Vernachlässigte Nachrichtenthemen Mächtige Unternehmen, Redaktionen ohne Geld

Es gibt Nachrichten, die wichtig sind - und es dennoch nicht in die Medien schaffen. Die Dortmunder "Initiative Nachrichtenaufklärung" hat am Freitag (12.07.2013) die Top 10 der vernachlässigten Themen vorgestellt. Warum wir über vieles erst gar nicht informiert werden, erklärt Jurymitglied Christian Schicha.


Mann mit Schutzweste und Aufschrift Presse
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Viele Kriege schaffen es kaum in unsere Schlagzeilen

Den Blick auf vernachlässigte Themen und Nachrichten richten und sie stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen - das hat sich die "Initiative Nachrichtenaufklärung" (INA) seit ihrer Gründung 1997 zur Aufgabe gemacht. Sie hat ihren Sitz am Institut für Journalistik der Universität Dortmund. Jedes Jahr wählt eine Jury die Top 10 der wichtigen Nachrichten, die im klassischen Mainstream-Journalismus keine Berücksichtigung fanden. Christian Schicha, INA- und Jury-Mitglied, lehrt Medien- und Kommunikationsmanagement an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf.

WDR.de: Wie und warum passiert es, dass eine wichtige, gesellschaftlich relevante Nachricht von den Medien ignoriert wird?

Christian Schicha: Viele Themen sind einfach zu kompliziert und erfordern zu viel Hintergrundwissen, um sie kompakt so zu servieren, dass die Menschen sie verstehen. Der Klassiker sind vergessene Kriege: Wir erfahren relativ viel über Afghanistan, über wirtschaftlich relevante Länder - aber in der sogenannten Dritten Welt gibt es eine ganze Reihe von Kriegen, wo vielleicht dramatische Missstände herrschen und wir dennoch wenig drüber erfahren.

WDR.de: Wie sehr bestimmt dabei das Leser- oder Zuschauerinteresse die Inhalte der Nachrichten?


Christian Schicha
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INA-Jurymitglied Christian Schicha

Schicha: Medien stehen da natürlich grundsätzlich unter Druck, weil sie Geld verdienen müssen mit dem, was sie anbieten. Leichte Themen, Klatsch und Prominente interessieren viele Menschen, dafür geben viele auch Geld aus, kaufen sich vielleicht eine Boulevardzeitung. Bei vielen Verbraucherthemen - wenn Verbraucher unter neuen technischen Entwicklungen oder unter Medikamenten leiden - ist es aber auch Aufgabe des Journalismus, auf solche Defizite hinzuweisen. Aber auch hier gibt es Interessen: Man hat es oft mit großen Firmen oder Konzernen zu tun, die mächtige Rechtsabteilungen haben, mit denen es manche Redaktion nicht aufnehmen will. Oder ein Print-Organ beispielsweise berichtet nicht kritisch über einen Discounter, weil der jede Woche Anzeigen im betreffenden Blatt schaltet. So reduziert sich die Auswahl der Themen, über die berichtet wird.

WDR.de: Von Energiekonzernen zum Beispiel weiß man, dass sich bei ihrer Lobbyarbeit oft auch Medienvertreter im Blick haben. Wie groß ist der Einfluss von Wirtschaftsunternehmen auf die Inhalte von Nachrichten?

Schicha: Der Einfluss ist sehr groß. Das hängt auch damit zusammen, dass die strukturellen Rahmenbedingungen, unter denen Journalisten arbeiten, immer schlechter werden: Sie werden immer schlechter bezahlt, der Zeitungsmarkt befindet sich in einer dramatischen Krise, Werbeeinnahmen brechen weg. Dadurch steigt natürlich die Möglichkeit von Wirtschaftsunternehmen, über Pressemitteilungen Nachrichten zu lancieren. Wenn kein Geld zur Verfügung steht, diese Pressemitteilung kritisch nachzurecherchieren, dann besteht die Gefahr, dass solche Meldungen eins zu eins übernommen werden. Und das führt dazu, dass man dann PR in den Zeitungen als journalistischen Beitrag wiederfindet.

WDR.de: Das Internet hat den (Zeit-)Druck der Berichterstattung stark erhöht: Nachrichten müssen sofort und schnell veröffentlicht werden. Trägt das auch dazu bei, dass wichtige Nachrichten untergehen können?  


Journalist mit Filmkamera
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Blick auch auf die Randthemen

Schicha: Das Internet ist eine große Lügenmaschine, wo jeder alles reinschreiben kann. Das Monopol des Journalismus ist ja spätestens durch das Internet abhandengekommen: Jeder kann bloggen, Dinge bei Youtube oder Facebook reinstellen und sich wie auch immer artikulieren. Dadurch nimmt die Beschleunigung rapide zu. Und die Recherche kann leiden, wenn diese Meldungen im Netz nicht geprüft werden. Ich würde immer für den Aspekt "Gründlichkeit vor Schnelligkeit" plädieren. Was nützt einem die tollste Meldung, wenn sie rasant auf dem Markt ist, sich hinterher aber als falsch entpuppt? Da ist gerade der Journalismus gefordert, der ja die Aufgabe hat, einzuordnen.

WDR.de: Welchen Einfluss können die sozialen Netzwerke darauf haben, ob ein relevantes Thema von den Medien gebührend berücksichtigt wird?

