Mehr Platz im Maßregelvollzug: Fünf neue forensische Kliniken
Gesundheitsministerin Steffens (Grüne) hat am Dienstag (23.10.2012) den Bau von fünf neuen forensischen Kliniken bekannt gegeben: Die Einrichtungen werden in Lünen, Haltern am See, Hörstel-Dreierwalde, Reichshof und Wuppertal-Barmen entstehen. Vier betroffene Kommunen kündigten Widerstand an.
Die fünf neuen Maßregelvollzugskliniken (auf der zoombaren Karte rot markiert; grün sind die bereits existierenden Standorte) sollen überall dort entstehen, wo derzeit die meisten Klinikplätze fehlen - also in den Landgerichtsbezirken Wuppertal, Münster, Essen, Bonn und Dortmund. Das Ministerium nennt das "regionale Verteilungsgerechtigkeit". 150 Plätze sollen an jedem der neuen Standorte für psychisch kranke und suchtkranke Straftäter entstehen.

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Maßregelvollzug: Mischung aus Klinik und Gefängnis
In Reichshof ist ein ehemaliges Munitionsdepot der Bundeswehr als neuer Standort angedacht. In Lünen ist es die ehemalige Zechenanlage Victoria I/II, in Haltern die Schachtanlage Auguste Victoria-Victoria 9, in Hörstel-Dreierwalde der ehemalige Nato-Flugplatz Hopsten und in Wuppertal-Barmen die derzeitige Polizeiausbildungsstätte Müngstener Straße. Gewollt ist eine wohnortnahe Unterbringung - nur so sei eine Resozialiserung möglich, erklärt Gesundheitsminsterin Barbara Steffens (Grüne) bei der Vorstellung des Ausbausprogramms in der Düsseldorfer Staatskanzlei.
Zahl der Patienten steigt
Die fünf neuen Kliniken sind nötig geworden, weil die Kapazitäten in NRW nicht mehr ausreichen. "Die Zahl der Maßregelvollzugspatienten hat sich in den vergangenen Jahren um zwei Drittel erhöht und wird weiter steigen", so Steffens. In den vergangenen zehn Jahren sei sowohl die Verweildauer - also der Klinikaufenthalt - als auch die Zahl der Patienten von 1.800 auf rund 3.000 angestiegen. Viele der Kliniken sind überbelegt, rund 50 Patienten derzeit in Thüringen und Sachsen-Anhalt untergebracht. Bis 2020 will NRW mit dem Ausbauprogramm deshalb rund 750 zusätzliche Klinikplätze schaffen. Zurzeit sind rund 2.400 Plätze in insgesamt 14 Kliniken vorhanden.
Schon im September 2011 hatte Steffens insgesamt 125 Kommunen aufgefordert, mögliche Standorte für eine forensische Klinik zu nennen. Die Reaktionen fielen aber eher mau aus. Nur sechs Kommunen meldeten potenzielle Grundstücke an das Ministerium. Der Großteil der Kommunen hat aber massive Vorbehalte, Standort einer forensischen Klinik zu werden.
Die Kommunen wehren sich gegen den Neubau

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Wuppertal sei genug belastet, findet der OB Jung
Zum Beispiel Wuppertal: "Bei allem Verständnis dafür, dass das Land etwas gegen die Unterversorgung mit forensischen Plätzen tun muss", so Oberbürgermeister Peter Jung (CDU), "der Standort ist gänzlich ungeeignet." Den dieser liege mitten im Wohngebiet. Zudem sei Wuppertal mit der neuen Justizvollzuganstalt in Ronsdorf, gegen die es auch erhebliche Bedenken vieler Bürger gegeben habe, dem Land in hohem Maße entgegen gekommen. "Wir sind damit in Vorleistung getreten", so Oberbürgermeister Jung. "Es kann nicht sein, dass wir jetzt mit einer weiteren Einrichtung belastet werden."
Noch deutlich weiter in seiner Kritik ging der Bürgermeister der Gemeinde Reichshof, Rüdiger Gennies: "Ich sehe das sehr kritisch und lehne das von Grund auf ab", sagte der CDU-Politiker. Für die Bevölkerung bestehe ein "nicht unerhebliches Gefährdungspotenzial", weswegen seine Gemeinde auch rechtliche Möglichkeiten prüfen werde. Der Bürgermeister von Haltern am See, Bodo Klimpel (CDU), zeigte sich "überrascht und schockiert". Da der Standort mitten in einem Naherholungsgebiet liege, müsse mit sinkenden Touristenzahlen gerechnet werden.
Auch in Lünen herrscht keine Begeisterung: "Wir sind alles andere als glücklich über diese Entscheidung, denn wir halten Lünen und insbesondere den gewählten, innenstadtnahen Standort für den Neubau einer forensischen Klinik für nicht geeignet" so heißt es in einer Stellungnahme der Stadt. Eine Forensik sei ein zusätzlicher Belastungsfaktor für die Stadt, gerade Lünen habe durch den Strukturwandel ehrhebliche Probleme. Der Bürgermeister wolle deshalb in einem persönlichen Gespräch mit der Landesregierung versuchen, die Entscheidung für Lünen zu revidieren.
