Streit um Forensik-Standorte: Dies- oder jenseits der Autobahn
Zwei Bürgerinitiativen in Lünen und Dortmund haben das gleiche Ziel: Die neue forensische Klinik soll bei den Nachbarn gebaut werden, nicht bei ihnen. Am Montagabend (04.02.2013) kam die Ministerin nach Dortmund. Hintergründe zu einer absurden Situation.

-
Bild 1 vergrößern
+
NRW-Gesundheitsministerium: Lünen als am besten geeignet für eine Klinik
"Mein Gott, das auch noch" - das war der erste Gedanke, der Dirk Hartmann, durch den Kopf ging, als er erfuhr, dass auch Lünen zu den fünf ausgewählten Städten gehören soll, in denen eine Maßregelvollzugsklinik für Straftäter gebaut wird. Das war im Oktober. Damals ging NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) mit ihren Plänen an die Öffentlichkeit: Unter anderem hatte sich das Ministerium in Lünen die ehemalige Zechenanlage Victoria I/II ausgeschaut.
Was folgte waren eine Reihe von Bürgerversammlungen mit und ohne Ministerin, die Gründung der Bürgerinitiative "Lünen ohne Forensik", fast tägliche Lagebesprechungen, das Wälzen von Gesetzestexten, die Beauftragung von Gutachten und Gespräche mit Behördenleitern, Politikern, Anwohnern und Experten für Wasser- und Umweltrecht.
"Lünen hat zu wenig positive Standort-Faktoren"

-
Hartmann: "Ängste sind mir egal"
"Ängste sind mir egal", sagt Dirk Hartmann, der zum Vorstand der Bürgerinitiative gehört. Seine Argumentation hat nichts mit Sorgen um vermeintliche Kinderschänder auf Freigang zu tun. Dem 49-jährigen Diplom-Kaufmann geht es um etwas anderes: "Lünen hat zu wenig positive Standort-Faktoren, um die negativen Auswirkungen zu verkraften." Im Vergleich mit den Nachbarstädten habe Lünen keinen Bundesliga-Verein, keine berühmten Krankenhäuser, kein großes Einkaufszentrum und nicht mal eine Fachhochschule. Hartmann empfindet es als unfair, dass nicht eine andere Stadt ausgewählt wurde.
Die nächste Bürgerinitiative ist keine fünf Kilometer Luftlinie entfernt
So geht es vielen Menschen im Land. An den anderen anvisierten Standorten - in Wuppertal, Hörstl, Reichshof und Haltern - gibt es ebenfalls Bürgerproteste, über die der WDR immer wieder berichtete. Das Besondere in Lünen: Hier ist die nächste Protestgruppe keine fünf Kilometer Luftlinie von Dirk Hartmann entfernt und liegt an der Stadtgrenze in Dortmund-Lanstrop. Arbeitsgemeinschaft "Keine Forensik in Erlensundern", nennt sie sich. Denn Erlensundern ist zwar noch in Lünen, aber jenseits der Autobahn.
"Da sind so viele Schlipsträger"

-
Ehepaar Lüning: Bangen um Ackerfläche
Das Feldstück stand zunächst nicht auf der Liste der Ministerin. Meinolf und Silvia Lüning sind die Pächter. Sie bauen in Erlensundern Getreide als Futter für ihre Tiere an. "Wir haben beim Eierverkauf erfahren, dass das Feld im Gespräch ist", berichtet die Landwirtin. In den Hofladen kamen Kunden, die von geparkten Autos mit Düsseldorfer Kennzeichen berichteten. "Da seien so viele Schlipsträger", erinnert sich ihr Mann. Das Ehepaar schaute sich rasch den Mietvertrag mit den Lünener Stadtwerken an: jederzeit kündbar! "Das sind zehn Prozent unserer bewirtschafteten Fläche", seufzt Silvia Lüning. "Wenn wir das Futter kaufen müssten, wird es teuer."
