Diskussion um die "Pille danach": Die Frauen, die Kirche und das Gewissen der Ärzte
Ärzte in den katholischen Krankenhäusern dürfen die "Pille danach" nun unter bestimmten Voraussetzungen verschreiben. Im Gespräch mit WDR.de beschreibt eine Gynäkologin ihren Gewissenskonflikt - und warum sie manchmal die Pille doch verschrieben hat.
Die Ärztin hat mehrere Jahre in einer katholischen Klinik im Erzbistum Köln gearbeitet. Da sie nicht möchte, dass ihr Name genannt wird, veröffentlicht WDR.de das Interview anonym.

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Erzbischof Joachim Kardinal Meisner
WDR.de: Kardinal Meisner hat am Donnerstag (31.01.2013) erklärt, dass Ärzte in katholischen Kliniken bestimmte Präparate zur Verhinderung einer Schwangerschaft verschreiben dürfen, wenn eine Frau vergewaltigt wurde. Was bedeutet das für Sie als Ärztin?
Ärztin: Das ist eine große Erleichterung für die Kollegen in katholischen Krankenhäusern. In machen Situation gerät man nämlich wirklich in einen Gewissenskonflikt. Ich habe mich damals bei meiner Einstellung verpflichtet, die "Pille danach" nicht zu verschreiben. Hätte ich es dennoch getan, hätte ich eine fristlose Kündigung riskiert. Und ich muss sagen, dass es mir manchmal sehr schwer gefallen ist, mich an diese Regel zu halten.
WDR.de: Welche Situationen waren besonders schwer?
Ärztin: Eben wenn eine vergewaltigte Frau kam, die ich für die "Pille danach" noch in eine andere Klinik oder zu ihrem persönlichen Frauenarzt schicken musste. Frauen, die vergewaltigt wurden, gehen in der Regel zuerst zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Kripo-Beamte begleiten sie dann ins Krankenhaus, um die Beweisaufnahme zu sichern. Eigentlich wissen die Polizisten, dass die "Pille danach" in katholischen Häusern nicht verschrieben wird. Sie gehen daher meistens sowieso woanders hin.
WDR.de: Aber manchmal kommen sie eben doch ...

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Gewissenskonflikt um ein Rezept
Ärztin: ... genau, und dann ist es ein wirklich schlimmes Gefühl, wenn ich einer traumatisierten Frau die "Pille danach" nicht verschreiben darf. Bei manchen Frauen spürt man, dass es ihnen sehr schwer fällt, ihre Geschichte mehrere Male zu erzählen. Außerdem wächst auch ihr Risiko schwanger zu werden. Die "Pille danach" kann je nach Präparat bis zu 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Allerdings nimmt die Sicherheit ab, je mehr Zeit vergeht.
WDR.de: Das heißt die Vorgaben ihres kirchlichen Arbeitgebers standen tatsächlich in einem krassen Widerspruch zur Lebensrealität.
Ärztin: Ja - manchmal schon. Wenn ich ein Vergewaltigungsopfer behandele, bin ich als Ärztin natürlich sowieso geschockt und möchte der Frau so gut wie möglich helfen. Und das ist schon an sich schwierig. Die Beweissicherung ist sehr kompliziert und zeitaufwändig. Und sie muss auch zeitnah nach der Tat gemacht werden. Sonst sind die Spuren nicht mehr aussagekräftig. Wenn man alleine Nachtdienst hat und vielleicht gerade acht Frauen mehr oder weniger gleichzeitig ein Kind bekommen, kriegt man das kaum hin. Und dann kommt die komplizierte Situation mit der "Pille danach" noch oben drauf. Ich muss den Frauen ja auch erklären, warum sie die in diesem Krankenhaus nicht bekommen.
WDR.de: Gibt es noch andere, vergleichbare Situationen?
Ärztin: Zum Beispiel, wenn ein 15-jähriges Mädchen vor mir sitzt, deren gleichaltrigem Freund das Kondom geplatzt ist. Sie ist total durcheinander und hat schrecklich Angst schwanger zu werden. Es gibt Fälle, in denen ich ziemlich sicher sein kann, dass eine Frau den Mut für einen zweiten Anlauf nicht aufbringt oder nicht die Kraft hat, zu einer anderen Klinik zu fahren und einem anderen Arzt das alles noch mal zu erzählen. Dann kann ich sie nicht wegschicken.
WDR.de: Und dann?
Ärztin: Tja - es gab Situationen in denen ich die "Pille danach" eben doch verschrieben habe. Und damit meinen Job riskiert habe.
WDR.de: Was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass eine Frau von zwei Kölner Kliniken nicht behandelt wurde?
