Musikerambulanz in Düsseldorf eröffnet: Wenn Musik zur Qual wird
Ein Oboist leidet an erhöhtem Augeninnendruck, der Posaunist an Muskelkrämpfen am Mund, eine Geigerin bricht sich das Handgelenk - Verletzungen und Unfälle bedrohen Berufsmusiker in ihrer Existenz. In einer Ambulanz wird ihnen nun geholfen.

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Geigerin Regine Florack bangte um ihr Handgelenk
Der Sturz auf dem Eis brachte ihr Leben durcheinander. "Ich lief zum nächsten Haus, das ich sah, holte Hilfe. Mir war klar, etwas Schlimmes ist passiert", sagt Regine Florack. Vielleicht das Schlimmste, was einer Musikerin geschehen kann: Florack, 55 Jahre alt, Geigerin bei den Niederrheinischen Sinfonikern am Theater Krefeld-Mönchengladbach, hat sich bei einem Winterspaziergang vor knapp zwei Jahren das Handgelenk gebrochen. Der erste Orthopäde sagt ihr, sie würde vielleicht nie mehr die volle Beweglichkeit zurück erlangen. Ein Schock für die Berufsmusikerin, die mit der Geige ihr Geld verdient. "Meine Fantasien gingen bis zu Hartz 4. Meine Tätigkeit ist so hochspezialisiert, auf was soll ich umlernen mit Mitte 50?"
Goertz: 70 Prozent der Berufsmusiker leiden unter gesundheitlichen Problemen

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"Musiker leiden durch das, was sie am meisten lieben, ihr Instrument"
Für Musiker wie Regine Florack öffnete in dieser Woche die Musikerambulanz am Uniklinikum Düsseldorf. Am Donnerstag (26.01.11) wurde sie offiziell vorgestellt. Laut Koordinator Wolfram Goertz, Musikjournalist und Mediziner, ist es die erste ihrer Art an einer Uniklinik. Ähnliche Ambulanzen werden nur an den Musikhochschulen betrieben. Der Bedarf sei riesig, bestimmte Beschwerden bei Musikern stark verbreitet. Oboisten leiden zum Beispiel oft an erhöhtem Augeninnendruck, weil sie stark in die kleine Öffnung blasen müssen. Blasmusiker und Sänger erleiden Muskelkrämpfe oder Entzündungen am Mund. Cellisten umschlingen ihr Instrument mit den Armen und spielen vorwärts gebeugt; Querflötisten drehen den Kopf und ziehen die linke Schulter hoch; Violinisten spielen stets mit erhobenen Armen – all diese an sich unnatürlichen Körperhaltungen können zu schmerzhaften Schulter-, Arm- und Rückenbeschwerden führen.
Hörschäden und Tinnitus sind überhaupt weit verbreitet: Wer jahrelang mit Pauken und Trompeten den Orchestergraben teilt, muss regelmäßig Lautstärken wie beim Starten eines Flugzeugs ertragen. Auch die Fokale Dystonie, der sogenannte Musikerkrampf, quält viele Instrumentalisten: Ausgelöst von einer Fehlsteuerung im Gehirn, gehorchen manche Muskelgruppen nicht mehr, oft die Finger. Goertz erklärt: "70 Prozent aller Berufsmusiker leiden arbeitsbedingt irgendwann in ihrem Leben unter gesundheitlichen Problemen." Über Entspannungspausen können sie kaum selbst entscheiden: Strauß' Rosenkavalier hat eine Aufführungsdauer von vier Stunden und zehn Minuten, Mozarts Oper Idomeneo von etwa dreieinhalb Stunden. Der Leidensdruck sei deshalb besonders hoch: "Musiker leiden durch das, was sie am meisten lieben, die Musik und ihr Instrument."
Musiker werden am Instrument untersucht