"Ängste interessieren vor Gericht niemanden"
Was folgte ist wie ein Déjà-vu: Gründung einer Arbeitsgemeinschaft, Sammlung von Unterschriften, Kontakt mit Naturschutzverbänden, Anwohnern, Politikern. Auch hier spricht niemand von Angst vor Straftätern. "Wir brauchen Sachfakten und keine Emotionen", sagt AG-Sprecher Matthias Hüppe. "Ängste interessieren vor Gericht niemanden." Er kann nicht verstehen, warum ein Naturschutzgebiet bebaut werden sollte, wenn es doch in Lünen ein einstiges Zechengelände gibt.
Bei Prozessen gewann immer das Ministerium
Aber wie kam das Feldstück überhaupt auf die Prüfliste des Ministeriums? Durch einen anonymen Hinweis. Die Bürgerinitiative in Lünen hatte sich zunächst vorgenommen, gegen den Bau einer Forensik zu klagen. "Wir haben uns schlaugemacht", sagt Hartmann. Klagen sei nur wenig erfolgsversprechend, schließlich hätte das Ministerium bis jetzt immer gewonnen.
Das Maßregelvollzugsgesetz sei sehr mächtig. "Steffens kann quasi selbst entscheiden", sagt Hartmann. Deswegen wollte die Initiative noch einen weiteren Standort ins Gespräch bringen und schlug ein Gelände in Hamm vor. Dann sei Erlensundern in die Diskussion gekommen und viele Mitglieder hätten dafür votiert, sich für das Feldstück starkzumachen.
"Wir haben den Streit nicht angefangen"

-
Bild 2 vergrößern
+
Matthias Hüppe (li.) und Meinolf Schwering
"So geht man doch nicht mit Nachbarn um", ärgert sich Matthias Hüppe auf der anderen Seite der Autobahn. Persönlichen Kontakt hatten Bürgerinitiative und Arbeitsgemeinschaft noch nicht - dabei sind Hartmann und Hüppe beides vernünftige Männer, die nur das Beste für ihren Ort wollen. Erinnert das nicht an das Sankt-Florians-Prinzip? "Wir haben den Streit auch nicht angefangen", so Hüppe. Jetzt prüft das Ministerium den Standort - wenn er genauso gut oder besser als die Zeche Viktoria ist, dann ist er im Rennen. Hüppe hofft darauf, dass Erlensundern keine guten Noten bekommt, weil zum Beispiel Zufahrtsstraßen fehlen. Niemand kann sagen, was das dann bedeutet. Entscheidet dann Barbara Steffens in Düsseldorf oder die Bürger in Lünen?
Am Montagabend (04.02.2013) kam die Ministerin zu einer Bürgerversammlung nach Dortmund und betonte dabei, wie dringend man neue Plätze im nordrhein-westfälischen Maßregelvollzug brauche. Uwe Dönisch-Seidel, Landesbeauftragter für den Maßregelvollzug, berichtete, dass forensische Kliniken keine vermehrten Straftaten an ihrem Standort zur Folge hätten. Viel Verständnis ernteten sie nicht für ihre Aussagen.
Stichworte
- Maßregelvollzugspatienten
-
Bei Maßregelvollzugspatienten handelt es sich um Straftäter, die aufgrund ihrer Erkrankung das Unrecht der Straftat nicht oder nur bedingt erkennen konnten. Daher sind diese nicht oder nur vermindert schuldfähig. Die Einweisung der Patienten erfolgt durch Landgerichte.
- Sankt-Florians-Prinzip
-
Ob es um Fluglärm, Atommüllendlager oder andere Eingriffe in das eigene Wohnumfeld geht: Zur rhetorischen Grundausstattung im Streit um Ansiedlungen zählt der Vorwurf, der Gegner handele nach dem Sankt-Florians-Prinzip. Florian, im Jahr 304 in Oberösterreich wegen seines christlichen Bekenntnisses ermordet und später heiliggesprochen, gilt als Patron gegen Dürre und Feuergefahr. Wem der ironische Stoßseufzer zuerst entglitt, ist umstritten, jedenfalls gilt als Leitsatz des Sankt-Florians-Prinzips: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andre an!"
