Hambacher Forst - Waldbesetzercamp Polizei nimmt Landeigentümer fest

Von Nina Magoley

Die Besetzer des inzwischen geräumten Waldes Hambacher Forst bei Kerpen haben ihre Zelte nun auf einer Wiese am Waldrand aufgeschlagen. Als die Polizei das Camp räumen wollte, nahm sie als Erstes den herbeigeeilten Grundstücksbesitzer fest.


Da staunte Kurt Claßen nicht schlecht: Eigentlich war der Kerpener am Dienstagnachmittag (20.11.2012) auf sein Wiesengrundstück gekommen, um nachzusehen, warum dort mehrere Polizeiautos standen. Wenig später war er festgenommen.

Gegen 16 Uhr waren Beamte der Polizei Rhein-Erft-Kreis auf der Wiese in der Nähe des Morschenicher Sportflughafens erschienen und hatten die Aktivisten aufgefordert, das Gelände zu verlassen - mit der Begründung, der Eigentümer hätte Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs gegen sie erstattet. Noch während Polizei und Aktivisten miteinander diskutierten, hatte Kurt Claßen den Ort des Geschehens erreicht. "Ich wollte sagen, dass ich der Besitzer des Grundstücks bin und nichts dagegen habe, dass die Klimaschützer dort lagern", berichtet der 64-Jährige, "doch der Einsatzleiter ließ mich gar nicht zu Wort kommen".

In Handschellen abgeführt

Er würde gerade eine polizeiliche Maßnahme stören, habe man ihn stattdessen wissen lassen. Und als Claßen sich weiter über den Vorgang empörte, ordnete der leitende Polizist seine Festnahme an. "Im eisernen Griff zweier Polizisten wurde ich zum Polizeiauto geführt", beschreibt Claßen, der in Kerpen ein Steuerberatungsbüro betreibt, den weiteren Ablauf. Dort seien ihm Handschellen angelegt worden. Im Auto habe er schließlich nochmals laut gerufen, dass er der Grundstücksbesitzer sei und dass in seinem in der Nähe geparkten Auto ein Aktenordner mit Papieren zu finden sei, die das beweisen könnten.


Immer noch in Handschellen habe man ihn dann zum seinem Auto geführt - vorbei an mehreren staunenden Passanten auf dem nahen Flughafengelände. Ein Grundbuchauszug und Katasterpläne lieferten den Beweis, dass Claßen tatsächlich der Grundstückseigentümer ist. Doch den Polizisten schien das nicht ausreichend. Trotz bereits eingebrochener Dunkelheit habe man mühsam die Grenzen des Grundstücks abgemessen. Schließlich hätten die Beamten einräumen müssen, dass sie sich geirrt hatten. Claßen: "Dann wollten sie mich haftbar machen wegen eines Autos, das die Aktivisten auf die Wiese gefahren haben. Das sei ein Verstoß gegen den Umweltschutz."

Polizei: "Er durfte sich ins Auto setzen"


Die Polizei Rhein-Erft-Kreis bestätigt die Festnahme. "Der Mann hat die Polizei nunmal massiv gestört", erklärt Bernd Mauel, Sprecher der Polizei Rhein-Erft-Kreis, am Tag nach dem Vorfall. Er habe "rumgepöbelt", daher hätten die Kollegen ihn "erstmal entfernt, er durfte sich ins Auto setzen". Erst später habe man gesehen, dass er der rechtmäßige Besitzer des Grundstücks ist. Der Festgenommene sei dann "sehr schnell" wieder freigelassen worden, meint der Sprecher. Zu den Details, die dann folgten - etwa dass noch stundenlang die Grundstücksgrenzen vermessen wurden - könne er sich nicht äußern, sagt der Sprecher. Er bestätigt allerdings, dass der Vorgang insgesamt fast vier Stunden gedauert habe. "Der Polizeiführer bedauert den Vorfall", fügt Mauel hinzu, das Ganze sei offensichtlich "ein Missverständnis" gewesen.

Anwohner wollten gerade Pfannen und Töpfe bringen

Für Peter Abels, der der Bürgerinitiative "Buirer für Buir" angehört, bleibt der Vorfall rätselhaft. Mitglieder der Bürgerintiative aus Anwohnern des Braunkohletagebaus hätten den Aktivisten gerade Töpfe und Pfannen bringen wollen, als die Polizei dort auftauchte. Abels sah nach eigenen Aussagen, wie Claßen mit auf den Rücken gebundenen Händen zum Polizeiauto geführt wurde. "Mein Verständnis von guter Polizeiarbeit ist hier massiv in Frage gestellt", sagt der 53-jährige Kerpener Versicherungsmakler Abels. Kurt Claßen, dem noch am Tag danach der Schrecken in den Gliedern steckt, sagt, er wolle die Polizei möglicherweise für den Vorfall belangen.