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Wolfram Goertz kennt die Fachärzte am Uniklinikum
Betroffene Musiker können sich nun bei Wolfram Goertz und seiner Kollegin Dr. Sabine Kämpf per Email melden, in der sie auch ihr Krankheitsbild schildern. Die beiden Mediziner schalten die betreffenden Fachärzte ein. Musiker hätten oft sehr spezielle Störungen, oft sei nicht klar, welcher Facharzt zuständig ist, Orthopäden, Neurologen oder Chirurgen? "Wir können mit geballter Kraft alle Experten heranziehen. Auf normalem Wege brauchen Sie dafür vier Wochen", sagt Goertz. In die Ambulanz kommen die Musiker mit ihren Instrumenten, denn Bewegungsabläufe und Haltung müssen mit untersucht werden. "Unsere Räume befinden sich im zehnten Stock der Klinik neben Aufzügen und Treppenhaus, da stören wir keine anderen Patienten", sagt Goertz.
Musiker-Patienten üben diszipliniert - auch in der Rehabilitation

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Musiker-Patienten sind anspruchsvoll, aber motiviert
Wolfram Goertz, der die Ambulanz seit 2011 langsam aufbaut, vermittelte auch Regine Florack an einen Arzt, der sich mit Musikern auskennt. Prof. Dr. Michael Schädel-Höpfner ist Unfallchirurg, Orthopäde und Handchirurg und spielte früher selbst Klavier. "Wir untersuchen die Musiker direkt am Instrument: Welche Bewegungen werden ausgeführt und wie lange? Welche Haltung müssen sie wieder einnehmen können?" Der 48-jährige Arzt setzte Regine Florack kurz nach dem Unfall vorübergehend eine Titanplatte auf den Knochen der Speiche. Statt sechs Wochen Komplettgips trug sie nur zwei Wochen eine Gipsschiene, danach einen Verband. Der Vorteil: Der Knochen verheilt nicht in einer möglichen Fehlstellung und die Physiotherapie beginnt frühzeitig. So verkleben die Sehnen und Bänder nicht und die Muskeln kommen schnell wieder in Bewegung. Das ist essentiell für eine Geigerin: Sie muss die linke Hand mit der Innenfläche nach außen drehen und bis zu 90 Grad in Richtung Unterarm bewegen, um die Saiten zu greifen. Einem normalen Berufstätigen reichen 70 Grad, Florack ist auf eine höhere Biegsamkeit angewiesen.
"Zwei Tage nach meiner Rückkehr aus dem Krankenhaus, habe ich die Geige zum ersten Mal nach dem Unfall angesetzt", erklärt sie. Ein halbes Jahr später, nach einer Reha-Kur, kann sie wieder eine halbe Stunde am Stück spielen. Schädel-Höpfner beschreibt die Musik-Patienten zwar als anspruchsvoll, aber extrem motiviert: "Musiker sind daran gewöhnt, lange und diszipliniert zu üben und das tun sie auch im Falle einer Rehabilitation." Viele könnten nach Beschwerden oder Unfällen wieder ihre maximale Leistungsfähigkeit erreichen, so der Chirurg.
Spikes für den nächsten Winter
Nach eineinhalb Jahren Ausnahmezustand fühlt sich Regine Florack - mittlerweile ist alles komplett verheilt und auch die Titanplatte entfernt - mit ihrer Geige leistungsfähig wie nie. "Ich habe mir kleine Schludrigkeiten, die sich in den langen Berufsjahren eingeschlichen haben, gar nicht erst wieder antrainiert", sagt sie. Zu Hause liegen nun Spikes, die man den Schuhen überzieht. Und bei Wolfram Goertz hat sich die nächste Patientin gemeldet, eine Pianistin aus Münster, die unter Hörproblemen leidet. "Das könnte ein Fall für den HNO-Arzt sein, oder den Neurologen."
Stand: 28.01.2012, 13.12 Uhr
Kommentare zum Thema (2)
letzter Kommentar: 29.01.2012, 12:17 Uhr
- Klaus Bärbel schrieb am 29.01.2012, 12:17 Uhr:
- Wann kommen die Berichte über Maurer, Dachdecker und Straßenbauer ?
- Irmgard schrieb am 29.01.2012, 11:08 Uhr:
- Sehr spannendes Thema, und spannend zu lesen!
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