Pflegekosten in Deutschland Wenn die Rente für die Pflege nicht mehr reicht

Von Nina Giaramita

Die Zahl der Senioren, die Pflegeleistungen nicht mehr aus eigener Tasche zahlen können, ist auf über 400.000 Menschen angestiegen. Angesichts dieser Zahl gibt es Überlegungen Pflege ins Ausland zu verlagern - ein "Horrorszenario", meint Pflegeexpertin Ursula Lenz aus Bonn.


Pflegeheim
Bild 1 vergrößern +

Die Zahl der Senioren, die Pflegeleistungen nicht finanzieren können, nimmt zu

Mehr zum Thema

Je nach Pflegestufe und Ausstattung müssen Senioren für einen Platz im Heim zwischen 2.000 und 5.500 Euro im Monat zahlen. Selbst für die höchste Pflegestufe steuert die gesetzliche Pflegeversicherung aber nur 1.550 Euro bei, für den Rest müssen Pflegebedürftige sowie deren Angehörige selbst aufkommen. Und das geht immer öfter nicht ohne staatliche Unterstützung. Rund 411.000 Bedürftige bekamen 2010 die sogenannten Hilfen zur Pflege, weil Rente und Ersparnisse nicht ausreichten, um den Heimplatz oder die Pflege aus eigener Tasche zu zahlen. Im Jahr zuvor waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamts noch 392.000 Menschen.

Vor allem Frauen betroffen

"Diese Entwicklung beobachten wir seit Langem", stellt Markus Lahrmann von der Caritas NRW fest. "Für die betroffenen Menschen ist das problematisch, denn für sie bleibt monatlich lediglich ein kleines Taschengeld von rund 100 Euro übrig." Ursula Lenz, Presssprecherin der in Bonn ansässigen Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), weist darauf hin, dass vor allem Frauen betroffen sind. "Überproportional viele beziehen niedrige Renten und haben später das Problem, dass sie sich die Pflege nicht leisten können." Der geringe garantierte Selbstbehalt von 80 bis 100 Euro reiche dann oft nicht aus, um zusätzlich Kleidung, Friseur und Fußpflege zu finanzieren. "Den Leuten stehen für solche Dinge zusätzliche finanzielle Hilfen wie eine Bekleidungsbeihilfe zu", sagt sie. "Aber das muss in den Heimen bekannt sein, und oft ist das Personal schon allein aus Zeitgründen nicht in der Lage, sich auch noch um solche Dinge zu kümmern."

"Keine Zweiklassengesellschaft"


Senioren halten sich an ihren Gehstöcken fest
Bild 2 vergrößern +

100 Euro Taschengeld im Monat müssen oft reichen

Im Marienheim Essen-Oberruhr, einem Seniorenzentrum, bemüht man sich laut Heimleiter Dieter Merten, Betroffenen bei der Beantragung zusätzlicher finanzieller Hilfen zu unterstützen. Von den rund 120 Bewohnern sind 20 Prozent nicht in der Lage, komplett für sich selbst aufzukommen. Mit diesen Zahlen wähnt sich das Heim noch in einer relativ glücklichen Lage. In der Nachbarstadt Gelsenkirchen, weiß Dieter Merten, gibt es Heime, in denen über die Hälfte der Bewohner finanzielle Hilfen in Anspruch nehmen muss. Merten wehrt sich jedoch dagegen, diese Menschen als arm darzustellen. "100 Euro im Monat können durchaus reichen", sagt er. "Im Heim haben die Menschen ja eine Komplettversorgung", stellt er fest. "Eine Zweiklassengesellschaft gibt es bei uns jedenfalls nicht, alle haben den gleich Komfort."

"Besorgniserregende Zahlen"

Uwe Becker von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe darauf hin, dass angesichts "stetig sinkender Renten" die Zahl der Bedürftigen in Zukunft eklatant steigen wird. Auch BAGSO-Pressesprecherin Ursula Lenz prognostiziert, dass "das Problem sich verschärfen wird". Sie verweist auf Berechnungen, denen zufolge im Jahr 2030 ein Durchschnittsverdiener nach 35 Beitragsjahren einen Rentenanspruch habe wird, der die Höhe der Grundsicherung von 688 Euro nicht übersteigen wird. "Diese Zahlen finde ich wirklich besorgniserregend." "Vor allem", gibt sie zu bedenken, "muss man sich überlegen, ob der Staat einer steigenden Anzahl von Hilfsbedürftigen dann noch immer derartige Zuschüsse für die Pflege gewährleisten kann."

