Reaktionen auf Forensik-Entscheidung: Wut, Betroffenheit und Sankt Florian
Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) hat sich in dieser Woche für fünf neue Forensik-Standorte in NRW entschieden. Jetzt formiert sich in den Kommunen der Widerstand, dass es gerade sie getroffen hat.

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Schreckgespenst vieler Bürgermeister: Eine Klinik für kranke Kriminelle in ihrer Stadt
Die geplanten fünf forensischen Kliniken für psychisch kranke Straftäter in Nordrhein-Westfalen sorgen in den betroffenen Kommunen für heftige Diskussionen und Widerstand. Das Vorgehen von Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) steht in der Kritik. Am Dienstag (23.10.2012) hatte die Landesregierung mitgeteilt, dass in Haltern am See, Hörstel, Lünen, Reichshof und Wuppertal neue Maßregelvollzugshäuser entstehen sollen.
Für Fragen aus der Bevölkerung hatte die Landesregierung eine kostenlose Hotline geschaltet. Diese ist unter 0800/137 7137 montags bis freitags von acht bis 18 Uhr erreichbar. Seit Dienstag habe man "so etwa 120 Anrufe" von Bürgern erhalten, sagte ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums. Die ganz große Protestwelle sei das bislang nicht. Es gebe aber viele Fragen, die das Land auch in einer Broschüre beantworte.
Bürger "entsetzt und sauer"
In Haltern am See herrscht Überraschung und Enttäuschung. "Die Leute sind größtenteils entsetzt und sauer", sagt Bürgermeister Bodo Klimpel (CDU). Steffens habe ihm die Entscheidung am Montagabend (22.10.2012) in einem halbstündigen Telefonat erläutert. Der Beschluss der Ministerin sei "nicht transparent", kritisiert Klimpel. Man habe dem Land schriftlich mitgeteilt, dass Haltern keine geeigneten Flächen für eine Forensik ausweisen könne. Dass nun ein vom Bergbau beeinträchtigtes Stadtgebiet ausgewählt wurde, sei "nicht sachgerecht". Haltern am See will sich als Naherholungsgebiet für Touristen profilieren. Eine Forensik passt der Kommune auch deshalb nicht.
Rechtliche Schritte prüft neben Haltern am See auch die von Steffens ausgewählte Gemeinde Reichshof im Oberbergischen Kreis. Viele Menschen seien "wütend und schockiert", sagt Bürgermeister Rüdiger Gennies (CDU). In der Bevölkerung gebe es Sorgen um die Sicherheit in der Kommune. Deshalb gebe es erste Gespräche zur Bildung einer Bürgerinitiative. Laut Lokalpresse schließen sich auch in Wuppertal und Lünen wütende Bürger zusammen.
"Warum Hörstel?"
Rathauschef Gennies rügt das Vorgehen des Landes. In Reichshof sei vom Steffens-Ministerium die Forensik in einem früheren Munitionsdepot der Bundeswehr vorgesehen. Für dieses Objekt habe man aber man "sehr interessante und sinnvollere" Möglichkeiten zur Nachnutzung.
Die münsterländischen Kleinstadt Hörstel reagiert zurückhaltender. Man sei "sehr betroffen". Bislang gehe die Stimmung aber auch nicht dahin, dass "wir uns mit aller Gewalt dagegen wehren", sagt Bürgermeister Heinz Hüppe (CDU). "Ich war erst mal überrascht, als mich Frau Steffens anrief." Hüppe weiter: "'Warum Hörstel?', habe ich mich gefragt". Den vom Land als Standort geplanten ehemaligen NATO-Flugplatz halte er jedenfalls für ungeeignet. Lokalpolitiker und Bürger wollten wissen, warum ausgerechnet Hörstel genommen wurde.
750 zusätzliche Klinikplätze benötigt
Die fünf neuen Kliniken sind nötig geworden, weil die Zahl der Maßregelvollzugspatienten steigt. Nötig sind laut Steffens "bis 2020 rund 750 zusätzliche Klinikplätze". Im September 2011 hatte die Ministerin insgesamt 125 Kommunen aufgefordert, mögliche Standorte für eine forensische Klinik zu nennen. Nur sechs Kommunen meldeten potenzielle Grundstücke an das Ministerium. Der Großteil der Kommunen hat aber massive Vorbehalte, Standort einer forensischen Klinik zu werden.
Das Steffens-Ministerium weist die Kritik der Bürgermeister deshalb zurück. "Es gab ein Beteiligungsverfahren", betont ein Sprecher. Als Reaktion auf das Schreiben aus dem Herbst 2011 hätten die Kommunen allerdings keine Standorte als geeignet vorgeschlagen. Dabei sei von Anfang an klar gewesen, dass das Land in den jeweiligen Regionen Standorte finden müsse.
