Neue Maßregelvollzugskliniken: Ein Dorf hat Angst
Fünf neue Maßregelvollzugskliniken für kranke Straftäter sollen gebaut werden. Eine davon für 150 Menschen in Hörstel-Dreierwalde. Die Einwohner des Dorfes am nördlichsten Zipfel von NRW sind erbost - der Bürgermeister sieht aber auch Chancen. Ein Ortsbesuch.

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Auf dem Nato-Flugplatz von Hörstel-Dreierwalde soll eine Maßregelvollzugsklinik entstehen
In dem 2.500 Einwohner-Dorf Dreierwalde gibt es derzeit kein Thema, das die Menschen mehr bewegt, als die geplante Klinik für psychisch kranke Straftäter. Die Unsicherheit ist groß. "Kinderschänder? Gewaltverbrecher? Brandstifter? Wir wissen doch noch gar nicht, was das für Menschen sind, die in die Klinik kommen“, meint Maria W. (alle Namen der Einwohner von der Redaktion geändert). Die Mittfünfzigerin schnappt sich vor dem Supermarkt in Dreierwalde einen Einkaufswagen und fügt hoffnungsvoll hinzu: "Vielleicht bekommen wir die ja auch nie zu Gesicht." Mit dieser Meinung ist sie nicht alleine. "Mir macht das Angst, große Angst", sagt auch Helga S.
Markus G. ist ebenfalls gegen das Projekt. "Dreierwalde ist ein beschaulicher Ort, hier spielen die Kinder noch auf der Straße, und das soll auch so bleiben." Doch dem jungen Mann geht es nicht nur um die Kinder. Er hat vor einigen Jahren in Dreierwalde für sich und seine Familie ein Haus gebaut. "Das wird, wenn die Maßregelvollzugsklinik erst einmal da ist, massiv an Wert verlieren. Das will doch dann niemand mehr haben."
Klinik soll auf ehemaligen Militärflugplatz

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Im beschaulichen Dreierwalde sollen 150 kranke Straftäter untergebracht werden
Das Dorf Dreierwalde, keine fünf Kilometer von der niedersächsischen Landesgrenze entfernt, ist ein kleiner Flecken auf der Landkarte. Viel ist hier nicht los. Es gibt eine Kirche aus dem 16. Jahrhundert, eine Mühle und einen Naturlehrpfad. Überregional bekannt wurde Dreierwalde durch seinen Nato-Flugplatz am Ortsrand. Hier starteten und landeten jahrzehntelang Militärmaschinen. 2006 wurde der Betrieb eingestellt.
Seitdem liegt das rund 300 Hektar große Gelände brach. Die Stadt Hörstel, zu der Dreierwalde gehört, hatte sich um eine Umnutzung bemüht, bislang allerdings vergeblich. Jetzt soll hier auf einer Teilfläche von etwa sechs Hektar eine Maßregelvollzugsklinik gebaut werden. "Für diesen Standort sprechen insbesondere die sofortige Verfügbarkeit, die Größe der Fläche und ihre Erschließung", so Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Vor einer Woche hatte sie bekannt gegeben, dass in Nordrhein-Westfalen fünf neue Maßregelvollzugskliniken gebaut würden. In Reichshof, Lünen, Haltern am See, Wuppertal-Barmen - und auch in Hörstel-Dreierwalde. Jeweils 150 Straftäter sollen untergebracht werden.
Standort-Nachteile befürchtet
Widerstand gegen den Plan der Landesregierung kündigt Landrat Thomas Kubendorff an. "Die Entscheidung für Dreierwalde ist eine erhebliche Belastung für die Region, da sollten wir uns nichts vormachen", meint der CDU-Politiker. Er bemühe sich gerade um einen Gesprächstermin mit Landesgesundheitsministerin Steffens. "Ich will mich persönlich davon überzeugen, dass bei der Standortauswahl alles ordnungsgemäß und korrekt gelaufen ist."
Maßregelvollzugsklinik als Chance?
Bürgermeister Heinz Hüppe (CDU) hat eine differenziertere Meinung. Ministerin Steffens hatte ihn vierzehn Stunden, bevor sie ihre Standort-Entscheidung öffentlich machte, angerufen: "Ich bin aus allen Wolken gefallen, als die Ministerin mir sagte, dass Dreierwalde einer von landesweit fünf Klinik-Standorten werden soll. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war richtig geschockt."

