Pflanzen in der Eiseskälte Gießen oder nicht gießen?

Deutschland gleicht einem großen Gefrierschrank. Mit der klirrenden Kälte müssen nicht nur die Menschen, sondern auch die Pflanzen in Gärten und auf Balkonen zurechtkommen. Kann man temperaturempfindlichen Exemplaren jetzt noch helfen? WDR.de sprach mit Wolfram Lubin, dem Kustos des Botanischen Garten in Bonn.


Von Rauhreif bedeckte Rhododendron-Knospen

WDR.de: Muss man bei der klirrenden Kälte Angst um seine Pflanzen auf dem Balkon und im Garten haben?

Wolfram Lobin: Das kommt auf die Pflanzen an. Für viele Pflanzen besteht keine Gefahr. Die sind an die Kälte angepasst. Winterharte Pflanzen, die man häufiger auf Balkonen oder im Garten findet, sind letztlich alle einheimischen Pflanzen und deren Verwandte, beispielsweise Obstgehölze, Beerensträucher und der Rhodedendron. Die üblichen Sommerpflanzen, die sich in vielen Balkonkästen befinden, sind inzwischen sowieso schon tot, etwa Fuchsien oder Geranien.

Es ist nicht so, dass automatisch alle Pflanzen absterben. Wenn in einer geschützten Ecke des Gartens eine nicht geschützte Pflanze steht, kann es sein, dass sie überlebt. Aber normalerweise würde eine nicht winterharte Pflanze, wie etwa der Oleander und der Olivenbaum, solche Temperaturen wie heute Morgen, wo es bei mir minus 17 Grad waren, nicht überleben.

WDR.de: Was kann jetzt noch jemand tun, der nicht daran gedacht hat, seine Pflanzen im Garten oder auf dem Balkon vor Kälte im Winter zu schützen?

Lobin: Nichts. Wenn jetzt noch eine kälteempfindliche Pflanze ohne Schutz im Garten steht, ist nichts mehr zu retten. Da muss man vor dem Frost handeln. Der erfahrene Gartenliebhaber schneidet zeitig Pflanzen zurück und deckt sie mit Streu, alten Nadelzweigen oder einem Flies ab. Aber wenn eine Pflanze nicht winterhart ist, reicht eine einzige kalte Nacht und es ist vorbei. Abhängig davon, um welche Art es sich handelt und wie stark eine Pflanze durch Frost geschädigt ist, kann sie im Frühjahr wieder austreiben, wenn sie bis auf den Stock zurückgeschnitten wird.

WDR.de: Ist es allein die Kälte, die den Pflanzen den Garaus macht?


Lobin: Meistens denken die Leute, es ist einfach nur die Kälte. Gegenüber Kälte sind viele Pflanzen oft erstaunlich tolerant. Die häufigste Todesursache für Pflanzen im Winter ist eher eine Kombination verschiedener Faktoren, beispielsweise dass derzeit auch häufig die Sonne scheint. Das ist auch das Verhängnisvolle für viele Pflanzen, die nicht richtig winterhart sind: Sie stehen jetzt bei der Kälte teilweise in der Sonne, wo sich die Luft erwärmen kann. Diese Pflanzen fangen an zu transpirieren und geben dabei Wasser ab. Dadurch entsteht ein Wasserzug: Die Pflanze will über die Wurzeln neues Wasser aufnehmen, was aber nicht funktionieren kann. Denn es gibt kein Wasser, da der Boden gefroren ist. Die Pflanzen vertrocknen dann eher als dass sie erfrieren. Austrocknender Wind ist für die Pflanze auch sehr schlimm.

WDR.de: Sollte man denn die Pflanzen bei den jetzigen Temperaturen gießen?

Lobin: Nein, denn das nutzt bei einem gefrorenen Boden nicht. Das Wasser vereist und die Pflanzen kommen sowieso nicht ans Wasser heran.

WDR.de: Welche Mechanismen haben Pflanzen entwickelt, um sich selbst vor Kälte zu schützen?

Lobin: Das ist ein ganz weites Feld. Einjährige Pflanzen beispielsweise überdauern im Samenstadium die kalte Jahreszeit. Andere schützen ihre Knospen und Vegetationspunkte durch Haare oder durch alte Blätter. Die Laubbäume werfen ihre Blätter ab, sodass sie nicht mehr transpirieren können. Pflanzen wie Tulpen überdauern mit unterirdischen Organen im Boden, beispielsweise Zwiebeln oder Knollen.

Das Gespräch führte Stefanie Hallberg.


Stand: 07.02.2012, 13.30 Uhr


Kommentare zum Thema (1)

letzter Kommentar: 08.02.2012, 10:07 Uhr

juggernaut schrieb am 08.02.2012, 10:07 Uhr:
Interessant.