Immer wieder Widerstände
Widerstand gegen neue Forensik-Standorte ist nicht neu. 2004 hätte beispielsweise die damalige Landesgesundheitsministerin Birgit Fischer (SPD) beinahe ihr Landtagsmandat in Herne verloren, weil ausgerechnet in Herne-Eickel eine Klinik für Straftäter gebaut wurde. Erboste Genossen scheiterten nur knapp daran, die Ministerin nicht wieder als SPD-Kandidatin zur Landtagswahl 2005 aufzustellen.
Der aktuelle Entscheid sorgt im Netz für Diskussionen. "Überall, aber nicht in meiner Nähe", kritisierte ein Twitter-Nutzer das Sankt-Florians-Prinzip in den Gemeinden. Auch bei Facebook wird der Forensik-Standortbeschluss debattiert. Ministerin Steffens stellt sich der Kritik ab der kommenden Woche auf Bürgerversammlungen in den fünf betroffenen Kommunen.
Stichworte
- Maßregelvollzugspatienten
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Bei Maßregelvollzugspatienten handelt es sich um Straftäter, die aufgrund ihrer Erkrankung das Unrecht der Straftat nicht oder nur bedingt erkennen konnten. Daher sind diese nicht oder nur vermindert schuldfähig. Die Einweisung der Patienten erfolgt durch Landgerichte.
- Sankt-Florians-Prinzip
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Ob es um Fluglärm, Atommüllendlager oder andere Eingriffe in das eigene Wohnumfeld geht: Zur rhetorischen Grundausstattung im Streit um Ansiedlungen zählt der Vorwurf, der Gegner handele nach dem Sankt-Florians-Prinzip. Florian, im Jahr 304 in Oberösterreich wegen seines christlichen Bekenntnisses ermordet und später heiliggesprochen, gilt als Patron gegen Dürre und Feuergefahr. Wem der ironische Stoßseufzer zuerst entglitt, ist umstritten, jedenfalls gilt als Leitsatz des Sankt-Florians-Prinzips: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andre an!"
Stand: 26.10.2012, 08.20 Uhr
Kommentare zum Thema (54)
letzter Kommentar: 29.10.2012, 11:52 Uhr
- USA Fan schrieb am 29.10.2012, 11:52 Uhr:
- @Jörg: Die USA ist keine adäquate Demokratie? Wie kommen Sie denn aud diesen Quark? Eine Demokratie misst sich doch nicht an sozialen Hängematten oder sozialistischer Prägung! In den USA wird vieles besser bzw., im Vergleich mit Europa und Deutschland, richtig gemacht. Gerade im Umgang mit Straftätern,gefährlichen Subjekten und dem Strafvollzug im allgemeinen, könnten wir viel von den USA lernen. Täterschutz gibt es dort nicht!
- Wilhelm schrieb am 28.10.2012, 13:37 Uhr:
- Lieber St. Florian: Wir haben keine echte Verfassung sondern ein Grundgesetz. Diese sog. Ewigkeitsklausel bezieht sich auf das Grundgesetz! Bei der Schaffung einer "echten Verfassung" wäre diese Ewigkeitsklausel nicht mehr wirklich relevant :-) Von Verfassungsrechtlern wird es übrigens als praktisch unmöglich angesehen, wesentliche Verfassungsänderungen durch Ewigkeitsklauseln langfristig zu verhindern. Außer durch Änderung des Textes der Verfassung kann sich auch durch eine neue Interpretation desselben faktisch eine Abänderung der durch die Ewigkeitsklausel geschützten Rechtsgüter ergeben. Sie sehen also, nichts ist wirklich für die Ewigkeit! Auch diese sog. diese Ewigkeitsklausel verhindert nicht das man grundsätzliche und notwendige durchsetzt. Alles nur eine Frage der Definitionen und Interpretation :-)) Träumen sie schön weiter!
- Jörg schrieb am 28.10.2012, 12:55 Uhr:
- Rußland und die USA sind keine akäquaten Demokratien. Rußland perse nicht und die USA wird vom Diktat der Lobbyisten und somit des Kapitals regiert. Dort sind die sozialen Stadards teilweise gleich denen in der dritten Welt! Siehe GKV, Arbeitslosenhilfe, Ausbildung und Standards für sozial Schwache!
- WDR.de schrieb am 28.10.2012, 11:14 Uhr:
- Posting wurde entfernt. Beleidigungen werden nicht veröffentlicht.
- St. Florian ist doof schrieb am 27.10.2012, 15:04 Uhr:
- @Wilhelm, gegen vollkommen Unkenntnis und Faktenresistenz gegenüber verfassungsrechtlichen Grundlagen gibts leider keine Argumente. Art. 79 GG verbietet eben alles, was Sie fordern, und ist nunmal von jeder Änderung ausgenommen! Da können sie noch soviel Mehrheit gegen zusammentrommeln ... bevor Deutschland in seiner jetztigen Form nicht abgeschafft ist - klar einige ewiggestrige träumen davon - gibts da nichts drann zu rütteln.
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