der Polizei gab es 600 Teilnehmer, darunter viele Jugendliche. Die Polizei lobte die Organisation durch die jesidischen Veranstalter der Demo. Ohne Zwischenfälle protestierten auch in Essen rund 250 Jesiden. In den nächsten Tagen soll auch in Bielefeld, Dortmund und erneut in Herford protestiert werden. Nach Angaben des Zentralrats der Jesiden in Deutschland gibt es in der Bundesrepublik schätzungsweise 45.000 bis 60.000 Jesiden, die vorwiegend in Niedersachsen und NRW leben.

Stichworte

Jesiden

Die Jesiden stellen eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich islamischen Kurden dar. Sie sind vorwiegend im Irak, in der Türkei und in Syrien ansässig. Es handelt sich um eine monotheistische Religion, die sich aber nicht auf eine zentrale heilige Schrift wie den Koran oder die Bibel beruft. Nach ihrem eigenen Verständnis stammt ihr Glaube aus vorislamischer und vorchristlicher Zeit. In ihren Herkunftsländern gab es in der Vergangenheit immer wieder Repressionen gegen die Glaubensgemeinschaft. In Deutschland leben Schätzungen zufolge etwa 60.000 bis 70.000 Jesiden.

Polizeilicher Staatsschutz

Der Polizeiliche Staatsschutz ist für die Bekämpfung politisch motivierter Kriminalität zuständig. Zu diesem Deliktbereich werden Straftaten gezählt, die auf eine extremistische Tätereinstellung schließen lassen - sei sie nun links, rechts oder religiös orientiert. Die Aufgabe, politisch motivierte Straftaten zu verhüten und zu verfolgen, wird von den Polizeibehörden auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene übernommen.

Neben dem Polizeilichen Staatsschutz kümmern sich noch andere Behörden und Institutionen um den Schutz der Bundesrepublik. Dazu gehören etwa die Verfassungsschutzbehörden, der Militärische Abschirmdienst und der Bundesnachrichtendienst. Der allgemeine Begriff Staatsschutz umfasst alle Maßnahmen, die einen Staat in seiner inneren und äußeren Existenz bewahren sollen.

Im Unterschied zum Verfassungsschutz - der extremistische Entwicklungen beobachten, dagegen aber nicht selbst einschreiten darf - kann der Polizeiliche Staatsschutz als Strafverfolgungsbehörde bei Extremismusverdacht selbst Ermittlungen durchführen.


Stand: 07.08.2014, 19.50 Uhr