Stand: 05.02.2013, 08.30 Uhr
Kommentare zum Thema (13)
letzter Kommentar: 06.02.2013, 15:45 Uhr
- blumensnert schrieb am 06.02.2013, 15:45 Uhr:
- @ Ex-Kamener ! Ja ne is´ klar. Das Hauptargument gegen "Victoria I/II" ist dass gerade eine Forensik sämtliche "guten" Entwicklungsoptionen erheblichs tören würde. Die Flcähe als Innensatdfläche ist zu wertvoll um diese mit einer Forensik zuzubauen. Übrigens kann die Stadt diese nicht "vermarkten" da sie ihr gar nicht gehört und bisher alle Optionen der RAG zu aufwendig (teuer) waren. Tolle Einstellung: Die Stadt soll froh sein wenn irgendjemand diese Fläche überhaupt nutzt sorry, so geht´s gar nicht.
- Thomas schrieb am 06.02.2013, 06:30 Uhr:
- Irgendwie bezeichnend für den gesitigen Zustand dieser Gesellschaft: Forensik ja - aber bitte nicht bei mir. Asylbewerber ja - aber bitte bei den Nachbarn. Windräder: na klar! Aber nicht vor meiner Haustür! Steuern für Reiche rauf! Aber bitte .... Ich kann es nicht mehr hören !
- Wilder Heinrich schrieb am 05.02.2013, 16:43 Uhr:
- @Bürgernase: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Finger still halten. Wegen guter Führung kommt niemand aus einer Forensik frei. Zudem ist die Verweildauer von "PATIENTEN" einer Forensik in der Regel erheblich länger als im Strafvollzug. Entweichungen sind im Gegensatz zu Vollzugseinrichtungen äußerst selten. Das größte Risiko besteht darin, dass Patienten als geheilt oder nicht gefährlich entlassen werden und der Arzt sich geirrt hat. Ich bin verwundert, wie schnell all die Berufsbetroffenen und Gutmenschen ihre Masken fallen lassen, wenn es um eine Forensik vor der eigenen Haustüre geht. Da fallen alle Hemmungen. Ich stimme Betroffenheitstrommler voll und ganz zu: Ihr habt Euch diese Gesellschaft ausgesucht, also lebt mit den Folgen.
- Wolle schrieb am 04.02.2013, 16:28 Uhr:
- wie wäre es mit einer selbst verwalteten Forensik in der Wüste Gobi ? Ich persönlich habe kein Verständnis für die Forensik, da die Therapieerfolge gleich null sind. Kinderschänder wegschliessen für immer. Wenn ich sehe, das ein Kinderschänder ( in diesem Fall Kitabetreuer ) nicht mal 7 Jahre Knast bekommt zweifele ich an unserem Rechtssystem.
- Rhein-Ruhr schrieb am 04.02.2013, 15:45 Uhr:
- Was nun die Politiker und die sogenannten Besserverdienenden direkt oder indirekt damit zu tun haben, ist nicht so wirklich erkennbar. Es gibt aber bestimmt, wenn überhaupt, nur ganz wenige, die eine solche Einrichtung in ihrer unmittelbaren Nähe haben möchten, unabhängig von Beruf und Verdienst! Das wiederum ist nachvollziehbar! Es ist schon auffällig, daß inzwischen der Großteil dieser Straftäter als "krank" und von daher nur eingeschränkt schuldfähig oder sogar gänzlich schuldunfähig eingestuft wird, während zu früheren Zeiten diese Menschen schlicht und für lange Zeit bis ständig weggesperrt wurden. Viele sind einfach nicht therapierbar und es kann nicht sein, daß die Gesellschaft dann für die Kosten geradestehen soll, obwohl sie doch in den meisten Fällen Opfer ist. Vor diese, Täter,, die mit Sicherheit auch (!) sehr krank sind, muß die Gesellschaft geschützt werden. Und das geht nicht mit dieser Art "Kuschel"-Justiz. Das Problem muß besser zu gelöst werden.
Alle Kommentare zu "Streit um Forensik-Standorte:Dies- oder jenseits der Autobahn" anzeigen
Seite teilen
Über Soziale Medien