Internet-Leerstandsmelder in Dortmund Rote Ballons an Schmuddelecken

Von Claudia Kracht

Unbewohnte Mietshäuser, verwaiste Gewerbe-Flächen, verlassene Wohnungen: Viele tausend Häuser in NRW-Städten stehen leer. Dortmunder Bürger können jetzt online melden, welche Gebäude in ihrer Stadt nicht genutzt werden.


Frontansicht der alten Kronenbrauerei
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Die alte Kronen Brauerei

Das alte "Kronen-Viertel" in Dortmund - einst Markenzeichen der Stadt: Heute liegen hier hunderte Jahre Brauereigeschichte und tausende Arbeitsplätze begraben. Ein staubiger Wind zieht durch die zerfallenen Gemäuer. Ein roter Luftballon hängt an dem Gebäude. Er signalisiert, dass es leersteht. Ursprünglich wollte hier ein Privat-Eigentümer Wohnungen bauen, aber der Investor sprang ab. Das war vor acht Jahren, erinnert sich Villim Brezina. Der Student der Raumplanung vom "Verein der Urbanisten" in Dortmund rief eine Internetseite ins Leben, um freistehenden Immobilien in der Stadt auf die Spur zu kommen. In diesem Verein widmen sich Raumplaner, Anwohner, Pädagogen und Künstler der Gestaltung und Belebung öffentlicher Räume.

Rote Pins im Netz, rote Ballons in der Stadt


Leerstehendes Haus in Dortmund
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Eigentumsrechte ungeklärt

Seit zwei Wochen können ungenutzte  Gebäude und Flächen in Dortmund auf der Internetseite "www.leerstandsmelder.de" markiert werden. Einziges Pflichtfeld ist die Adresse. Alle weiteren Angaben sind freiwillig, etwa zur Dauer des Leerstandes, zum Besitzer oder zu Abriss-Gerüchten. Auf der Online-Karte finden sich bereits viele rote Pins, ein roter Punkt für jedes leer stehende Gebäude. Manche Nutzer und Macher der Website übertragen die Kennzeichnung auch in die Wirklichkeit draußen: Sie hängen rote Luftballons an die Leer-Stellen der Stadt. Bislang sind sieben deutsche Städte im Leerstandsmelder vertreten, neben Hamburg, Berlin oder Frankfurt eben Dortmund als bislang einzige Stadt in NRW.

Ganze Stadtviertel abgewertet


Verlassener Laden in Dortmund
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Hohe Mieten halten Nachmieter fern

In Dortmund stehen nach städtischen Angaben derzeit fast 8.000 Wohnungen und mehr als 170.000 Quadratmeter Bürofläche leer. Manche Häuser sind seit Monaten unbewohnt, andere seit Jahren. Darunter sind kleine Läden, aber auch riesige Verwaltungs-Gebäude mitten in der City. Villim Brezina hält es für besonders wichtig, dass die Dortmunder Bürger Anteil nehmen an der Gestaltung ihrer Stadt: "Leere Häuser verursachen nicht nur hohe Kosten, sondern sie sind auch schlecht für die Stadtentwicklung. Nach einer gewissen Zeit des Leerstands gibt es Vandalismus und Schmuddelecken - und damit eine Abwertung ganzer Stadtviertel."

Stadt Dortmund will Wohnraum besser schützen


Frontansicht mit Bauzaun des Versorgungsamtes Dortmund
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In gute Hände abzugeben

Deswegen hat die Stadt Dortmund kürzlich eine Satzung zum Schutz des Wohnraums erlassen: Jeder Vermieter muss demnach der Stadt melden, wenn sein Haus leer steht, ansonsten drohen ihm Ordnungsstrafen von bis zu 10.000 Euro pro Wohnung, warnt Elke Beißner, stellvertretende Amtsleiterin für Wohnungswesen. Städte in NRW dürfen eine solche Satzung vorschreiben, sobald sie erhöhten Wohnraum-Bedarf feststellen. Das ist in Dortmund so. Außerdem sind hier die Leerstände gestiegen. Daher müssen Eigentümer beispielsweise Veränderungs-Wünsche oder Eigennutzungspläne der Stadt mitteilen.