Steffens: "Der beste Schutz ist die Therapie"
Dass sich Steffens überzeugen lässt und sich für einen anderen Standorte entscheidet, ist unwahrscheinlich. Die Ministerin gab am Dienstag offen zu, das sie mit Wiederstand aus Kommunen und der Bevölkerung rechne. "Es werden schnell Ängste geschürt", so Steffens. Sie will deswegen Veranstaltungen an den neuen Standorte organisieren und sich mit Broschüre, Hotlinie und Informationen für eine "Versachlichung" einsetzen.
"Wissen und Aufklärung" sei das Wichtigste. Seit 2005 sei aus den neu errichteten Kliniken kein Patient geflüchtet. Und: "Der beste Schutz vor kranken Straftätern bleibt die Therapie", so Steffens. So schnell es geht, sollen nun der Bau und die Inbetriebnahme der neuen Kliniken erfolgen. Die Kosten für den Ausbau werden vom Ministerium auf insgesamt 240 Millionen Euro beziffert.
Für Fragen aus der Bevölkerung hat die Landesregierung eine kostenlose Hotlinie geschaltet. Diese ist unter 0800/137 7137 montags bis freitags von acht bis 18 Uhr erreichbar.
Stichworte
- Maßregelvollzugspatienten
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Bei Maßregelvollzugspatienten handelt es sich um Straftäter, die aufgrund ihrer Erkrankung das Unrecht der Straftat nicht oder nur bedingt erkennen konnten. Daher sind diese nicht oder nur vermindert schuldfähig. Die Einweisung der Patienten erfolgt durch Landgerichte.
Stand: 23.10.2012, 15.40 Uhr
Kommentare zum Thema (30)
letzter Kommentar: 25.10.2012, 15:54 Uhr
- Therapie schrieb am 25.10.2012, 15:54 Uhr:
- Geht es hier inzwischen nur noch um "mir doch egal was das kostet, Politik verstehe ich eh nicht, irgendwo müssen die Menschen ja auch hin - aber doch nicht zu uns!" oder um die ganze Schar die sich mal wieder mit einem Millionen Projekt die vorübergehende Daseinsberechtigung erhascht obwohl es wichtigeres im Lande / Landkreis gibt???? Das mit dem Ausbrechen meinte ich; die Millionen in die bestehende Gebäude investieren, Personal schaffen - sicherere bestehende Justizvollzugsanstalten als neue heerschaftliche Forensiken schaffen.
- Anonym schrieb am 25.10.2012, 15:52 Uhr:
- Ich verstehe das allgemein nicht. Für alte und/oder kranke Menschen, die ihr Leben lang ihre Pflicht erfüllt haben und ihrer Arbeit nachgegangen sind, sind nicht genügend Mittel für eine ordentliche und humane Unterbringung und Vesorgung vorhanden. Für "kranke" straffällig gewordene Indiv... aber ist scheinbar genügend Kapital da, um diesen eine komfortable Unterbringung mit umfassender medizinischer Betreuung in allen Bereichen zu ermöglichen. Vielleicht sollte man zumindest 50 % der hierfür verplanten Summen in eine humane Unterbringung und Betreuung "Unserer Alten" investieren, und so auch denen, die nicht mit einer "Politikerpension" (o.Ä.) gesegnet sind, einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen.
- Lieb Vaterland, es schrieb am 25.10.2012, 13:38 Uhr:
- scheint ja viele Irre zu geben. Die einen werden eingesperrt und die anderen laufen frei herum. - Die Vermehrung des Irrsinns. Funkelndes Glas, wer ist am irrsten im ganzen Land.
- Florian schrieb am 25.10.2012, 08:13 Uhr:
- Ich finde das St. Floriansprinzip im Prinzip eigentlich wirklich gut. Wo ist denn da etwas schlechtes dran? Natürlich ist es mir, wenn es um Negatives geht, immer lieber es trifft Andere und nicht mich! In meiner Nachbarschaft möchte ich solche Kliniken nicht haben, was 500km weiter entfernt passiert ist dagegen für mich nicht von Interesse! Ich mache jede Wette das eine große Mehrheit auch so denkt, das ist einfach völlig normal. Dafür braucht sich niemand schämen. Also, noch ist keine dieser Kliniken gebaut. Verzögern und Bremsen geht immer. Verhindern, mal sehen was machbar ist. Jetzt geht es erst mal darum zu verzögern. Ich wünschen den betroffen Kommunen viel Erfolg dabei.
- Gegen-alles-Bürger schrieb am 24.10.2012, 13:33 Uhr:
- Also, ich bin auch gegen eine Forensik in meiner Gegend, weil ich Angst vor den Betreuten dort drinnen habe. Ich bin aber auch gegen einen Kinderspielplatz in meiner Gegend, weil die Kinder so laut spielen. Und ich bin gegen Krankenhäuser, weil dort immer die Notärzte mit Lalülala eintreffen, die meine Nachtruhe stören. Und ich bin gegen Altersheime, weil sie mich so brutal mit dem Älterwerden konfrontieren. Und überhaupt, ich bin ein Bürger, der gegen alles ist. Vielleicht sollte ich auswandern, dorthin, wo mich nichts mehr aufregt, wo ich gegen nichts mehr sein kann, weil es dort nichts gibt. Also vielleicht auf den Mars?
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