Der Stand der Ermittlungen: Die berechenbare Katastrophe
Wer trägt die Schuld an der tödlichen Massenpanik der Loveparade in Duisburg? Nach knapp zwei Jahren hat die Sonderkommission der Polizei ihre Ermittlungen fast abgeschlossen. Jetzt prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie die insgesamt 17 Beschuldigten anklagt.

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Personalwechsel, Funk- und Handyausfall - welche Fehler machte die Polizei?
Hunderte Stunden Videoaufzeichnungen, 254 Ordner voller Beweise, 3.386 vernommene Zeugen und Terabytes an Daten - die Loveparade ist eine gut dokumentierte Katastrophe. Zwei Jahre dauern die Ermittlungen zur strafrechtlichen Aufarbeitung nun schon an. Am Ende sollen sie helfen, darzulegen: Wer trägt die Schuld an der Massenpanik (24.07.2010), die für 21 Menschen tödlich endete?
Die Kölner Sonderkommission hat ihre Arbeit mittlerweile "weitestgehend abgeschlossen", so teilte die Staatsanwaltschaft Duisburg am Donnerstag (19.07.2012) mit. Durch die "außerordentliche Komplexität" sei aber noch immer ein ganzes Team von Staatsanwälten mit der Aufarbeitung des Geschehens befasst.
17 Beschuldigte im Visier der Behörden
30.000 Blatt umfasst mittlerweile nur die Hauptakte. Gegen 17 Personen wird wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung weiterhin ermittelt. Darunter sind elf Angestellte der Stadtverwaltung, fünf ehemalige freie Mitarbeiter des Veranstalters Lopaevent sowie der Einsatzleiter der Polizei.
Für Hunderttausende Besucher hatte es nur einen Eingang zum Partygelände gegeben - der zugleich auch als Ausgang diente. Er führte zudem über eine enge Rampe sowie durch einen Straßentunnel. Zu dem tödlichen Gedränge kam es, als zu- und wegströmende Menschen an der Rampe zum Festgelände aufeinandertrafen.
Staatsanwaltschaft: Polizei hatte kaum Funkverbindung
Mehr als 4.100 Polizeibeamte waren bei der Loveparade in Duisburg im Einsatz - ihre Rolle und Einflussmöglichkeiten sollten unter anderem die Kollegen von der Essener Polizei untersuchen. Dieser "vorläufige Abschlussbericht des Essener Polizeipräsidiums" vom Oktober 2010 wurde zunächst unter Verschluss gehalten, im Juni 2011 legte Innenminister Ralf Jäger (SPD) dem Landtag den Bericht vor. Darin wird dargestellt, dass es "keine außergewöhnlichen Funkprobleme" gegeben habe. Auch über ihre Handys sollen die Polizisten durch eine "Priorisierung der von der Polizei eingesetzten SIM-Karten" keinerlei Kommunikationsschwierigkeiten gehabt haben.
Der Polizei in Essen standen jedoch nicht die Beweismittel der Staatsanwaltschaft Duisburg zur Verfügung. Anders als im Bericht der Essener Polizei stellt diese in ihrem 452 Seiten dicken Zwischenbericht erhebliche Kommunikationsprobleme fest. Insbesondere im Bereich des Tunnels sei eine Verständigung über Funk so gut wie nicht möglich gewesen. Der Bericht von Januar 2011 führt außerdem an, dass die zwingend erforderliche Lautsprecheranlage mit Vorrangschaltung für die Polizei vom Veranstalter nicht installiert wurde. Um die Auflagen zu erfüllen, hätte Lopaevent eigentlich das komplette Veranstaltungsgelände mit einer Alarmierungsanlage ausstatten müssen. Das war aber nie geschehen.
"Die Erteilung der Genehmigung erfolgte rechtswidrig"

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Besucher flohen über einen Lichtmast
Weiter heißt es in dem Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft Duisburg, dass der Einsatz der Ordner, die die Besucherströme lenken sollten, fehlerhaft gewesen sei. Zudem soll der leitende Polizeidirektor den Ernst der Lage nicht rechtzeitig erkannt haben. Die Stadt Duisburg habe ein mangelhaftes Sicherheitskonzept des Veranstalters unkritisch übernommen. Die Erteilung der Genehmigung sei rechtswidrig erfolgt. Ihr Hauptaugenmerk richtet die Staatsanwaltschaft deshalb auf die Stadt Duisburg als genehmigende Behörde.
Britischer Experte: Eintritt der Katastrophe war ausrechenbar