Schicha: Gerade Selbsthilfegruppen organisieren sich ja sehr stark über soziale Netzwerke. Darüber können ja auch Kontrollmechanismen greifen. Insofern würde ich das sehr positiv sehen. Das Problem ist nur, dass jeder alles permanent publizieren kann und dass die Instanzen, die die Überprüfung vornehmen, häufig nicht mehr zum Zuge kommen. Das hängt aber auch mit der Masse der Angebote zusammen.

WDR.de: Als Initiative Nachrichtenaufklärung haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, untergegangene Themen aufzugreifen und bekannt zu machen. Gelingt Ihnen das?


Journalisten mit Mikrophonen und Kameras
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Heute kann jeder (im Internet) publizieren

Schicha: Man muss fairerweise sagen, dass wir nur symbolische Arbeit leisten können. Wir starten - auch über unsere Homepage - öffentliche Aufrufe, bei denen die Öffentlichkeit gebeten wird, vernachlässigte Themen und Meldungen zu benennen. Dann werden diese Themen auf Stichhaltigkeit und Relevanz geprüft. Und einmal im Jahr trifft sich die Jury mit einer Themenliste, auf der in diesem Jahr 28 Themen stehen. Dann diskutieren wir diese Themen anhand der Kriterien und kommen somit zu der Top 10. Natürlich können da dann nicht alle Themen berücksichtigt werden, die es verdient hätten.

Das Interview führte Nina Magoley.


Stand: 12.07.2013, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (9)

letzter Kommentar: 13.07.2013, 00.15 Uhr

LiFe schrieb am 13.07.2013, 00.15 Uhr:
@ Hermann M. Es ist so, man bekommt so viel Ungereimtheiten mit, kann darüber nicht reden, es müssen es aber viele wissen, nur wird darüber geschwiegen, und so geht es weiter und weiter, bis irgendwann der perfekte Skandal ans Tageslicht kommt. Ach je, ich hab' solch skurrile Geschichten wie oft erlebt. Es sind immer Interessen, die dahinter stecken. Wenn zur Belohnung auch eine Ehrung in Form von....mit Foto in der Presse herausspringt ist doch fein? Aber es stimmt, wie sie es beschrieben haben. Mir sagte einmal jemand: Siegen durch verlieren.
Hermann M. schrieb am 12.07.2013, 21.00 Uhr:
Ein Blick auf die TOP 10 der vernachlässigten Themen lohnt wirklich! Auf Rang 1 befindet sich ein wirklich handfester Skandal, bei dem es mich - offen gestanden - schon lange wundert, warum über ihn nicht in der Öffentlichkeit berichtet wird: Die Zuweisung von Geldbußen durch Gerichte und Staatsanwaltschaften an - z. B. - gemeinnützige Organisationen. Da ist dem Eigennutz wirklich Tür und Tor geöffnet. Riesige Beträge gehen auf diese Weise nicht an die Staatskasse, sondern an den Fußballclub, bei dem man selbst im Vorstand sitzt, an den Tennisverein der Gattin, die Musikschule der ältesten Tochter oder den Förderverein genau des Kindergartens, den die lieben Kleinen gerade besuchen. Und das sind nur einige wenige Beispiele.
Anonym schrieb am 12.07.2013, 17.41 Uhr:
@WDR.de, wenn meine Vorwürfe unhaltbar sind, bitte ich Sie um eine Erläuterung, wieso der Skandal um die Äußerungen des Daniel Cohn-Bendit nur kurz Erwähnung bei Ihnen fand, weil Voßkuhle eine Rede platzen ließ. Dass jemand mit einem rennomierten Preis ausgezeichnet wird, der unsägliches in einem Buch veröffentlcht hat, wurde nicht wirklich thematisiert. Ich darf daran erinnern, wie intensiv Sie über die Kneipengespräche des Rainer Brüderle berichtet haben. Da stimmt doch auch bei Ihnen etwas nicht. Vielleicht hinterfragen Sie mal Ihre Motivation, oftmals einseitig zu berichten.
Rohan schrieb am 12.07.2013, 16.11 Uhr:
Immer wieder dieser unausrottbare Unsinn, den WDR als Rotfunk darzustellen. Wenns bei den Rechten mal wieder hakt, und das tut es ständig, war bestimmt wieder eine linke Verschwörung schuld. Der WDR verneigt sich auch nicht vor den Konzernen. Der WDR berichtet ausgewogen, d.h. er vermeidet alle heißen Themen. Ich bin froh, dass wir von der FDP seit Wochen nichts gehört haben. Auf der anderen Seite ist leider von De Maziere und seinem Euro-Hawks nichts Kommentierbares zu lesen gewesen. Mir ist der WDR zu kuschelig.
Volkmann schrieb am 12.07.2013, 12.49 Uhr:
Die Medien und die Informations-Industrie wähnen sich als die 4. Macht im Staate - sind aber im günstigen Fall höchstens da 5. Rad am Wagen. Im übrigen sind die Informationen - selbst wenn wahr, wirklich und objektiv - letztlich 2-dimensional. Es fehlen also noch echte konkrete Raum und Zeit-Erfahrung und selbst diese sind subjektiv gefiltert. Will sagen die Medien als Kommunikationsmittel sind manchmal nicht mehr oder weniger (als Religionen) Glaubens-Sache und übertragen mitunter real ebenso viel wie personale Medien in Séancen. Es gibt kein/e "Reality TV" und "Wahrheits-News" und umso mehr versucht wird dies vorzugaukeln umso größer ist die Lüge (nicht im moralischen sondern im physikalischen Sinne).

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