Seit April hatten die Umweltaktivisten den Hambacher Forst besetzt, um gegen seine Abholzung zu protestieren. Der Wald soll, ebenso wie mehrere umliegende Dörfer, dem fortschreitenden Braunkohleabbau durch den Energiekonzern RWE zum Opfer fallen. Vergangene Woche war das Waldbesetzercamp von der Polizei geräumt worden. Die Aktivisten hatten am Montag (19.11.2012) angekündigt, ihren Protest fortzusetzen.


Stand: 21.11.2012, 18.00 Uhr


Kommentare zum Thema (95)

letzter Kommentar: 23.11.2012, 15.19 Uhr

Unnötig, nicht notwendig schrieb am 23.11.2012, 15.19 Uhr:
Lasst euch doch nicht erzählen Strom wäre so teuer wegen erneuerbarer Energie.DAS ist eine Ausrede , die Preise steigen um das Doppelte wie notwendig wäre. Nur damit ihr noch mehr von eurem Lohn den Energieriesen in den Hals werft . Und dazu noch eure Gesundheit und, eure Umwelt (unnötig)zerstören lasst.
ODO schrieb am 23.11.2012, 09.11 Uhr:
Zufälle gibts: Waldbesetzer besetzen eine Wiese die gar nicht RWE gehört. Zufall? Jemand ruft die Polizei. Zufall? Der Wiesenbesitzer Kommt. Zufall? Der Wiesenbestitzer hat rein zufällig Katsterunterlagen dabei, die Ihn als Besitzer ausweisen. BTW: Hab ich auch immer dabei. LOL Der Wiesenbesitzer ist ein Umweltaktivist, der seit Jahren gegen RWE kämpft und rein zufällig diese Wiese im Abbaugebiet gekauft hat. Zufälle gibts!! Kann es ein, das hier Presse, Öffentlichkeit und Polizei zufälligerweise an der Nase herumgeführt werden
Brownie schrieb am 22.11.2012, 22.58 Uhr:
Ohne Braunkohle könnte hier niemand schreiben weil es die Stromnetze nicht geben würde, oder nie gegeben hätte. Warum wird auf anderen Seiten der hohe Strompreis disskutiert? Es ist einfach alles an Umweltgerechtem zu fordern, ohne den Leuten ehrlich die Kosten für die Alternativen aufzuzeigen. Wenn Kollege Hartz4 seine Stromrechnung nicht bezahlen kann, soll er sich an den Umweltschutz wenden. Alternative Energieen sind halt nicht billig. Alternative Energieen können nur vom schaffendem Volk erbracht werden.
Veritas schrieb am 22.11.2012, 18.19 Uhr:
Offenbar wurden viele der Polizisten von der ehemaligen DDR-Volkspolizei uebernommen - anders kann man sich diese UEBERGRIFFE VON WILLKUER UND UEBERHEBLICHKEIT nicht erklaeren. Ein merkwuerdiges Demokratie-Verstaendnis der SOGENANNTEN ORDNUNGSKRAEFTE , die unbescholte Buerger DRANGSALIEREN UND FESTNEHMEN UND PRIVAT-GRUNDSTUECKE widerrechtlich betreten und unsinninge, daemlich Vermessungen durchfuehren , obwohl einschlaegige Plaene des Katasteramtes vorliegen. Fuer diese substanzlos-bloedsinnige Aktion sollten die VERANTWORTLICHEN ZUR RECHENSCHAFT GEZOGEN WERDEN, die meinen sich in einem rechtsfreien Raum zu bewegen und die VERHAELTNISMAESSIGKEIT DER MITTEL AUSSER KRAFT ZU SETZEN. Mit lapidaren Entschuldigen und Hinweise auf ein MISSVERSTAENDNIS ist es NICHT GETAN.hoffentlich bleibt uns solch eine Erfahrung mit den viel zitierten FREUNDEN UND HELFERN erspart.
Anonym schrieb am 22.11.2012, 17.50 Uhr:
Ich lese mit Interesse alle Kommentare betreffend die Besetzung im Hambacher Forst und möchte mal folgende Frage stellen und bin gespannt auf die Antworten. Was würde passieren, wenn Rheinbraun auf die Idee kommt, aufgrund der massiven Proteste von den Besetzern und Bürgern, die Tagebaue Hambach und Inden zu schließen, sowie das Kraftwerk in Niederaußem und Weißweiler stillzulegen, Damit wäre den Protesten stattgegeben. Wer gibt denn dann den vielen neuen Arbeitslosen Lohn und Brot???

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