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Bürgermeister Heinz Hüppe
Inzwischen hat sich der Bürgermeister aber wieder gefasst. Er sieht jetzt sogar Chancen für das Dorf. "Wenn eine solche Klinik hierher kommt, dann erwarten wir vom Land Gegenleistungen. Wir wollen Unterstützung bei der Verwertung der übrigen brachliegenden Flächen", sagt Bürgermeister Hüppe. Er hatte schon einige Ideen, was aus dem Flugplatz werden könnte, ein Gewerbegebiet beispielsweise oder ein Solarpark. "Wir haben in den vergangenen Jahren schon einiges versucht. Aber nichts hat geklappt. Wir brauchen die Unterstützung von Bund und Land. Vielleicht kommt mit der Maßregelvollzugsklinik nun Bewegung in die Sache."
Ministerin kommt nach Dreierwalde
Viele Bewohner in Dreierwalde sind skeptisch, dass diese Rechnung des Bürgermeisters aufgehen könnte. "Hier wird sich doch sowieso kein Unternehmen mehr ansiedeln, wenn es eine Maßregelvollzugsklinik gibt", meint Markus G. "Erst mal hören, was die Ministerin sagt", entgegnet eine Dreierwalderin auf dem Weg in den Supermarkt. "Ich will mich erst einmal informieren, und dann mein Urteil fällen." Gelegenheit dazu gibt es am 22. November. Dann wird Landesgesundheitsminister Barbara Steffens nach Dreierwalde kommen und den Dorfbewohnern Rede und Antwort stehen.
Stand: 30.10.2012, 08.31 Uhr
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Kommentare zum Thema (33)
letzter Kommentar: 02.11.2012, 19:59 Uhr
- Günna schrieb am 02.11.2012, 19:59 Uhr:
- @ Ralf Peter, klar müssen wir den Opfern helfen und jede Straftat ist eine zuviel. Es gibt situatives Versagen, bei dem ein " ehrbarer " Bürger einmal straffällig wird. Vorher nie und später auch nie wieder. Da interessiert mich schon, wieso, weshalb, warum. Dem zu helfen ist unsere Pflicht, das könnte z.B. auch ihnen passieren und mir natürlich auch. Szenarien dazu kann ich mir genug vorstellen und habe dazu auch shcon ne Menge erlebt. So kann man schnell in die Fänge der Gesetze geraten und es muss nicht gleich Mord und Totschlag sein. Daher Vorsicht, wenn man meint, böse seien nur die anderen und man selbst stehe über allen Dingen. Selbstgefälligkeit ist übel, Bescheidenheit mein Favorit.
- Ralph Peter schrieb am 02.11.2012, 14:59 Uhr:
- Wir müssen den Opfern dieser Täter Helfen! NICHT den Tätern! @Günna: Jeder hat seinen Lebensweg selbst in der Hand. Ich halte überhaupt nichts davon Straftaten bzw. Straftäter mit einem "schief" gelaufenen Lebensweg oder "falschen" Freunden bzw. "harter" Kindheit oder ähnlichem zu entschuldigen. Jeder der Straffällig wird hat entsprechen gehandelt und zwar selbst. Das ist immer eine Sache der eigenen Entscheidung. Mehr muß uns nicht interessieren!
- Günna schrieb am 02.11.2012, 06:47 Uhr:
- ALLE die hier schreiben, sollten sich bewusst sein, dass sie über Menschen schreiben. Keiner von den Betroffenen befindet sich gerne in der Rolle, die er z.B. im Maßregelvollzug inne hat. Schauen wir mal in einen Kindergarten, dort sind heute die Maßregelvollzugspatienten von Morgen, die Wissenschaftler, Millionäre und die Gescheiterten. Alle sind fröhlich spielende Kinder mit tollen Ideen und Lebensplänen, voller Energie und Tatendrang. Das Leben wird sie formen und irgendwann laufen Wege falsch, man lernt falsche Leuteb kennen, die Weichen sind gestellt. Deshalb sollten wir nicht deen Stab über diese Menschen brechen, helfen wir ihnen, auch wenn es schwer fällt.
- mündiger Bürger schrieb am 31.10.2012, 18:50 Uhr:
- Was habt Ihr denn für Vorstellungen ? Freigänger bedeutet ja nicht, das jeden Tag Viele von den in der Forensik untergebrachten draußen rumlaufen. Das sind gelegentliche Lockerungen und die betreffen ganz wenige nach expleziten Prüfungen und das auch nicht täglich. Da sind im offenen Strafvollzug täglich wesentlich mehr "verurteilte Straftäter" draußen unterwegs. Und da Dreierwalde ja so beschaulich ist und nichts zu bieten hat, wie der Artikel suggeriert, werden diese Ausgänge sicherlich in die angrenzenden Städte wie Rheine, Ibbenbüren oder auch Spelle führen, denn sie sollen ja auch einem besonderen Zweck dienen, nämlich unter Menschen zu kommen und sich nicht nur eine alte Kirche anzusehen. Angst muß niemand haben, Angst kann man sich aber durch Unwissenheit machen.
- Penalty schrieb am 31.10.2012, 17:35 Uhr:
- @Klare Linie und andere: so sieht es aus. Therapieanfang nach frühstens 2/3, vorzeitige Entlasung bei bestimmten Straftaten ausgeschlossen. Bei erneuter, gleichartiger Straftat automatische Erhöhung der Strafe um mindestens 1/3 und vor allem Abschaffung der lächerlichen 15 Jahre Höchstgrenze bei zeitiger Freiheitstrafe. In England steht z. B. ein Mörder nach der Entlassung meist lebenslang unter Bewährung, Irland sieht für besonders verwehrfliche Taten neben der lebenslangen auch eine zeitige Strafe bis zu 40 Jahren vor,etc etc. Nur Deutschland ist das El Dorado in EU für Kriminelle jeder Art und streichelt jedem noch den Kopf, der so ein armes Leben führt, dass er Straftaten begehen muss. Vergewaltigung oder mal eben einen Familienvater ins Koma geprügelt: nicht schlimm, der Täter braucht Hilfe. Trifft ja auch in der Regel keinen Angehörigen von Politikern oder Richtern
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