Warum sich ein Jahresrückblick lohnt Bilanz ziehen, Prioritäten neu ordnen

Jahresende - Zeit der sentimentalen Rückblicke oder hochseriösen Horoskope. Und dann? Bilanz ziehen, sagt der wdr.de-Experte, Selbstreflexion üben und dran bleiben. Entscheiden, was wichtig und was dringend ist. Untenstehend finden Sie unsere exklusiven Denkanstöße, und hier geht's zum Experteninterview.


WDR.de: Inventur, Kassensturz, Bilanz zum Ende des Jahres. Sie beraten Menschen und Unternehmen – macht es für beide wirklich Sinn, so eine Bilanz zu ziehen?

Dr. Peter Hannen: Die Sinnhaftigkeit einer Bilanz ist ja erwiesen und das sollte man in regelmäßigen Abständen machen. Man muss ja kontinuierliches Monitoring betreiben. Wenn ich nur einmal im Jahr Bilanz ziehe, kann das im Einzelfall schon zu spät sein. Die Märkte werden immer schneller, das heißt,  die Reaktionszeiten, um Fehlentwicklungen zu korrigieren werden auch immer kürzer.

WDR.de: Bleiben wir bei der persönlichen Bilanz – ist es da auch zu wenig, wenn man die nur einmal im Jahr zieht?


Hannen: Ja, definitiv. Als Bilanz würde ich das allerdings nicht bezeichnen, das klingt ja ein bisschen erschreckend, aber eine kontinuierliche Reflexion, auch Selbstreflexion dessen, was passiert. Wenn ich auf einer Führungsposition sitze, bin ich ja permanent mit Situationen konfrontiert, die Auswirkungen haben auf anderen Menschen, auf Märkte und Strukturen.

WDR.de: Ist das Jahresende ein guter Zeitpunkt, um noch einmal zurück zu schauen und übers große Ganze nachzudenken?

Hannen: Diesen Anlass kann man gerne nehmen, weil das ist ein akzeptierter Anlass und eine feste Größe im Ablauf und von daher sollte man das nutzen und das institutionalisierte Bilanzieren auch noch zusätzlich praktizieren.

WDR.de: Was sind denn Punkte, auf die man achten sollte?


Hannen: Die Fragen sind immer gleich: Woher wohin und warum? Welche Ziele habe ich mir selbst noch nicht erfüllt? Wenn ich sie klar definiert hatte – woran liegt es, dass ich diese Ziele noch nicht erreicht habe? Liegt es an mir oder an äußeren Umständen? Liegt es möglicherweise an beidem? Außerdem muss ich mit meinen Ressourcen pfleglich umgehen. All die Dinge, die unnütz Energie kosten, sind Verschwendung und sollten rausfliegen. Dafür brauche ich aber die kritische Selbstreflexion, idealerweise unterstützt durch ein Gegenüber. Das können ein Coach oder auch ein guter Freund sein, die sach- und kenntnisreich die Dinge betrachten und diskutieren.

WDR.de: Gibt es denn Möglichkeiten, auch diese Bilanzen zu schönen?


Hannen: Das hängt vom Individuum ab. Es gibt erfolgsmotivierte Menschen und es gibt auch misserfolgsmotivierte Menschen – das ist ein theoretisches Konstrukt aus der Psychologie. Generalisiert gesagt bedeutet das, dass der erfolgsmotivierte Mensch dazu neigt, sich Erfolge selber zu zuschreiben und nicht den anderen. Er bevorzugt Situationen mit mittlerem Schwierigkeitsgrad, weil da die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist, dass er viel erreicht. Der Misserfolgsmotivierte geht wiederum in Situationen, wo es eher unwahrscheinlich ist, diese Ziele zu erreichen. Da muss man schauen, wie die Grundausstattung des Einzelnen ist.

WDR.de: Aber wenigstens ein bisschen aufpolieren?

Hannen: Nicht schönfärben! Denn Schönfärben bringt in aller Regel mehr Probleme, als dass sie dadurch gelöst werden.

Das Interview führte Vera Pache


Stand: 31.12.2012, 06.00 Uhr


Kommentare zum Thema (4)

letzter Kommentar: 31.12.2012, 17.49 Uhr

Ubertino da Casale schrieb am 31.12.2012, 17.49 Uhr:
Gemach Leute, statt der 12 steht nun morgen lediglich eine 13 hinter der Null. Dies ist die einzige Änderung von Relevanz, alles andere findet ausschließlich im Kopf statt. Wer heute Probleme hat, wird sie auch ab morgen, also in 2013 haben! Eine persönliche Bilanz?? Dafür brauche ich keinen Jahreswechsel, die mache ich wann es mir beliebt!!
Nichtwahr schrieb am 31.12.2012, 14.35 Uhr:
Jung- und Altunternehmer sollten im kommenden Jahr ihr Nachtleben und die Lustreisen nicht den Falschen mit auf die Rechnungen schreiben, und sogleich an die Mindestlöhne denken. Lieber im Voraus eines Jahres an richtiges Handeln denken. Tricksereien schaffen keine Arbeit, sag ich. Jetzt sagt neben mir meine kleine Tochter: Nur Arbeit schafft wieder Arbeit. Wer den Strom abstellt, kann keine Arbeit schaffen. Das ist helle.
WDR.de schrieb am 31.12.2012, 14.02 Uhr:
@guardian - Kommentar wurde entfernt. Bitte üben Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll, hier soll konstruktiv diskutiert werden.
Anonym schrieb am 31.12.2012, 11.57 Uhr:
Danke, dass mir jemand etwas über die Nöte des Wirtschaftsklüngels erzählt und damit mein nervöse Gereiztheit geradezu herausfordert. Ich weiß, jeder hat viel mehr verdient. Was soll das denn - wenn eine Finanzzeitung pleite geht, stellt sich der Rundfunk zur Verfügung. Mein kontinuierliches Monitoring wartet schon gut gekühlt im Kellergewölbe auf mich. Die gezielte Überwachung jener, die meinen guten Wein wegtrinken möchten, damit ich heute wenigstens zwei Flaschen für uns stehen habe.