Höchstpreise für Glücksspiel und Bordelle

"Viele Eigentümer kümmern sich gar nicht um ihren Wohnraum. Andere haben nicht das Geld, um ihre Immobilie zu verschönern", erläutert Elke Beißner. Häufig seien die Eigentums-Verhältnisse nicht geklärt - oder Erbengemeinschaften total zerstritten. Die Folge seien oft langjährige Rechtsverfahren. Manche Eigentümer meldeten Insolvenz an, und bei den Zwangsversteigerungen böten Betreiber von Glückspielläden oder Bordellen Höchstpreise. Dann habe das Wohnungsamt keinen Einfluss mehr. Das soll sich ändern: Sobald die Stadt künftig weiß, wem der Wohnraum gehört, will sie mit den Besitzern über eine seriöse Nutzung verhandeln.

Ideen für alternative Nutzung sammeln

Villim Brezina möchte, dass die Online-Nutzer mitdiskutieren und neue Anregungen liefern. Mit Hilfe der Kommentar-Funktion kann der Besucher nicht nur auf leere Gebäude hinweisen, sondern auch Ideen für eine Nutzung hineinschreiben. Brezina: "Nach der Meldung ist dies der zweite Schritt. Der dritte wäre dann, sich zusammen zu tun, um alternative Ideen auszuprobieren." Und an Ideen habe es bisher wahrlich nicht gemangelt: "Etwa für Künstler-Ateliers, Werkstätten, Bürger-Treffs oder ein kleines Café."


Stand: 04.09.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (15)

letzter Kommentar: 04.09.2012, 20:27 Uhr

WDR.de schrieb am 04.09.2012, 20:27 Uhr:
Kommentar gesperrt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Argumenten zur Diskussion bei.
Wer will das Wissen schrieb am 04.09.2012, 14:32 Uhr:
Schlechte Idee mit dem kenntlich machen, denn dann zieht es genau das Publikum an das NIEMAND in seiner Nachbarschaft haben will. das kenne wir ja bereits aus der Do-Nordstadt. Übrigens kann jeder Eigentümer mit seinem Besitz machen was er will, solange keine Gefahr für die Öffentlichkeit (also uns USER) besteht.
Jan schrieb am 04.09.2012, 14:16 Uhr:
Die prinzipielle Ursache für die großen Lehrstände ob Wohnraum oder Gewerbe-Flächen ist das die Marktgesetze außer Kraft gesetzt sind. Angebot und Nachfrage regeln den Preis gilt hier nicht. Es scheint für ein Großteil der Hausbesitzer günstiger zu sein Werte einfach verfallen zu lassen anstatt ein bisschen weniger Miete einzunehmen. Genau für solche Fälle gibt es den Art. 14 (2) GG.
Michael schrieb am 04.09.2012, 13:35 Uhr:
Soso die Bürger sollen sich also hier vor den Karren der städtischen Bediensteten spanne lassen weil die nicht mehr weiter wissen. Für eine Großstadt wie Dortmund ist das alles noch verkraftbar, aber wie sieht es auf dem Lande aus wo durch die Politik der Sozies in den kommenden Jahrzehnten ganze Orte zu Wüstungen werden weil dort niemand mehr lebt. Dort wird zurzeit die Infrastruktur zurückgefahren, Kindergärten und Schulen geschlossen, ÖPNV ausgedünnt bzw. ganz eingestellt usw. Die sieht es in Dortmund schon anders aus, ob hier nun 550.000 oder 500.000 Menschen leben merkt man doch kaum.
Bauwut schrieb am 04.09.2012, 13:09 Uhr:
Da wird der Bürger schön vor den Karren gespannt und meldet auch noch fleissig leerstehende Gebäude. Was läuft denn da wohl schief, wenn ein städtisches Wohnungsamt nicht merkt was vor der eigenen Diensttür passiert und auf Meldungen der Bürger angewiesen ist? Und ganz im Ernst; manch Etablissement ist steuerlich und optisch schöner anzusehen als ein Leerstand von dem ein Wohnungsamt nichts wusste und dem dann die Hände gebunden sind... Schildbürgerstreich und alle machen mit :-(

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