"Gespenstische Diskussion"

Angesichts dieser Entwicklung gibt es von Politikern erste Überlegungen, künftig mit Altenheimen im Ausland zu kooperieren - dort, so das Argument, könne die Pflege oftmals noch deutlich günstiger geleistet werden. Tatsächlich gibt es in Osteuropa, Spanien oder Thailand bereits einige Angebote für deutsche Senioren. Der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge hält diese Debatte jedoch für eine "gespenstische Diskussion". "Wir können doch nicht unsere sozialen Probleme einfach ins Ausland exportieren", sagt er. Ursula Lenz spricht von einem "Horrorszenario, für Uwe Becker von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe sind derlei Gedanken schlichtweg "zynisch" - vor allem angesichts der Tasache, dass "bei älteren Menschen erwiesenermaßen das Mobilitätsvermögen abnimmt". Der Kommentar von Dieter Merten, Leiter des Essener Marienheims: "Einen alten Baum verpflanzt man nicht."


Stand: 29.10.2012, 19.11 Uhr


Kommentare zum Thema (31)

letzter Kommentar: 02.11.2012, 10:04 Uhr

Bürger schrieb am 02.11.2012, 10:04 Uhr:
Asylbewerber klagen erfolgreich mehr Taschengeld ein, Flüchtlinge aus Ländern, in denen es keine Kriege gibt werden klaglos aufgenommen, Krankenkassen machen milliardenschwere Überschüsse - aber unsere Alten, die zum großen Teil ihr ganzes Leben gearbeitet haben können die Pflege nicht mehr bezahlen. In welchem Land lebe ich hier eigentlich?? Warum ist alles und jeder in Deutschland wichtiger als das eigene Volk???
WDR.de schrieb am 31.10.2012, 08:02 Uhr:
Beitrag offline. Bitte bleiben Sie beim Thema.
nene schrieb am 31.10.2012, 07:03 Uhr:
Gaby, da muss ich Ihnen Recht geben. Allein könnte meine Mutter das gar nicht mehr schaffen. Pflege zu Hause geht wirklich nur mit Hilfe. Entweder durch Familie oder einen Pflegedienst. Im Prinzip kann jeder ein Stück leisten. Nur man darf sich selber nicht außer Augen lassen. WEnn die Kraft nicht mehr da ist, bringt es keinem was. Aber wenn alle zusammen halten ist es oft zu stemmen.....
Gaby schrieb am 30.10.2012, 22:00 Uhr:
dann wird jeder 3. Deutsche über 65 sein und wer pflegt die ganzen Massen dann?
Gaby schrieb am 30.10.2012, 21:59 Uhr:
@nene: Ich finde es toll was Sie und Ihre Familie mit der Pflege leisten. Ich weiß wie schwer Pflege ist und dann wenn die Familie die pflegt zu erschöpft , dann ist es für mich auch in Ordnung, wenn man an ein "Altersheim" denkt. Aber bitte nur in Deutschland. Was fehlt in Deutschland in Familien ist, daß die ganze Verwandtschaft zusammen hält und Nichten, Cousins, Tanten alle zusammen die Pflege stemmen. Da bewundere ich übrigens die Südländer, dort ist noch viel mehr Zusammenhalt in der Familie. Ich gebe zu, daß ich davon ausgegangen bin, daß der Pflegende ein Haus hat und die Pflegenden, dann kostenlos bei ihm wohnen und pflegen können. Viele müssen ganztags arbeiten. Ich kenne aber auch Leute, die ganztags arbeiten und dann mit einem Pflegedienst kombiniert und der Verwandtschaft es schaffen. Mich stört oft, daß die Kinder zu Lebzeiten immer von den Eltern nehmen und dann wenn diese alt werden nichts mehr damit zu tun haben wollen. Die Babyboomergeneration kommt erst noch, da ...

Alle Kommentare anzeigen