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Die Rampe diente sowohl als Einlass als auch als Ausgang
Wann die Ermittlungen zur Loveparade endgültig abgeschlossen sind, lässt sich laut Detlef Nowotsch von der Staatsanwaltschaft Duisburg schlecht vorhersagen. Man warte noch auf das abschließende Gutachten des britischen Professors Keith Still von der Bucks New University. Still forscht dort über die Sicherheit von Menschenmassen und ist auf dem Gebiet international anerkannt.
Ein kurzer Report des Wissenschaftlers vom Januar 2012 liegt WDR.de vor. Darin rechnet Still schlicht und einleuchtend das Fassungsvermögen der Anlage, und besonders der an einigen Stellen nur zehneinhalb Meter breiten Rampe, mit der Anzahl der Loveparade-Besucher gegen. Sein Urteil: Fehlplanung. Ein einfaches Rechenverfahren hätte gezeigt, dass die Fläche der Rampe den Menschenströmen zu Spitzenzeiten nicht gewachsen sein konnte. Keith Still kommt zu dem Schluss: "Failure of the system was predictable" (Übersetzung: Das Versagen des Systems war vorhersehbar).
Stand: 23.07.2012, 06.00 Uhr
- Loveparade-Selbsthilfe will Untersuchung: Betroffene wünschen mehr Geld und Akteneinsicht (21.07.2012)
- Neues Gutachten zur Loveparade: Katastrophe mit Ansage? (17.02.2012)
- Staatsanwaltschaft Duisburg legt Bericht vor: Neue Vorwürfe gegen die Polizei (16.05.2011)
- Interview mit Ombudsmann: Vermitteln und helfen nach der Katastrophe (05.08.2010)
- Beiträge zur Loveparade 2010 [Mediathek]
Kommentare zum Thema (32)
letzter Kommentar: 26.07.2012, 00:58 Uhr
- Stürmer schrieb am 26.07.2012, 00:58 Uhr:
- @Driver: Fakten sehe ich oft in den USA. Dort stolpert ein Mensch an einer Treppe wenn da nicht "Vorsicht Stufe" steht. Der stolpert nicht weil da eine Stufe ist, der stolpert weil da nicht steht "Vorsicht Stufe". Die Leute da sind das so gewohnt. Da tut man natürlich auch seinen Hamster in eine Microwelle wenn da nicht dransteht "Nicht für Haustiere geeignet". Das ist halt anders als in Deutschland. In Deutschland muss nicht an einem Tunnel stehen: Nur für max. 10.000 Menschen geeignet. Das wissen die Menschen hier in der Regel auch so. Ausser man sagt Ihnen das dieser Tunnel eigentlich überhaupt kein Problem ist oder man redet erst gar nicht über einen Tunnel! Was aber in Deutschland verbindlich ist, ist das der Oberhäuptling die Verantwortung für sein Rudel übernimmt. Wenn der OB nicht die Verantwortung für die größte Veranstaltung in seiner Gemeinde übernimmt, wer denn sonst? Natürlich ist der OB für die Geschehnisse in seiner Stadt Verantwortlich. Wer denn sonst?
- Driver schrieb am 25.07.2012, 10:10 Uhr:
- Tja Klaus: Danke für die Bestätigung meiner Aussagen. Ihr Post hat inhaltlich wieder so viel, wie eine leere Tüte. Nämlich Nix. Aber das ist typisch Deutsch: Schieb die Schuld auf andere, wenn deine eigenen Fehler dich unzufrieden stimmen. Hier wurde das in Perfektion praktiziert, und manche wollen das noch ausreizen bis sie selber merken, dass es sinnlos ist. Aber ob das passiert?! Allein mir fehlt der Glaube.
- Klaus Lohmann schrieb am 24.07.2012, 23:58 Uhr:
- @Driver: Natürlich, is' klar. Alle bislang veröffentlichten Dokumente und Videos sind von den pösen Medien oder Sauerland-Gegnern oder Islamisten gefaked und die LoPa hat wahrscheinlich - wie die Mondlandung - gar nicht stattgefunden, wenn man Ihnen so zuhört. Informieren Sie sich einfach *vor* dem Kommentieren, dann ersparen Sie sich auch solche Peinlichkeiten. Wenn Sie mal wieder in Soest wie ein Vieh der Herde folgen, wünsche ich Ihnen alles Gute!
- Driver schrieb am 24.07.2012, 22:55 Uhr:
- @Klaus Lohmann: Tolle Sprüche bringen ist leider das einzige was sie können. Fakten sehe ich in ihren Beiträgen, egal in welchem GB keine. Sie stützen sie auf die Aussagen, die ihnen durch die Medien eingetrichtert werden, ohne selber einen Beweis erbringen zu können. Wenn ich als Mensch mich einer Gefahr aussetze, kann ich schnell darin umkommen. Und wer eine derart große Menschenmenge nicht als Gefährdung ansieht und trotzdem noch wie ein Vieh der Herde folgt, kann nunmal derbe auf die Nase fallen. @Der Verwunderte: Doch, das kann ich. Denn auch da steht man Freitag Abends mit viel Pech mehrere Minuten imn Gedränge, OHNE dass man auch nur einen Meter voran kommt oder etwas nach vorne sieht. Das die Staatsanwaltschaft gewissen haft ermittelt, ist so oder so meine Vermutung. Allerdings gibt es Leute in den GB des WDR, die genau das nicht glauben. Die reden lieber vom Schutz der Polizei usw. Und ich glaube auch nich, dass Frau Irrgang an der Kirmes was ändert. Die is seit Jahren gut so.
- willi schrieb am 24.07.2012, 21:16 Uhr:
- Ich bin gespannt, ob die Namen der 12!!! "Angestellten" der Stadt Duisburg überhaupt bekannt gemacht werden und dieses auch zu Konsequenzen bzw. Entlassungen aus dem Beamtenstatus (Hängematte) führen wird, ich glaube es nicht. Denn diese "Angestellten respektive doch wohl "Beamte" wird man nicht ans Bein pinkeln - einen davon kenne ich sehr gut und auch seine Aussage vor der Loveparade.
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