Ärztin: Ich fand die Reaktionen ehrlich gesagt etwas überzogen, denn die Frau war ja medizinisch versorgt - sie musste nicht von einer Klinik zu anderen irren. Andererseits hat der Vorfall dazu geführt, dass sich die Kirche und die katholischen Kliniken bewegen. Und das finde ich sehr wichtig.
Stand: 02.02.2013, 10.50 Uhr
Kommentare zum Thema (11)
letzter Kommentar: 05.02.2013, 11:15 Uhr
- @Steuerzahler schrieb am 05.02.2013, 11:15 Uhr:
- DAS eben reicht ja nicht-da mit Hilfe unserer Steuergelder die Infrastruktur bezahlt wird zum Einziehen der"Kirchensteuer"!Ausserdem werden die sogenannten"Kirchlichen Einrichtungen"fast voellig von jedem Steuerzahler bezahlt-egal ob in der Kirche oder nicht!Hier hilft nur der massive Druck auf die Politik um die Praeambel des GG vom "Gottesbezug"zu reinigen,den Artikel 140GG ersatzlos zu streichen und alle Gesetze die den"Glaubensgemeinschaften"Sonderrechte einraeumen aus den Gesetzbuechern zu entfernen!Keine Krankenhaeuser,Kindergaerten oder Schulen in der Hand von diesen Sekten,muss ebenso die Forderung sein.Leider aber sind die Politik und diese Sekten in mafioesen Strukturen miteinander verbunden,so das es wirklich massiver Proteste dagegen bedarf.Da gehoeren wirklich Hunderttausende dazu auf die Strassen!
- @ferenc schrieb am 04.02.2013, 08:27 Uhr:
- Zitat:"Auch halten Ehen heute nicht mehr ewig!"Sehr trauriger Satz-klaro wenn ich davon ausgehe das das nur eine "Lebensabschnittspartnerschaft",oder eine verdeckte Poligamie in Reihe sein soll.Waehle ich den RICHTIGEN_PARTNER_und habe begriffen das LIEBE eben NICHT NUR der "Rosa Nebel"ist der mein Hirn zu Beginn verwirrt-sondern Arbeit heisst an der Partnerschaft,Respekt vor dem Anderssein des Anderen,Absolutes Vertrauen,,Treue,Offenheit und Ehrlichkeit und ja es geht,das man sich die "Schmetterlinge im Bauch"wenn man sich gegenseitig ansieht ein Leben lang erhalten kann.Heute aber sind da offensichtlich zu viele hedonistische Egoisten unterwegs.Letztlich aber hat dies jeder und jedes Paar selbst zu entscheiden wie sie leben wollen-auf keinen Fall aber derartige Sekten oder der Staat!
- ferenc schrieb am 04.02.2013, 01:02 Uhr:
- Ich sah die heutige Sendung und muss als Katholik sagen: Wir werfen den Islamisten mittelalterlichen Geist vor, doch die katholische Kirche ist noch weiter davon entfernt! Sie wird nie begreifen, dass die Zeiten der Bervor-mundung durch die Kirche vorbei sind und die Lebensrealität heute anders aussieht. Der heutige Mensch ist mündig und lässt sich nicht mehr vorschreiben wie er zu leben, zu lieben, oder wen er zu wählen hat! Auch halten Ehen heute nicht mehr ewig! Die ewigen Drohungen mit der göttlichen Verdammnis wirken nicht mehr. Und wollen die Kirchen, mit immer weniger Angehörigen, immer noch die Überzahl der "Nichtgläubigen" missionieren? Sie sollten sich den aktuellen Themen stellen, mitreden und real durch-führbare Vorschläge machen! Dann würde man sie auch wieder ernst nehmen. So aber ist nur die weitere Abmeldung ehemaliger Anhänger zu verzeichnen und die Kirchen kicken sich selbst in "AUS":
- Steuerzahler schrieb am 03.02.2013, 20:15 Uhr:
- Warum die Aufregung. Einfach austreten aus dem Verein und gut ist es. Der Entzug der finanziellen Basis lässt diese mittelalterlichen schon in der Gegenwart ankommen.
- Ohne schrieb am 03.02.2013, 12:29 Uhr:
- Die Kirchen selbst nehmen für sich das Recht in Anspruch, bei ihren Arbeitnehmern nicht nur über die (bezahlte) Arbeitszeit sondern auch ihre ( unbezahlte ) Freizeit zu bestimmen - WARUM nicht der Staat bei seinen Auftragnehmern für die Auftragserfüllung? Ist eine Organisation, die im Auftrag des Staates öffentliche Aufgaben übernimmt, berechtigt, die Regeln des Auftraggebers nach eigenem Gutdünken abzuändern. NEIN! Deshalb möchte ich nicht mit Kirchenoffiziellen nicht über ihren Glauben diskutieren. Meine Frage ist, wollt und könnt ihr die die Aufgabe zu erfüllen? Wenn JA - gut, Wenn NEIN lasst es.
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