Wie man Neujahrsreden hält: Hehre Worte zum neuen Jahr
Neues Jahr, alte Rede: Als 1987 Kanzler Kohls Fernsehansprache noch einmal gesendet wurde, merkte es kaum jemand. Kein Wunder: Wer mag schon hinhören, wenn sich hehre Worte um schlichte Ideen ranken. Ein Problem, auch für hiesige Bürgermeister. Was tun?
![Bildrechte: WDR/Schöne/Mauritius images/dapd[M]bhm Montage: Rednerpult vor einem Foto von Kalkar](/themen/politik/neujahrsreden108_v-TeaserAufmacher.jpg)
-
Bild 1 vergrößern
+
Bald wird es auch eine Neujahrsrede in Kalkar geben
Edith Münch hat 35 Neujahrsreden aus den Jahren 2008 und 2010 verglichen, die die Bürgermeister in Brüggen, Duisburg, Emmerich, Geldern, Goch, Kalkar, Kempen, Krefeld, Moers, Mönchengladbach, Neuss, Rheydt, Viersen und Wesel gehalten haben.
- Edith Münch
-
Die freiberufliche Linguistin Edith Münch (35) arbeitet unter anderem an Projekten mit, deren Ziel es ist, die Verwaltungssprache in Städten zu vereinfachen, damit der Bürger sie auch versteht. Über die Reden der Bürgermeister am Niederrhein hat Edith Münch ein Buch mit dem Titel "Wissen und raumbezogene Identitäten" veröffentlicht. Es basiert auf den Ergebnissen ihrer Magisterarbeit an der Universität in Bonn. Ihre Auswertung der Reden war auf den Niederrhein beschränkt, weil angedacht ist, die Ergebnisse mit einer ähnlichen Studie aus den angrenzenden Niederlanden zu vergleichen.
WDR.de: Sie haben 35 Neujahrsreden durchgearbeitet. Ist das nicht ermüdend, weil letzten Endes vielleicht alles ähnlich klingt?
Edith Münch: Keineswegs. Nur wenn man keinen Bezug zu etwas hat, ermüdet es. Das kann sogar bei einem Liebesbrief der Fall sein. Für mich waren die Reden spannend, weil ich ein Ziel hatte: Die Gemeinsamkeiten darin herauszufiltern.
WDR.de: Auf welche Gemeinsamkeiten sind Sie gestoßen?
Münch: Die Bürgermeister wollen das Wir-Gefühl stärken. Dabei fallen immer wieder Schlüsselbegriffe wie "unsere Stadt", "wir" und "gemeinsam". Die Menschen sollen sich mit ihrer Stadt verbunden fühlen, damit sie sich einbringen. Und wenn sich die Bürgermeister zum Beispiel für das soziale Engagement in Kindergärten oder Altenheimen bedanken, wissen die Ehrenamtlichen, dass das, was sie machen, wahrgenommen wird. Diese Verbundenheit und, was etwas sperrig klingt, Identität, hat der Bürgermeister von Geldern, Ulrich Janssen, so ausgedrückt: "Eine Kommune ist nicht bloß ein Wirtschaftsstandort. Eine Kommune ist eine Gemeinschaft, in der das Miteinander zählt".
WDR.de: Warum werden häufig Metaphern in Neujahrsreden benutzt? Diese bildhaften Vergleiche wirken doch schon mal abgegriffen.
Münch: Metaphern sind sehr beliebt, weil schwer fassbar Inhalte verständlicher gesagt werden können. Außerdem können sie starke Gefühle hervorrufen. Gerne benutzt werden zum Beispiel Bilder, die etwas mit Reise und Aufbruch zu tun haben: "500 Lokomotiven, das verspricht jede Menge Dampf und eine Menge Bewegung". Soll heißen: Wenn sich viele Menschen etwa an einem Schulprojekt beteiligen, werden sie etwas verändern.
WDR.de: Welche Problemthemen tauchen in allen Reden auf?
Münch: Zum Beispiel die Aspekte Verbesserung der Lebensqualität, die demografische Entwicklung und die damit verbundenen Herausforderungen wie altersgerechtes Wohnen. Immer kommen auch die Wirtschaftskrise, Investitionen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze vor.
WDR.de: Was für Anstöße können Sie nach Ihrer Analyse der Neujahrsansprachen den Städten am Niederrhein geben?
Münch: Da in den Reden auch konkrete Zukunftsziele formuliert werden wie Schulden abbauen, die Infrastruktur verbessern oder mehr Kita-Plätze schaffen, wäre es sinnvoll, sich mehr auszutauschen, damit nicht jede Stadt dieselben Fehler macht. Was bisher gemacht wird, reicht nicht. Ein gutes Beispiel ist die Gründung der Rheinischen Hanse: Die Städte Emmerich, Kalkar, Wesel und Neuss arbeiten wirtschaftlich eng zusammen. Gemeinsam haben sie nach außen hin eine größere Präsenz aufgebaut. Davon profitieren die Unternehmen. Aber auch andere Städte könnten, wären sie besser vernetzt, besser auf sich aufmerksam machen. Optimal wäre, wenn sie ihr gesamtes Wissen und ihre Erfahrungen in einer Datensammlung zusammenfassen würden und alle beteiligten Städte dann darauf zugreifen könnten.
Die Fragen stellt Lisa von Prondzinski.
Stand: 30.12.2012, 06.00 Uhr
Seite teilen
Über Soziale Medien